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Mi., 7. Januar, 2026
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Indisch-deutsche Gespräche vor dem EU-Gipfel

Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz in der dritten Januarwoche nach Neu-Delhi reist, ist es mehr als ein Antrittsbesuch. Das Treffen mit Premierminister Narendra Modi fällt in eine Phase geopolitischer Verdichtung, in der Indien seine Beziehungen zu Europa neu austariert und Deutschland seine Rolle als ordnungspolitischer Anker innerhalb der EU unterstreichen will. Der Besuch findet nur wenige Wochen nach dem viel beachteten Besuch Wladimir Putins in Indien und unmittelbar vor dem Indien-EU-Gipfel am 27. Januar 2026 statt – eine zeitliche Konstellation, die dem Treffen besonderes politisches Gewicht verleiht.
Foto: Indiens Pemier Narendra Modi und Friedrich Merz trafen sich zu Gesprächen am Rande des G7 Gipfels im Juni 2025 in Kananaskis, Kanada (Quelle:Information Bureau on behalf of Prime Minister’s Office, Government of India under the ID 185584, This file is a copyrighted work of the Government of India, licensed under the Government Open Data License – India (GODL))

Strategische Annäherung mit breiter Agenda

Offiziell steht die Fortentwicklung der Indisch-Deutschen Strategischen Partnerschaft im Zentrum. Beide Seiten wollen den Schwung der letzten Jahre nutzen, um Kooperationen in klassischen wie neuen Feldern zu vertiefen: Handel und Investitionen, Technologie und Innovation, Fachkräfte- und Mobilitätsprogramme, grüne Transformation sowie Verteidigungs- und Sicherheitsfragen.

Deutschland ist für Indien längst mehr als ein europäischer Absatzmarkt. Berlin gilt in Neu-Delhi als Schlüsselland für den Zugang zu europäischer Technologie, industriellem Know-how und nachhaltiger Finanzierung. Umgekehrt sieht Deutschland in Indien einen zentralen Partner für resilientere Lieferketten, industrielle Kooperationen und als Gegengewicht zu Chinas wachsendem Einfluss im Indo-Pazifik.

Europa, Ukraine und die Kunst der strategischen Ambiguität

Gleichzeitig ist das Treffen politisch heikel. Deutschland gehört zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine und verknüpft die europäische Sicherheitsordnung zunehmend mit Entwicklungen im Indo-Pazifik. Indien hingegen hält an seiner strategischen Autonomie fest und pflegt weiterhin enge Beziehungen zu Russland – militärisch, energiepolitisch und historisch.

Bemerkenswert ist dabei weniger der Dissens als der Umgang damit. Berlin vermeidet öffentliche Belehrungen, Neu-Delhi betont die wirtschaftliche Dimension seiner Russland-Beziehungen. Dass der Modi-Putin-Besuch europäische Sorgen auslöste, diese sich jedoch rasch legten, zeigt: Beide Seiten haben ein Interesse daran, Differenzen nicht eskalieren zu lassen, um größere strategische Ziele nicht zu gefährden.

Das Merz-Modi-Treffen wird daher genau beobachtet werden – nicht wegen erwarteter Durchbrüche in der Ukraine-Frage, sondern wegen der Tonlage: Welche Narrative setzen beide Seiten, welche Begriffe wählen sie, welche Themen bleiben ausgespart?

Handel, Sicherheit, Industrie: Die harten Kernfragen

Substanziell dürfte es vor allem um drei Bereiche gehen:

  • Indien-EU-Freihandelsabkommen (FTA): Deutschland drängt auf Fortschritte, weiß aber um Indiens protektionistische Reflexe. Das bilaterale Gespräch soll hier politische Rückendeckung für den EU-Prozess liefern.
  • Verteidigungskooperation: Medienberichte deuten auf Bewegung beim möglichen Erwerb und der lokalen Fertigung deutscher U-Boote (Typ 214) hin. Ein solcher Deal hätte industrie- wie sicherheitspolitische Signalwirkung.
  • Grüne Transformation: Mit Zusagen von rund 1,3 Milliarden Euro im Rahmen der Green and Sustainable Development Partnership positioniert sich Deutschland als langfristiger Partner für Indiens Energiewende – nicht zuletzt als Alternative zu chinesischer Technologie.

Ein bilaterales Treffen mit europäischem Horizont

Der Besuch des Kanzlers ist damit weniger Selbstzweck als Taktgeber. Er soll den politischen Rahmen für den Indien-EU-Gipfel setzen und zugleich demonstrieren, dass Europa – trotz interner Krisen – strategisch handlungsfähig bleibt. Für Indien wiederum ist das Treffen Teil einer bewussten Balancepolitik: Nähe zu Europa ohne Abkehr von Russland, Öffnung für Investitionen ohne Aufgabe industriepolitischer Kontrolle.

Ob das gelingt, wird sich nicht an gemeinsamen Erklärungen messen lassen, sondern an der Fähigkeit beider Seiten, mit Ambivalenzen zu leben. Das Treffen von Modi und Merz steht damit exemplarisch für eine neue Phase internationaler Diplomatie: weniger normativ, stärker interessengeleitet – und gerade deshalb von nachhaltiger Bedeutung für die künftigen Beziehungen zwischen Indien, Deutschland und Europa.

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