Während sich westlich und auch etwas weiter östlich von Indien, die ehemals traditionelle Kleiderordnung schon lange verändert hat und die indischen Männer sich fast völlig westlichen Vorbildern angepasst haben, sind die Inderinnen dem Sari treu geblieben. Jenem Kleidungsstück, das es möglich macht, ein Straßen- oder Landschaftsbild mit einer oder mehreren Frauen – auch wenn man sonst noch nichts über dessen Koordinaten auf der Erde weiß – gleich dem asiatischen Subkontinent zuzuordnen: Indien, Bangladesh, Sri Lanka. Ein Essay von Regina Ray.

Das Besondere am Sari: Er kommt ohne jede Naht aus. Er umhüllt den Körper einer Frau auf anmutige Weise und unterstreicht dabei ihre Bewegungen. Ein Sari trennt nicht in oben und unten, im Gegenteil, er kleidet und betont die Figur einer Frau als Ganzes. Er hat Einheitsmaß, ist nichts weiter als eine etwa sechs Meter lange Stoffbahn von ungefähr einem Meter Breite, bietet aber so viele Variationsmöglichkeiten, dass jede Frau sich anders darin kleiden kann. Dass sie darin auch Feldarbeit verrichten, Wäsche waschen, schwere Lasten damit tragen kann, ihn also ihren Bedürfnissen oder Erfordernissen anpassen, ihn hochschlagen, festzurren oder sich mit dem losen Ende vor einem Sonnenstich bewahren kann. Den klimatischen Verhältnissen ist der Sari bestens angepasst. Und er wird alters- und schichtenübergreifend getragen. Er kleidet ein junges Mädchen genauso wie eine alte Frau. Die Frauen arbeiten damit im Straßenbau oder als Blumenverkäuferin, die Postvorsteherin trägt ihn ebenso wie die Politikerin beim Staatsempfang. Kein anderes Kleidungsstück weltweit hat auch heute noch diesen bestimmenden Charakter für einen ganzen Kulturraum.
Der Sari ist sozusagen Spiegel und gelebte Umsetzung autochthonen, südasiatischen, insbesondere indischen Kulturguts – ein Bekenntnis zu Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Bei gleichzeitiger Verfeinerung in tausenden von Nuancen, die sich in der Art des Spinnens, Webens und Färbens, in der Vielfalt der Farben und Muster, und in der Art des Tragens, also im Wickeln und Falten dieser Stoffbahn zeigen. Der Stoff selbst, sein Material und seine Materialität, seine Leichtigkeit und die Art wie er durch die Finger gleitet, die Beine umschmeichelt, also die sinnliche Erfahrung, lässt seine Trägerinnen bei der Wahl des Stoffes ins Schwelgen über Farben, Borten und Muster kommen.
Die Sari-Stoffbahn wird in regional unterschiedlichen Weisen gewebt und bearbeitet. Fast immer hat sie eine Borte und ein besonders gestaltetes Endstück an jener Seite, das über die linke Schulter nach hinten fällt oder Schultern und Kopf der Trägerin umhüllt oder an der Taille festgesteckt wird. Der Sari ist in seiner Art einfach, kann aber immer wieder anders getragen werden, selbst von Stunde zu Stunde, auch Gewichtsschwankungen müssen ihn nicht im Schrank verschwinden lassen. Seine Trägerin kann ihn nicht nur aktuellen Bedürfnissen anpassen (zu kalt, zu heiß, böiger Wind, zu viele Augenpaare, schwere Arbeit), es drücken sich in seiner Verarbeitung, seiner Stoffart und seinen Mustern auch regionale Vorlieben aus. Nicht zuletzt zeigt eine Frau durch die Art ihres Saris und die Art wie sie ihn trägt ihre Herkunft, die Region, aus der sie stammt. Eine Frau aus Tamil Nadu trägt den Sari anders als eine Bengalin, in Maharastra finden sich andere Wickel- und Falttechniken als in Delhi. Auch in der fast endlosen Auswahl an Formen und Farben gibt es durchwegs Hinweise auf die jeweilige Region, der er entstammt. Immer aber bedarf es besonderer Fingerfertigkeit und Geduld für das Wickeln und Faltenlegen um ihn zu tragen – auch das Kultureigenschaften, die besonders dem indischen Subkontinent zugeschrieben werden.
