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Mo., 16. Februar, 2026
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Jose Punnamparambil: Wenn Talente gehen

Jose Punnamparambil erzählt von seinem Weg aus einem abgelegenen Dorf in Kerala bis ins deutsche Wohlstandsmilieu – ein Leben zwischen Hoffnungen, Entwurzelung und der Verpflichtung zur Rückkehr. Seine Geschichte spiegelt die Ambivalenz des Brain Drain wider: Verlust für die Heimat, Gewinn und Sehnsucht für den Einzelnen.

Alles begann in Edakulam, einem abgelegenen Dorf in Kerala. Dort wuchs ich als ältester Sohn einer siebenköpfigen Bauernfamilie auf. Nach elf Jahren Schule schickte mein Vater mich zur Universität. Früh hatte er gemerkt, daß unsere kleine Landwirtschaft keine sichere Zukunft hatte. Die Erträge hingen vom Monsun ab, chemische Dünger waren teuer. Außerdem überflutete die amerikanische Getreidehilfe den Markt und trieb die Preise nach unten.

Mein Studium war eine große finanzielle Belastung für die Familie. Meine Mutter mußte sogar mehrmals ihre goldene Hochzeitskette verpfänden, damit die Gebühren bezahlt werden konnten. Und alle in der Familie verzichteten auf vieles in der Hoffnung, daß es nach meinem Examen aufwärts gehen würde. Doch als es nach vier Jahren Studium soweit war, fand ich keinen Job. Wenn es um die Besetzung von Stellen ging, zählten nur Einfluß und Beziehungen. Und wir Dörfler hatten nichts davon. So verstrich ein ganzes Jahr. Ich war verzweifelt, in der Familie herrschte ein vorwurfgeladenes Schweigen.

Der Entschluß zur Auswanderung kam ganz von selbst. Es machte keinen Sinn, im Dorf zu bleiben. Ich war unerwünscht, entwurzelt, umerzogen. Was man mir in Schule und Uni beigebracht hatte, war für ein Leben im Dorf einfach nicht zu gebrauchen. Außerdem hatte ich neue Werte eingesogen: Stadtleben, Erfolg, Fortschritt.

An einem heißen Vormittag 1957 war es soweit: Mit 150 Rupien in der Tasche, den Kopf voller Träume und Unsicherheiten verließ ich unser Haus und die Familie. Im Zug gab es wegen Überfüllung keinen Sitzplatz. 75 Kilometer stand ich durch, ehe ich mich in einem Abteil niederlassen konnte. Auf dem Umweg über das 1.200 Kilometer entfernte Poona, wo ich bei einem Bewerbungsgespräch wiederum durchfiel, kam ich nach Bombay. Dort gab es jemand aus meinem Dorf, der ein kleines Zimmer mit Toilette in einem verschmutzten Stadtteil besaß. Wie 15 andere junge Männer konnte ich meinen Koffer in seinem Zimmer aufbewahren und morgens seine Toilette benutzen. Dafür kassierte er fünf Rupien täglich. Nachts schliefen wir am Straßenrand.

Irgendwie hielt ich mich über Wasser die zehn kommenden Jahre in Bombay. Doch ich wollte weiter, nach Europa. Dafür tat ich alles und hatte schließlich Glück: Ich bekam ein Stipendium, und an einem Novemberabend 1966 kletterte ich in Frankfurt aus dem Flugzeug. Ich redete mir ein, dies sei die selbstverständliche Fortsetzung einer Entwicklung, die in Edakulam begonnen hatte.

Seit 55 Jahren lebe ich jetzt als Wohlstandsmensch in einer Kleinstadt am Rhein, ohne die Nöte und Frustrationen, die ich in Indien nicht loswurde. Endlich konnte ich etwas für meine vielen Verwandten und Freunde in Indien tun. Die Devisen, die ich ihnen überwies, sollten auch meinem Land zugute kommen. Ich habe kein schlechtes Gewissen, ausgewandert zu sein, obwohl ich weiß, daß der „Brain Drain“, die massenhafte Abwanderung von ausgebildeten Arbeitskräften, einem Staat sehr schaden kann. Doch Indien hat immer schon Menschen exportiert. Nicht nur Arbeiter und Ingenieure, die heute in arabischen Ölländern Dienst tun, nicht nur Plantagenkulis, die sich in der Kolonialzeit nach Ostafrika, Ceylon, Malaysia und Südamerika abwerben ließen, sondern auch Verwaltungsbeamte, Militärs, Ärzte, Juristen, Kaufleute – früher wie heute.

Ob Indien sich das leisten kann? Ich weiß es nicht, doch irgendwie fühle ich mich verpflichtet, mindestens ebenso viel an Indien zurückzugeben, wie ich mitgenommen habe. Mit Hilfe von deutschen Freunden habe ich dafür gesorgt, daß in meinem Dorf ein Ausbildungszentrum für junge Mädchen entstand. Inzwischen gibt es einen lebhaften Ideen- und Erfahrungsaustausch zwischen dort und hier. Im Grunde bin ich Nutznießer wie Opfer des Systems. Im Herzen meines Wohlstandes sitzt das Heimweh.

Ich kann es nicht loswerden, ich will es auch nicht.


Anm. d. Red.: Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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