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Di., 13. Januar, 2026
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Ewaabai (1/7): „Eva im Flugzeug“

theinder.net Kolumne "Ewaabai"
Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Teil 1/7. Evas Hände sind feucht wie ein Wandtafelschwamm. Wie gerne würde sie in diesem Moment mit dem Schulmädchen tauschen wollen, das sie einst war. Liebend gerne würde sie vor die versammelte Klasse treten, vom Lehrer dazu angehalten, eine schwierige Rechenaufgabe zu lösen und sich bis auf die Knochen blamieren. Diese Momente waren die elendsten ihrer ganzen Schulkarriere, doch verglichen mit der gegenwärtigen Situation wirkt diese Blamage in ihrer Vergangenheit banal, geradezu lächerlich.

Eva lässt den Blick durch das Flugzeug schweifen, von beiden Seiten ist sie flankiert von Männern mit hoch aufgetürmten Turbanen, die einen eigenartigen Geruch verströmen. Sogar im klimatisierten Flugzeug vermag dieser sich nicht ganz zu neutralisieren. Die Schwingen dieses Airbusses, von dem sie von ihrem Platz aus nur noch ein kleines Stück glänzendes Weiss sehen kann, sollen sie in jenes Land tragen, das für unbestimmte Zeit zu ihrem Zuhause werden soll: Indien. Indien! Nicht mal das Lächeln der Stewardess spendet da noch Trost. Immer wieder ruft sie sich das schicksalhafte Gespräch mit ihrem Chef in Erinnerung. Das ist DIE Chance für Deine Karriere, Eva, hatte er ihr versichert. Und sie hatte Herman doch vertraut. Im «offiziellen Kontext», wie er es gerne bezeichnet, heisst Hermann natürlich nicht Hermann, sondern Herr Fischer. Ja, ein paar Mal waren sie ausgegangen. Sie hatten ein paar Gläser Wein getrunken und ein bisschen getanzt, eng umschlungen. Aber bis zum Äussersten hatte sie es nie kommen lassen. Und dennoch hatte er sich Erkenntlich gezeigt und ihr eine gute Position im Unternehmen verschafft. Ein wahrhaft nobler Mensch. Das Gleiche hatte sie auch ihrer Mutter erzählt. Warum willst Du dann nach Indien, hatte sie verständnislos gefragt. Aber Mutter, Hermann hat gesagt, Bewerber mit Auslanderfahrung sind auf dem Markt momentan sehr gefragt, versuchte sie die Rechtfertigung. Indien, warum ausgerechnet Indien!, hatte ihre Mutter geklagt und gejammert wie es Mütter zu tun pflegen.

Das ist die Frage, die auch Eva sich manchmal heimlich stellt. Warum ausgerechnet Indien. Aber gegen aussen hätte sie das niemals zugegeben. Da ist Eva ganz Geschäftsfrau. Das grosse internationale Verlagsunternehmen, für das sie arbeitet, hat vor kurzem einen indischen Verlag geschluckt. Ihre Aufgabe ist es nun, das Verlagsprogramm besser auf den deutschsprachigen Markt auszurichten. Ihr Vertrag dauert so lange an, bis dieses Projekt abgeschlossen ist. Sie gedenkt ihre Aufgaben in möglichst kurzer Zeit gewissenhaft zu erledigen und sich dann sofort wieder aus dem Staub machen. Denn Staub, Staub hat es in Indien wahrhaftig schon genug, wie keiner vergass, ihr zu versichern. Ihre Freundinnen reagierten allesamt schockiert auf ihre Eröffnung. Eva, was willst du in Indien. Du bist weder ein Hippie noch ein Weltenbummler. Dieser Ort ist nichts für dich. Eva hatte sich daraufhin zu verteidigen versucht, ja sich regelrecht in Rage geredet, Indien ist eine aufstrebende Wirtschaftsnation, sie hatte etwas von Zukunft geschwafelt und von einmaliger Chance. Und am Ende gemerkt, dass sie sich mit ihren Beteuerungen vor allem selber überzeugen wollte. Eva, du wirkst unsouverän, hatte sie daraufhin zu sich selbst gesagt, die Schultern gestrafft und den Raum hoch erhobenen Hauptes verlassen.

Denen wollte sie es zeigen. Unbemerkt wurde ihre Reise ins Unbekannte zu einer Art Mutprobe. Stunde um Stunde kontrolliert sie ihren Körper auf Anzeichen der Furcht. Von den acht Stunden Flugzeit ist nur noch eine übrig geblieben. Stur folgt der Pilot seiner Flugroute, ohne im Geringsten auf Evas Ängste Rücksicht zu nehmen. Das Zeichen für das Schliessen der Gurte ertönt und die Crew beginnt mit den Vorbereitungen für den Landeanflug. Eva meint, jeden Moment erbrechen zu müssen.


Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.

Edith Truninger
Edith Truninger
Edith Truninger ist Redaktorin, Journalistin und Autorin mit Schwerpunkt auf Alltag, Gesellschaft, Reisen und Tourismus. Ihre Texte – von präzisen Porträts bis zu pointierten Essays – erscheinen unter anderem in der Neuen Zürcher Zeitung und Transhelvetica; 2008 veröffentlichte sie die siebenteilige Kolumne „Ewaabai“ für theinder.net.

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