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Mi., 7. Januar, 2026
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Der Graben, den Kolkata nie brauchte – Auf den Spuren des „Maratha Ditch“

Kolkata ist keine Stadt, die man auf den ersten Blick versteht. Sie ist ein Mosaik aus Jahrhunderten, überlagert von Mythen, kolonialer Macht und urbaner Improvisation. Wer sich hier bewegt, hört Geschichte im Verkehrslärm, sieht sie in den Fassaden, riecht sie förmlich in den engen Gassen. Und manchmal liegt sie unsichtbar unter den Füßen – wie der „Maratha Ditch“, ein Graben, den die Stadt einst aus Angst grub und dann vergaß. Die Geschichte ist nicht ausgedacht, lesen Sie selbst.

Im Jahr 1742 war Calcutta eine junge, wachsende Siedlung am Ufer des Hooghly. Die britische East India Company hatte sich in den Dörfern Sutanuti, Govindpur und Kalikata eingerichtet und begann, Handel und Einfluss auszubauen. Doch jenseits der Handelskontore lauerte Bedrohung: Von Westen her rückten die Marathen vor – schnelle, gefürchtete Reitertruppen, die in Bengalen ganze Landstriche plünderten. Ihre Überfälle, von den Einheimischen als „Bargi-Angriffe“ bezeichnet, verbreiteten Panik bis in die Handelsstädte hinein.

Die Kaufleute von Calcutta sahen ihr Schicksal bereits besiegelt. Sie baten den damaligen Nawab von Bengalen, Alivardi Khan, um Erlaubnis, einen Verteidigungsgraben um die Stadt zu ziehen. Das Einverständnis kam, und so begann man am 9. August 1742 zu graben – Tag und Nacht, mit Schaufeln, Bambuskörben und nackten Händen.

Der Graben, den die Kolonialverwaltung später stolz „Maratha Ditch“ nannte, verlief vom heutigen Sealdah-Bahnhof im Norden über Entally und Beliaghata bis nach Park Circus und entlang der späteren Circular Road. Etwa drei Meilen zog sich der Wall durch das sumpfige Gelände, als Grenze zwischen der kleinen englischen Niederlassung und dem bengalischen Hinterland. Dort, wo heute der Verkehr wütet, die schrullige Straßenbahn bimmelt und sich Märkte über Gehwege ergießen, stand einst der äußerste Verteidigungsring Calcuttas.

Doch der Feind kam nicht. Die Marathen blieben fern, ihre Angriffe verebbten – und der Graben wurde nie gebraucht. Nach wenigen Jahren begann er zu verschlammen, später diente er als offener Abwasserkanal. Mit dem Wachstum der Stadt im 19. Jahrhundert wurde er nach und nach zugeschüttet, überbaut, vergessen. Nur der Name überdauerte: „Maratha Ditch Lane“, eine kleine, unscheinbare Straße in Nord-Kolkata, erinnert noch heute an diese Episode aus der Frühzeit der Stadt.

Wer – sofern möglich – durch die Stadt spaziert, kann den Verlauf des Grabens heute nur erahnen. Zwischen der Lenin Sarani, der AJC Bose Road und der Achse Beliaghata–Park Circus lag einst seine Trasse. Manche Historiker vermuten, dass Teile der heutigen „Circular Road“ genau diesem historischen Verlauf folgen. Ein Spaziergang entlang dieser Straßen ist eine Reise durch Schichten der Stadtentwicklung – vom kolonialen Schutzwall bis zur modernen Verkehrsader.

Abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten wie Howrah Bridge, Victoria Memorial oder Marble Palace erzählt der „Maratha Ditch“ eine leise, aber tiefere Geschichte: die einer Stadt, die aus Angst gebaut wurde, und die gelernt hat, mit dieser Angst zu leben. Kolkata wuchs aus seinem Graben heraus – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Wer sich heute auf Spurensuche begibt, kann in einem halben Tag die ungefähre Route nachgehen. Startpunkt ist der Sealdah-Bahnhof, von dort geht es Richtung Südosten durch Entally und Beliaghata, vorbei am alten South Park Street Cemetery, weiter nach Park Circus, wo sich die einstige Verteidigungslinie verlor. Es ist kein klassischer Rundgang – mehr eine gedankliche Rekonstruktion, eine Entdeckungsreise im urbanen Gedächtnis.

Der „Maratha Ditch“ ist längst verschwunden, doch seine Geschichte lebt in der Stadt fort. In den Straßen, die seine Form nachzeichnen. In der Ironie, dass Calcutta aus einer Angst geboren wurde, die sich nie bewahrheitete. Und in der Erkenntnis, dass selbst ein nie genutzter Graben die Seele einer Stadt prägen kann.

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