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Mi., 7. Januar, 2026
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Der Heilige Coup – 100 Jahre RSS

Hundert Jahre RSS. Ein Jahrhundert der Rituale, der Disziplin, der stillen Marschmusik. Eine Organisation, die Indien formen wollte – und es tatsächlich tat. Nur die Richtung ist bis heute umstritten. Ein Essay-Kommentar.

Bild: Hindutva-Vordenker Savarkar, RSS-Gründer Hedgewar und der derzeitige RSS-Chef Bhagwat. (KI-generierte Illustration)

Vom heiligen Berg Govardhan aus wirkt die Welt der Rashtriya Swayamsevak Sangh (zu Deutsch etwa Nationaler Freiwilligenverband), kurz RSS, fast wie ein Ruhepol. Grüne Felder, grasende Kühe, Männer in weißen Hemden und khakifarbenen Hosen, die der Sonne salutieren. Ein Bild von Ordnung, Hingabe, Konzentration. Doch hinter dieser Stille steht eine Bewegung, die seit einem Jahrhundert Disziplin nicht nur als Übung versteht, sondern als kulturelles und gesellschaftliches Ordnungsprinzip.

Heute ruft ihr Anführer Mohan Bhagwat zum Kampf gegen „Wokeism“ und den „Deep State“ auf – Begriffe, die aus westlichen Kulturdebatten stammen und im indischen Kontext neu interpretiert werden. In seinen Reden warnt Bhagwat vor Kräften, die das Land spalten wollten. Politische Beobachter weisen zugleich darauf hin, dass die RSS seit der Unabhängigkeit ein weit verzweigtes organisatorisches Netzwerk aufgebaut hat, das in vielen gesellschaftlichen Bereichen präsent ist – strukturiert, diszipliniert und langfristig angelegt.

Die Bewegung entstand 1925 in Nagpur, am Tag des Vijayadashami-Festes. Ihr Gründer, Keshav Baliram Hedgewar, empfand das damalige Indien als zu nachgiebig und zu wenig gefestigt. Hindus, so seine Überzeugung, müssten stärker organisiert und disziplinierter auftreten. Prägend wirkte Vinayak Damodar Savarkar, der in „Hindutva: Who is a Hindu?“ Nation nicht primär als staatsbürgerliches, sondern als kulturell-religiöses Projekt verstand. Religiöse Zugehörigkeit wurde dabei zu einem zentralen Bezugspunkt nationaler Identität.

Was als kulturelle Selbstvergewisserung begann, entwickelte sich schrittweise zu einer straff organisierten Bewegung. Aus spiritueller Übung wurde Ordnung, aus Gemeinschaft Struktur – getragen von der Vorstellung, dass Gesellschaft formbar sei.

Diese Organisationsform prägt die RSS bis heute. Wer eine ihrer Zusammenkünfte erlebt, vergisst sie kaum: Tausende Männer in Reih und Glied, synchronisierte Bewegungen, klare Kommandos. Morgendlicher Gruß an die Sonne, abendliches Gebet – dazwischen der Anspruch, an der Nation zu arbeiten, als sei sie ein fortwährendes Projekt.

In diesem ideologischen Kosmos gilt kulturelle Reinheit als Tugend, Moderne häufig als Herausforderung. Gleichberechtigung wird skeptisch betrachtet, westliche Lebensstile als Ausdruck gesellschaftlicher Auflösung interpretiert. „Wokeism“, so Bhagwat, sei ein Phänomen, das kulturelle Grundlagen infrage stelle. Kritische Stimmen merken an, dass pluralistische und ambivalente Positionen in einem stark ordnungsorientierten Weltbild schwer integrierbar sind.

Während gesellschaftliche Debatten vielerorts zunehmend in Zwischentönen geführt werden, hält die RSS an klaren Grenzziehungen fest: Wer dazugehört, wer außen steht, wer als Herausforderung wahrgenommen wird.

Der Einfluss der RSS ist über Jahrzehnte gewachsen. Ihre organisatorischen und finanziellen Strukturen gelten externen Beobachtern als schwer einsehbar, was regelmäßig Gegenstand öffentlicher Diskussionen ist. Bis in die 1990er Jahre hinein wurde die Nachfolge an der Spitze durch ein versiegeltes Schriftstück geregelt – eine Verbindung aus Ritual und Verwaltung. Heute ist die Bewegung in Bildungsinstitutionen, Medienformaten und gesellschaftlichen Organisationen präsent. Viele Analysten sehen die Grenzen zwischen Religion, Politik und Zivilgesellschaft dadurch als zunehmend durchlässig.

Mit der BJP teilt die RSS nicht nur Personal, sondern auch zentrale Narrative. Narendra Modi, einst selbst Freiwilliger, gilt vielen als sichtbares Beispiel dafür, wie stark Hindutva in den politischen Alltag eingezogen ist. Zugleich wird aus dem Umfeld der Bewegung immer wieder auf innere Spannungen hingewiesen: Parteipolitik erfordert Kompromisse – ein Begriff, der im ideologischen Selbstverständnis der RSS ambivalent bewertet wird.

Die RSS versteht sich selbst als moralische und kulturelle Instanz, als pädagogische Kraft im Hintergrund der Republik. Über 40.000 Ortsgruppen, Millionen Mitglieder sowie ein Geflecht aus Schulen, Kulturvereinen und Initiativen bilden ein landesweites Netzwerk. Ein Wurzelwerk, dessen gesellschaftliche Wirkung unterschiedlich interpretiert wird.

Hundert Jahre Hindutva – und die Frage bleibt offen: Zielt diese Bewegung auf gesellschaftliche Einheit oder auf eine Neuordnung entlang kultureller Linien? Wenn Bhagwat zur stärkeren Einbindung der Dalits aufruft, wird dies von Anhängern als Öffnung verstanden, von Kritikern eher als strategische Anpassung. Lange war die RSS sozial relativ homogen geprägt; heute rückt Vielfalt stärker in den Fokus – aus Überzeugung oder aus politischer Notwendigkeit.

Wenn Bhagwat vor einem „Deep State“ warnt, ließe sich fragen, welche Rolle Organisationen spielen, die über lange Zeiträume hinweg kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Einfluss ausüben, ohne selbst Teil parlamentarischer Entscheidungsprozesse zu sein.

So bleibt die RSS eine Bewegung der Spannungen: Sie kritisiert westliche Einflüsse und bedient sich zugleich globaler Begriffe. Sie betont kulturelle Reinheit und agiert in unmittelbarer Nähe politischer Macht. Sie ruft zur Einheit auf – und arbeitet mit klaren Abgrenzungen.

Vielleicht liegt genau darin ihre Stabilität. Aus Ordnung entsteht Identität, aus Disziplin Dauer, aus ideologischer Klarheit politische Wirksamkeit.

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Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji (*1978) ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach dem Biologiestudium in Braunschweig promovierte und forschte er rund zehn Jahre in Hannover, bevor er in die Industrie wechselte. Seit über einem Jahrzehnt ist er in globaler Verantwortung für Biotechnologieunternehmen tätig, u.a. mit besonderem Fokus auf Indien. Von 2012 bis 2016 war er Mitglied der Auswahlkommission des Programms "Deutsch-Indisches Klassenzimmer" der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi. Seit 2018 ist er Mitorganisator des "Hanseatic India Colloquium" in Hamburg, referierte u. a. am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil.

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