
Indien zählt zu den weltweit dynamischsten Märkten für Photovoltaik (PV). Die installierte Leistung im Bereich Solarenergie wächst rapide, unterstützt durch staatliche Förderprogramme und ehrgeizige Klimaziele. Erneuerbare Energien wie Solarstrom sind entscheidend für Indiens Strategie, den Anteil fossiler Brennstoffe im Energiemix zu reduzieren und gleichzeitig die Energieversorgung im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt zu sichern. Doch dieser Erfolg wirft eine wachsende ökologische Frage auf: Was geschieht mit PV-Modulen nach Ende ihrer Produktlebensdauer?
Solarmodule gelten im Betrieb als emissionsfreie Energiequelle. Ihre Lebensdauer beträgt üblicherweise 25 bis 30 Jahre. Danach entstehen große Mengen sogenannter „End-of-Life“-Abfälle, die nicht einfach als unsortierter Müll zu behandeln sind, da sie neben vollständig verwertbaren Materialien auch Komponenten mit potenziell umweltschädlichen Stoffen enthalten.
Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass die kumulierte Menge an Solarmodulabfällen in Indien bis 2030 auf mehrere hunderttausend Tonnen wachsen wird. Nach den jüngsten Modellrechnungen des Council on Energy, Environment and Water (CEEW) könnte der PV-Abfall bereits bis 2047 über elf Millionen Tonnen erreichen, wobei der Großteil aus kristallinem Silizium besteht.
PV-Module bestehen zu einem erheblichen Anteil aus Glas, Aluminium, Kupfer, Silber und Silizium. Diese Materialien sind prinzipiell recycelbar und besitzen einen merklichen Rohstoffwert. Eine effiziente Rückgewinnung kann daher nicht nur Umweltrisiken senken, sondern auch wirtschaftlichen Nutzen stiften. So könnte das Recycling bis 2047 Materialien im Wert von mehreren tausend Crore INR zurückgewinnen und rund 38 Prozent des zukünftigen Rohmaterialbedarfs der Solarindustrie decken.
Gleichzeitig birgt unkontrollierte Entsorgung Risiken: Nicht sachgerecht behandelte Module können Schadstoffe wie Blei oder kadmiumhaltige Komponenten freisetzen, was Boden und Grundwasser gefährden kann.
Indien hat erste Richtlinien zur End-of-Life-Behandlung von PV-Modulen in die E-Waste (Management) Rules von 2022 integriert. Zudem hat die Central Pollution Control Board (CPCB) einen Leitfadenentwurf zur sicheren Handhabung und Entsorgung von Solarmodulabfällen veröffentlicht, der unter anderem Hersteller und Betreiber stärker in die Verantwortung nehmen soll. Die EPR-Pflicht (Extended Producer Responsibility) steht dabei im Mittelpunkt, etwa durch Registrierungspflichten und Rücknahmesysteme für Altmodule.
Allerdings befindet sich die praktische Umsetzung noch am Anfang: Kommerzielle Recyclinganlagen sind rar, und informelle Akteure dominieren bislang den Umgang mit ausgedienten Modulen, was die Risiken weiter erhöht.
Parallel zu regulatorischen Bemühungen entstehen technologische Ansätze, die das Problem adressieren sollen. In Indien arbeiten Wissenschaftler an skalierbaren Recyclingprozessen, die nicht nur kritische Rohstoffe zurückgewinnen, sondern nicht verwertbare Anteile in Baumaterialien umwandeln. Diese Konzepte zielen darauf ab, die Abfallmenge zu reduzieren und gleichzeitig neue Wertschöpfungsketten zu schaffen.
Indiens Solarsektor steht exemplarisch für ein Grundproblem der globalen Energiewende: Der Übergang zu erneuerbaren Energien erzeugt nicht nur saubere Energie, sondern mittelfristig auch große Mengen Ersatz- und Altmaterialien, deren Behandlung eine systematische Planung erfordert. Während die installierte Kapazität weiter wächst, müssen Infrastruktur, Regelwerke und wirtschaftliche Anreizsysteme für das Solar-Recycling parallel aufgebaut werden, um eine echte Nachhaltigkeit zu gewährleisten.
Quellen:
- Solar power waste: A growing problem for India
- End-of-life management: Solar Photovoltaic Panels
- How Big is the Solar Module Recycling Industry in India?
- Solar module recycling offers an INR 3,709 crore market opportunity in 2047: CEEW
- India drafts solar waste rules as capacity crosses 100 GW, eyes 6 lakh tonne disposal by 2040
- Indian scientists create scalable recycling process for solar waste
- Indien 2025 auf Rekordkurs – Über 34.000 MW neue Solar- und Windleistung in neun Monaten