Für Europäerinnen und Europäer sieht beinahe jeder Sari festlich und elegant aus. Inder und Inderinnen unterscheiden aber sehr wohl, welche Farben und Stoffe für welchen Anlass und welche Tageszeit in Frage kommen. Es gibt Saris für 200 Rupien, doch auch welche für 20.000 und viel mehr. Sie sind heutigentags aus Synthetik, Baumwolle, Seide und allen Mischgeweben. Bengalen, insbesondere das heutige Bangladesh, war früher berühmt für seine besonders feinen Baumwoll-Saris. Bis die Kolonialmacht die Bauern zwang, auf Jute umzustellen und die Rohstoffverarbeitung nach England verlagerte; inklusive solch brutaler Maßnahmen, wie jener, dass manchen der Weber jener Finger zwangsamputiert wurde, der zuvor beim Spinnen den Faden führte – auf dass das Weben unmöglich gemacht würde. Am Sari sieht man übrigens auch, dass die Grenze zwischen Westbengalen (Indien) und Ostbengalen (heute Bangladesh) lediglich eine verordnete Staatsgrenze, aber keine Kulturgrenze ist.
Ein Sari ist nicht zuletzt sehr oft ein Geschenk. Bei den großen Festen werden sie zu Hunderttausenden gekauft, verschenkt, getauscht. Nicht zu vergessen den Hochzeitssari, der im Gegensatz zu unserem Brautkleid, auch später noch getragen wird. Als Gastgeschenk ist ein Sari immer das Richtige. Und für die indischen Männer macht oftmals erst der Sari eine Frau zur Frau. Er unterstreicht ihre Haltung und ihre Bewegungen, verhüllt ihre Figur, betont aber die Umrisse. Trotz des vielen Stoffes gibt es in der Körpermitte eine Stelle mit nackter Haut. Traditioneller Weise, noch die Generation der heutigen Großmütter praktiziert es so, wurde im Sari auch die Nacht verbracht; erst in neuerer Zeit wird er nachts durch das so genannte „Nighty“ ersetzt, das vielerorts bereits auch tagsüber zum Hauskleid avanciert ist.
Der Kontrapunkt zum Sari ist die Saribluse. Während ein Sari ohne jede Naht auskommt, hat die Sari-Bluse um so mehr Nähte. Sie ist perfekt dem weiblichen Oberkörper angepasst. Ganze Legionen von Schneider und Schneiderinnen fertigen sie an, immer passend zum jeweiligen Saristoff oder als Kontrapunkt zu ihm. An ihrem Schnitt, der in vielen Details variieren kann, lässt sich für die Insiderin der aktuelle Modetrend ablesen. Mal werden Puffärmel favorisiert, dann das Gegenteil, mal kommen eckige Ausschnitte in Mode, im nächsten Jahr sind die Ausschnitte plötzlich herzförmig. Oder der Rücken ist besonders tief ausgeschnitten, nachdem er wenige Jahre zuvor noch fast hochgeschlossen war. Auch die Länge der Sari-Bluse ist der Mode unterworfen. Aber immer bleibt sie ein ganzes Stück über der Taille. Dem Erfindungsreichtum der Näher und Näherinnen, beschränkt auf diese wenigen Quadratzentimeter Stoff – vor allem auch was die teuren Stücke für die Modenschauen betrifft, kreiert von Designer und Designerinnen – sind keine Grenzen gesetzt. Sie scheinen darin all das auszuleben, was ihnen die schlichte Stoffbahn des Sari selbst an Nähten seit jeher verwehrt.
