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Di., 13. Januar, 2026
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Ewaabai (5/7): „Die Weissagung“

theinder.net Kolumne "Ewaabai"
Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Teil 5/7. Im abgedunkelten Raum konnte Ewaabai die Umrisse eines alten Mannes erkennen. Ihre Augen benötigten eine Weile, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Der Mann sass regungslos im Lotussitz und schien die Augen geschlossen zu halten. Er trug ein sorgfältig gebügeltes Hemd, zahlreiche Lücken in seinen Zahnreihen blitzten auf, sobald er den Mund öffnete. Sein eingefallenes, faltiges Gesicht wirkte ausgesprochen heiter. Der Rikschafahrer war plötzlich nervös und fahrig und begrüsste den alten Mann ehrerbietig, indem er die Handflächen vor dem Gesicht aneinander legte und den Kopf leicht nach vorn beugte. Ewaabai imitierte die Bewegung und stammelte ein verlegenes „Namasté“. Der Mann schlug die Augen auf und lächelte besonnen. Wer war dieser Mann? Er schien hier zu wohnen, im hinteren Teil eines Sari-Shops. Neben einem einfachen Feldbett lag ein dickes Bündel mit vielen Blättern, auf denen Sternenkonstellationen gekritzelt waren. „Dieser Mann kann in die Zukunft sehen“, erklärte der Rikschafahrer ehrfürchtig. War dieser junge „Rikschawallah“ noch derselbe, der ihr nur ein paar Minuten zuvor noch wie ein Wasserfall von seiner frisch angetrauten Ehefrau und dem jungen Glück erzählt hatte? Bereits im nächsten Moment war er auch schon verschwunden und liess Ewaabai mit dem alten Mann allein. Ewaabais Herz klopfte laut, mit gleichmässiger Atmung versuchte sie, ihre aufsteigende Panik im Keim zu ersticken. Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, das ausgebüchst war und nun dafür bestraft wurde.

Mit einer ruhigen Handbewegung bedeutete ihr der Mann, sich zu setzen. Er blickte Ewaabai freundlich und aufrichtig ins Gesicht. Und sagte zuerst einmal nichts. Von fern waren die Geräusche einer Ladenkasse zu hören, zwischendurch Hundegebell. Ewaabai fühlte sich unwohl und rutschte nervös im Schneidersitz hin und her. Endlich durchbrach der alte Mann die Stille. „Sie kommen von weit her“, bemerkte er. Sein Scharfsinn ist beängstigend, dachte Ewaabai zynisch, verbot sich aber jeden Kommentar. Dann fragte der Mann nach ihrem Geburtsdatum und dem Geburtsort und begann, geschäftig irgendwelche Zahlen auf ein Papier zu kritzeln. Ewaabai stellte sich auf eine längere Wartezeit ein und begann, sich im Raum umzusehen. Als sie schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, murmelte der Astrologe plötzlich, mehr zu sich selbst: „Indien wird Sie verändern“. Ewaabais Aufmerksamkeit war auf einen Schlag geweckt. Erstaunt schaute sie ihn an. „Aber wie denn, wie wird Indien mich verändern?“, fragte Ewaabai eindringlich, leicht irritiert über diese Aussicht. „Sie werden ein anderer Mensch sein, wenn Sie in Ihr Heimatland zurückkehren“, präzisierte er nun mit fester Stimme, seiner Prognose plötzlich sehr sicher. „Begegnungen mit Menschen werden dazu beitragen. Sie werden ihr Herz verlieren und sich auf eine Reise begeben.“ Ewaabai war beunruhigt. Sie hatte doch so schnell wie möglich ihre Arbeit beenden und Indien den Rücken kehren wollen? „Doch seien sie auf der Hut: Betreten Sie niemals einen Palast, in dem einst Könige wohnten“, fuhr er fort. Diese Forderung war doch völlig absurd, schliesslich war Indien voller Paläste, in denen einst Könige wohnten. „Und noch etwas: Vertrauen sie auf Ihre Intuition.“ Mit diesen Worten hievte sich der Astrologe mit einer schnellen und geschmeidigen Bewegung auf die Füsse und verliess den Raum. Er kam mit einem Armband zurück. „Tragen Sie dieses Mondstein-Mala um Ihr Handgelenk. Es wird Ihnen Schutz bieten.“


Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.

Edith Truninger
Edith Truninger
Edith Truninger ist Redaktorin, Journalistin und Autorin mit Schwerpunkt auf Alltag, Gesellschaft, Reisen und Tourismus. Ihre Texte – von präzisen Porträts bis zu pointierten Essays – erscheinen unter anderem in der Neuen Zürcher Zeitung und Transhelvetica; 2008 veröffentlichte sie die siebenteilige Kolumne „Ewaabai“ für theinder.net.

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