Es gehört zur Ironie der Zeitgeschichte, dass ausgerechnet jener Mann, der seinen indischen Counterpart einst einen „Zollkönig“ nannte, zum unfreiwilligen Geburtshelfer der nun finalisierten Handelszone zwischen Europa und Indien wurde. Ein Kommentar von Bijon Chatterji.

Als Ursula von der Leyen und Narendra Modi heute in Neu-Delhi den Abschluss des Freihandelsabkommens (FTA) verkündeten, war dies kein Erfolg der Diplomatie allein, sondern das Resultat einer neuen, geopolitischen Tektonik. Es ist die Antwort auf ein Washington, das Zölle als Disziplinierungsinstrument missversteht, und ein Moskau, das als Partner jenseits der Rohstoffversorgung zusehends an Attraktivität verliert.
Geopolitische Emanzipation
Für Indien markiert dieser 27. Januar 2026 den Abschied von einer rein reaktiven Außenpolitik. Die „strategische Autonomie“, ein oft strapaziertes Dogma Neu-Delhis, erfährt durch den Marktzugang zu 450 Millionen Europäern eine materielle Untermauerung. Indien zeigt, dass sein Schaukelkurs zwischen den Blöcken kein Selbstzweck ist, sondern die Freiheit sichert, dort Allianzen zu schmieden, wo technologisches Know-how auf Skalierungsfähigkeit trifft. Dass die USA unter Donald Trump derzeit indische Textil-Exporte mit 50-prozentigen Zöllen belegen, hat die Verhandlungen in Brüssel beschleunigt. Man flüchtet nicht in die Arme der EU – man diversifiziert sein Risiko…
Healthcare und KI: Die neuen Achsen
Jenseits klassischer Exportgüter wie Maschinen oder Automobile (deren Zölle von 110 % auf zunächst 40 % sinken) liegt die eigentliche Substanz des Deals in der digitalen und medizinischen Souveränität. Indien ist nicht mehr nur die verlängerte Werkbank für Generika. Die vereinbarte Harmonisierung klinischer Standards und der Schutz geistigen Eigentums transformieren den Subkontinent in einen integralen R&D-Hub für europäische Biotech-Größen.
In puncto Künstliche Intelligenz (KI) wagen beide Seiten den „dritten Weg“. Während die USA auf ein weitgehend unreguliertes Marktwachstum setzen und China die digitale Totalerfassung perfektioniert, kodifizieren die EU und Indien eine „Ethical AI“. Es ist der Versuch, einen globalen Standard für vertrauenswürdige Algorithmen zu setzen – getragen von indischer Datenfülle und europäischer Regulierungskompetenz. Passt.
Kritik und Kalkül, Risiken der Realpolitik
Die Vorwürfe aus Washington, Europa würde Indiens fortgesetzte Energiegeschäfte mit Russland „belohnen“, klingen trivial. Sie verkennen, dass Druck in Neu-Delhi seit jeher das Gegenteil von Kooperationsbereitschaft bewirkt. Der europäische Ansatz ist klüger: Er erkennt Indien als das an, was es ist – die kommende drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, die man nicht erpresst, sondern verflechtet.
Dennoch: Ein Kommentar wäre unvollständig ohne den Blick auf die Fallstricke. Die indische Bürokratie bleibt eine Herkulesaufgabe für den deutschen Mittelstand. Zudem ist die Ausklammerung sensibler Sektoren wie der Milchwirtschaft zwar politisch opportun, lässt aber das volle Potenzial der Handelszone ungenutzt.
Für den Endverbraucher verspricht dieser Pakt Stabilität in volatilen Zeiten – ob bei der Preisgestaltung lebensnotwendiger Medikamente oder durch die Sicherung digitaler Lieferketten. Wir halten fest: Dieser Deal ist kein Freibrief für ungezügelten Kapitalismus, sondern ein Instrument der Selbstbehauptung in einer Welt der Blöcke. Es ist Realpolitik par excellence.






