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Sa., 31. Januar, 2026
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Jose Punnamparambil: Pflege aus Indien

Es wird auch heute viele Menschen geben, die Zuwanderung mit Skepsis betrachten. Die Sorge vor Überforderung, vor kultureller Fremdheit oder sozialem Wandel ist kein neues Phänomen. Doch lassen Sie mich erzählen, wie es früher war – und warum wir als Gesellschaft von Zuwanderung nicht verlieren, sondern gewinnen können. Die Geschichte der indischen Krankenpflegekräfte in Deutschland ist dafür ein leises, aber eindrucksvolles Beispiel, erklärt Jose Punnamparambil.

Die Einwanderung indischer Krankenpflegekräfte nach Deutschland ist ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte. Sie kamen Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ohne Vertrag durch private, meist kirchliche Kanäle. In den Spitzenzeiten – Anfang der 70er Jahre – zählten sie ca. 5.000 Personen. Die meisten kamen als junge Mädchen aus christlichen Mittelschichtfamilien im südindischen Bundesstaat Kerala. Einige wenige hatten schon eine Ausbildung als Krankenschwester in Indien und wollten hier eine Arbeitstätigkeit aufnehmen.

Es war nicht leicht für diese jungen Mädchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Allergrößtes Problem war die Sprache, aber auch die Essgewohnheiten, die Verhaltensweisen, das kalte Wetter etc. bereiteten ihnen große Anpassungsschwierigkeiten. Hinzu kam später die große Unsicherheit in Bezug auf Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Auch die Fremdheit der hoch urbanisierten Lebenskultur im deutschen Alltag machte den jungen, meist aus ländlicher Umgebung stammenden Mädchen zu schaffen.

Es gab aber auch verbindende und rettende Faktoren, die den jungen Inderinnen Abhilfe schafften. Menschen aus fremden Kulturen waren damals in Deutschland keine alltägliche Wirklichkeit wie heute. Gegenüber ihnen waren die meisten Deutschen besonders offen und zuvorkommend. Dies gilt insbesondere für Inder und Inderinnen, da sie aus einem in Deutschland hochgeschätzten Kulturland kamen. Auch die Zugehörigkeit zu der christlichen Kirche half den Mädchen, Freundschaften und Bindungen mit den Deutschen zu knüpfen.

Nachdem die Probleme in Bezug auf Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis gelöst worden waren, heirateten die Mädchen, meist indische Männer aus der Heimat, und gründeten Familien. Dann kamen die Kinder und damit auch die Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Da die meisten Krankenschwestern Schichtdienst oder Nachtdienst machten, konnten sie sich nicht immer ausreichend um die Kinder kümmern. Viele indische Ehepaare erinnern sich heute mit Dankbarkeit daran, wie ihre deutschen Freunde ihnen bei der Überwindung dieser schwierigen Situation kräftig geholfen haben.

Die indischen Krankenschwestern und deren Ehepartner legten großen Wert auf gute Bildung und Ausbildung für ihre Kinder. Dafür waren sie bereit, eigene Bequemlichkeiten zurückzustecken. Mit großer Opferbereitschaft und mit beispielhaftem Einsatz wurden die Kinder in guten Schulen untergebracht und ihnen später ein Hochschulstudium ermöglicht. So sind heute viele dieser Kinder Ärzte, Ingenieure, Betriebswirte, Forscher, Hochschullehrer, Journalisten.

Deutschland verhängte 1973 einen Anwerbestopp für nichteuropäische Arbeitskräfte. Danach kamen nur sehr wenige zur Ausbildung als Krankenpfleger/Krankenpflegerin nach Deutschland. Heute befindet sich die große Mehrzahl der Inderinnen, die in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland kamen, im Ruhestand. Viele ihrer Kinder haben bereits geheiratet und Familien gegründet. Die Ankunft der Enkelkinder verändert das Leben der ersten Generation der Krankenschwestern radikal. Viele sprechen nicht mehr von Heimweh nach Indien, sondern von einem Leben mit den eigenen Kindern und Enkelkindern in Deutschland. Es wird doch genug sein, einmal im Jahr Indien und die Verwandten/Freunde dort zu besuchen!

Doch die Geschichte, die lange Zeit als abgeschlossen galt, hat in den letzten Jahren eine neue Aktualität gewonnen. Deutschland steht heute – im Jahr 2026 – vor einem massiven Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Der demografische Wandel, die Alterung der Gesellschaft und die hohe Belastung des Pflegepersonals haben dazu geführt, dass Pflegekräfte erneut dringend gesucht werden.

In dieser Situation richtet sich der Blick Deutschlands wieder nach Indien. Staatliche Programme, bilaterale Abkommen und gezielte Rekrutierungsinitiativen sollen junge Pflegekräfte aus Indien für eine Ausbildung oder Tätigkeit in Deutschland gewinnen. Anders als in den 1960er Jahren geschieht dies heute formalisiert, vertraglich geregelt und begleitet von Sprachkursen, Anerkennungsverfahren und Integrationsmaßnahmen. Dennoch bleiben viele Herausforderungen bestehen – sprachliche, kulturelle und bürokratische.

Gerade deshalb lohnt der Blick zurück. Die Erfahrungen der ersten Generation indischer Krankenschwestern zeigen, dass Zuwanderung nicht Spaltung, sondern Zusammenhalt schaffen kann – wenn sie von Offenheit, Geduld und gegenseitigem Respekt getragen wird.

So ist die Geschichte einer einmaligen Einwanderung aus Indien nach Deutschland fast abgeschlossen – und zugleich in veränderter Form wieder offen. In einigen Jahren werden Erinnerungen an diese Einwanderung vielleicht nicht nur als ein gelegentliches scharfes Essen, als ein komischer Name oder als schöne dunkle Hautfarbe bei einigen zurückbleiben, sondern auch als die Einsicht, dass gesellschaftlicher Fortschritt oft leise beginnt.

Ach, und übrigens: Bei den deutschen Soldaten, die Vasco da Gama 1498 und noch zweimal danach nach Calicut und Cochin mitnahm, um die Herrscher von Calicut zu besiegen, war es ähnlich: Diese Soldaten entschieden sich nach Beendigung der Mission in Cochin, Kerala, zu bleiben, dort zu heiraten und Familien zu gründen. Reisen Sie einmal nach Kerala, den deutschen Einfluss werden Sie gewiss nicht übersehen.


Anm. d. Red.: Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit Dezember 2025 mit „Punnams Welt“ als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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