Indiens Verkehrschaos kennt kein Vortrittsrecht – nur Durchsetzungsvermögen.
Warum diese Lektion bis heute nachwirkt, sogar auf Schweizer Zebrastreifen, erklärt uns Edita Truninger in ihrer neuen Kolumne „Chalo, Auntie!“.

Meine Zeit in Indien liegt nun wahrlich schon länger zurück – und dennoch: Gewisse Verhaltensweisen werde ich einfach nicht los. Dazu gehört, wie ich mich in Städten als Fussgängerin bewege. Insbesondere die etwas profane und dann doch nicht so profane Art und Weise, wie man in Indien eine Strasse überquert. Dazu muss man verstehen: Im indischen Strassenverkehr herrscht die reinste Anarchie.
Verkehrsregeln gibt es nur theoretisch. Der Linksverkehr hilft auch nicht gerade. Und der Lärm! Ohrenbetäubend. Jeder, aber wirklich jeder hupt – und nicht etwa, um auf eine Gefahr hinzuweisen. Hupen bedeutet in Indien so viel wie: «Aus dem Weg! Ich komme und nichts kann mich stoppen!» Das klingt jetzt ein wenig so, als würde sich in Indien jede:r, die sich hinters Steuer setzt, automatisch in einen ferngesteuerten Zombie verwandeln. Nun ja. Genau so ist es.
Aus der Sicht der Fussgängerin sieht es dann ungefähr so aus: Verbeulte PKWs und Autorikschas brettern an dir vorbei, schwankende Busse kommen dir gefährlich nahe und hüllen dich in eine stinkende Abgaswolke. Es gilt das Recht des Stärkeren. Fussgängerinnen und Fussgänger haben in so einer Welt eigentlich nichts verloren. Als schwächstes Glied der Kette sind sie diesem apokalyptischen Treiben schutzlos ausgeliefert.
«Weiche zurück! Jetzt bin ich dran!»
Wie schafft man es da trotzdem, heil von der einen auf die andere Strassenseite zu kommen? Artig abzuwarten, bis eine Lücke frei wird, ist keine gute Idee. Freie Lücken gibt es nicht. So habe ich mir schnell von den Einheimischen eine Taktik abgeschaut, die vor allem in Gegenden mit engen Strassen zur Anwendung kommt. Fahren die Verkehrsteilnehmer mehr oder weniger im Schritttempo, löst man sich vom Strassenrand und steuert zielsicher auf die Fahrbahn zu, mitten hinein ins Gewühl. Wer zögert, verliert. Nähert sich ein Auto, erhebt man gebieterisch die Hand, die Innenfläche zeigt dabei in Richtung Windschutzscheibe. In der Sprache der ungeschriebenen indischen Verkehrsregeln bedeutet das so viel wie: «Weiche zurück! Jetzt bin ich dran!» Vortritt wird einem in Indien nicht gewährt. Den muss man sich schon selbst holen. Und das funktioniert. Erstaunlich gut sogar.
Tja, und irgendwie – ich weiss nicht wieso – ist das hängengeblieben in meinem inneren Strassenverkehrsrepertoire. Vielleicht empfinde ich auch einfach eine teuflische Lust dabei. Auf alle Fälle lacht mich der Bär jedes Mal aus, wenn ich in unserer kleinen Stadt – notabene auf dem Fussgängerstreifen – die Strasse überquere und dabei gebieterisch meine rechte Hand gegen das Auto erhebe, das angehalten hat, um mich vorbeizulassen. Es könnte ein freundliches Dankeswinken sein, wie es Kindern hier beigebracht wird. Aber der Bär ordnet das schon richtig ein: Das Handzeichen ist kein freundliches Dankeschön. Es bedeutet: «Weiche zurück! Jetzt bin ich dran!»
Da staunen sie nicht schlecht, die Autofahrerinnen und -fahrer in ihren glänzenden SUVs. Als Fussgängerin wird mir in der Schweiz zwar per Gesetz der Vortritt gewährt. Aber wo bleibt da der Spass? Viel schöner ist es, gebieterisch wie eine Königin über den Streifen zu stolzieren. Sollen die SUVler doch denken, was sie wollen.

Anm. d. Red.: Edita Truninger war 2008 und ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung).
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