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Fr., 27. Februar, 2026
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Annäherung unter Druck: Kanzler Merz zu Besuch in Indien

Bundeskanzler Friedrich Merz ist am Sonntag zu seinem ersten offiziellen Besuch in Südasien eingetroffen. Die Reise nach Indien, die ihn zunächst in Premierminister Narendra Modis Heimatbundesstaat Gujarat führt, markiert weit mehr als einen üblichen Antrittsbesuch. Sie wird in Berlin als bewusstes Statement und Beginn einer neuen deutschen Außenwirtschaftspolitik gewertet, die der veränderten globalen Machtverteilung Rechnung tragen soll.

Narendra Modi und Friedrich Merz wollen in Indien gute Gespräche führen. Einigkeit herrscht jedoch nicht in allen Punkten. Foto: ©Bundesregierung/Guido Bergmann

Dass die erste große Wirtschaftsreise des Kanzlers nach Asien nicht nach China, sondern nach Indien führt, ist kein terminlicher Zufall. Es signalisiert das Ende einer Ära, in der Peking der unangefochtene Fixpunkt deutscher Asienpolitik war. Begleitet von einer 25-köpfigen Wirtschaftsdelegation – darunter die Spitzen von Siemens, Airbus und TKMS – sucht Merz in Indien ein Gegengewicht zur riskanten Abhängigkeit von China und den zunehmend unberechenbaren USA.

Symbolik in Gujarat, Dynamik in Bangalore

Der Empfang in Ahmedabad, der Hauptstadt von Modis Heimatbundesstaat Gujarat, gilt offiziell als Geste besonderer Wertschätzung. Der wahre Grund dafür, dass das Treffen hier und nicht in Neu Delhi stattfindet, liegt wohl eher darin, dass die Luftqualität in der Hauptstadt sich seit Wochen im Bereich „gesundheitsschädlich“ bewegt und der permanente Dunst vermutlich auch keine ansprechende Kulisse für PR-wirksame Fotos bieten würde. Neben dem Besuch des Sabarmati-Ashrams steht der bilaterale Austausch über wirtschaftliche Kooperationen im Fokus. Indien, die derzeit am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft, reagiert auf den globalen Handelsdruck mit einer eigenen Reformoffensive. Dies bietet deutschen Unternehmen Chancen als Absatzmarkt und Produktionsstandort gleichermaßen.

In der IT-Metropole Bangalore wird der Kanzler anschließend Fragen der Fachkräftesicherung thematisieren. Indische Spezialisten und Studierende – letztere bilden bereits die größte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland – sind für die deutsche Wirtschaft mittlerweile eine unverzichtbare Ressource im globalen Wettbewerb.

Sicherheitspolitik und Rüstung

Ein Kernpfeiler der neuen Partnerschaft ist die sicherheitspolitische Annäherung. Erwartet wird die Unterzeichnung einer Vereinbarung zur engeren Rüstungskooperation. Konkret geht es um ein Milliardenprojekt: Den Bau von sechs U-Booten der Klasse 214 durch Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS). Für Indien ist dies ein strategischer Schritt, um die Abhängigkeit von russischer Militärtechnik schrittweise zu reduzieren und den eigenen Verteidigungssektor durch Technologietransfer zu modernisieren.

Realpolitik statt Wunschdenken

Trotz der demonstrativen Nähe bleibt die Partnerschaft komplex. Indien ist kein einfacher Verbündeter; unter Premierminister Modi verfolgt das Land eine strikt interessengeleitete Politik der „strategischen Autonomie“.

Russland-Bezug: Neu Delhi hält an günstigen Energieimporten aus Russland fest und unterläuft damit indirekt westliche Sanktionen. Ein Kurswechsel ist hier kaum zu erwarten.

Handelshürden: Während Merz für ein neues, europäisch geführtes Regelsystem im Welthandel wirbt, ist ein Abschluss des EU-Indien-Freihandelsabkommens beim Gipfel Ende Januar weiterhin ungewiss.

Das bilaterale Handelsvolumen liegt derzeit bei knapp 50 Milliarden Euro. Obwohl Deutschland damit Indiens wichtigster Partner in der EU ist, taucht das Land in der deutschen Außenhandelsstatistik noch nicht unter den Top 20 auf. Die Reise von Friedrich Merz soll diese Lücke schließen und Indien als zentralen Akteur im Indopazifik fest im deutschen Koordinatensystem verankern.

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Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji (*1978) ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach dem Biologiestudium in Braunschweig promovierte und forschte er rund zehn Jahre in Hannover, bevor er in die Industrie wechselte. Seit über einem Jahrzehnt ist er in globaler Verantwortung für Biotechnologieunternehmen tätig, u.a. mit besonderem Fokus auf Indien. Von 2012 bis 2016 war er Mitglied der Auswahlkommission des Programms "Deutsch-Indisches Klassenzimmer" der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi. Seit 2018 ist er Mitorganisator des "Hanseatic India Colloquium" in Hamburg, referierte u. a. am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil.

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