Der Sari hat in den letzten Jahrzehnten starke Konkurrenz durch jenes Ensemble aus Hose, langem Kleid und Schal bekommen, welches ursprünglich das Kleidungsstück der Frauen des Punjab war. Es ist einfacher zu handhaben, sehr viel schneller an- und auszuziehen, entspricht eher den gewandelten Verhältnissen in den Großstädten und zeigt auch eine Annäherung an westliche Kleidungsstile. Was das deutsche Verständnis betrifft, so wird selbst in Modemagazinen dieses Ensemble aus Hose, langem Kleid und Schal neuerdings und fälschlicherweise manchmal als Sari bezeichnet.
Meine These: Solange der Sari überdauert – man webt, färbt, wickelt ihn schon seit mehreren tausend Jahren – wird der spezifisch indische Versuch, Hochkultur mit Natürlichkeit, das Exaltierte mit dem Einfachen, das Bunte mit der strengen Form in Balance zu halten, weitergeführt werden. Der Sari ist ebenso weniger als auch mehr als „nur“ ein Kleidungsstück. Und mit nichts anderem seiner Art vergleichbar. Die langen zum Trockenen ausliegenden Stoffbahnen, manchmal schlicht auf der Erde, auf Treppen, aber auch hängend über mehrere Etagen hinweg in den Innenhöfen der Häuser, sie werden als jene besonders bunten und eindrücklichen Farbkollagen des Alltags verschwinden, wenn es den Sari nicht mehr geben sollte. Viele sagten mir, insbesondere unter den Stoffdesignerinnen und -händlern ist diese Sicht verbreitet: Der Sari wird den Weg des Kimono nehmen! Nur noch bei besonderen Anlässen wird er getragen werden.
Aus den alten Mythen und den großen indischen Epen ist er nicht wegzudenken und spielt oft eine wichtige Rolle. Zum Beispiel in der Geschichte von Draupadi aus dem Mahabharata, die mit den fünf Pandava-Brüdern verheiratet war: Ob diese Geschichte auch noch im 22. Jahrhundert verstanden werden wird? Es ist Draupadis endloser Sari, der ihre Ehre rettet und verhindert, dass sie nackt vor ihren Widersachern steht.
Nicht zuletzt habe ich einen persönlichen Zugang zum Sari. Der Satz eines alten Inders während meines allerersten Aufenthalts in Benares erwies sich aus heutiger Sicht als Weissagung. Meine vielen Fragen beantwortete er nur punktuell, aber schließlich damit, dass er sagte, ich würde wahrscheinlich bald damit beginnen, einen Sari zu tragen. Und er hatte Recht. Vermutlich wusste er auch, dass damit das praktische Eintauchen in die indische Gedankenwelt einhergehen würde und das Ankommen im indischen Alltag. Neben meinem Studium der Indologie und Ethnologie und meinen vielen Aufenthalten in Indien, war es der Sari, das Tragen eines Sari, das mich viel gelehrt hat über diese Kultur und außerdem zu vielen besonders interessanten, durchaus alltäglichen Kontakten geführt hat, die ohne Sari wahrscheinlich nicht zustande gekommen wären.
Die Autorin: Regina Ray stammt ursprünglich aus Südwestdeutschland und absolvierte ihr Studium der Pädagogik sowie später der Indologie und Ethnologie an der Universität Heidelberg. Nach verschiedenen Lebensstationen wählte sie Ende der 1980er Jahre Düsseldorf als ihren festen Wohn- und Lebensmittelpunkt aus. Ihr schöpferisches Werk umfasst neben Lyrik, Erzählungen und einem Roman vor allem Kulturfeatures für namhafte Sender wie den Deutschlandfunk, das DeutschlandRadio sowie den WDR, BR und SWR. In ihren Arbeiten widmet sie sich mit Vorliebe indischen Sujets, wobei ein besonderer Fokus auf der Literatur des Subkontinents liegt.






