
Ich bin Südinder und kam 1966 mit einem Stipendium des Bundespresseamtes nach Deutschland, um hier als Journalist ausgebildet zu werden. Zuvor lebte und arbeitete ich zehn Jahre lang als Binnenmigrant in Mumbai. Mein Stipendium wurde durch einen Priester aus meinem Heimatstaat Kerala vermittelt, der damals in Bonn Theologie studierte und Verbindung zu einigen einflussreichen CDU-Politikern hatte. Durch ihre Hilfe wurde mir mein Stipendium ermöglicht.
Meine Ausbildung begann Anfang 1967 bei der Bonner Rundschau mit einem Arbeitspraktikum. Ich wohnte damals in Köln bei einem Freund, der auch, wie ich, aus dem südindischen Bundesstaat Kerala stammte und mit dem ich bereits in Indien eng befreundet war. Er hieß Joseph und war Student an der Kölner Universität. Wiederum ein anderer Freund aus Kerala namens Abraham machte zu dieser Zeit eine Ausbildung als Drucker in Düsseldorf und wohnte in einem nahegelegenen Stadtteil von Köln. Dies war die Zeit, in der viele junge Frauen aus Kerala nach Deutschland kamen, um hier als ausgebildete Krankenschwestern zu arbeiten oder als Krankenschwestern ausgebildet zu werden. Deutschland benötigte schon damals eine Vielzahl dieser qualifizierten Fachkräfte wegen herrschendem akuten Pflegenotstand. Meine zwei Freunde und ich hatten die Gewohnheit, diese jungen Krankenschwestern gelegentlich zu besuchen, uns mit ihnen in unserer Muttersprache Malayalam zu unterhalten, gemeinsam indisch zu kochen und zu essen. Das war sowohl für uns, wie auch für die jungen Inderinnen ein echtes Heimaterlebnis.
Eines Tages rief mich mein Freund Abraham an und sagte, dass in einem Düsseldorfer Krankenhaus eine Krankenschwester aus seinem Heimatdorf in Kerala verletzt lag, weil sie einen Arbeitsunfall hatte. Er schlug vor, dass wir Drei sie besuchen sollten. Also fuhren wir gemeinsam in einem alten VW-Käfer von Joseph dorthin and besuchten die verletzte Krankenschwester. Sie hieß Sosamma. Ihre Verletzung war allerdings nicht so schwer. Wir unterhielten uns kurz mit ihr und ihren zwei Freundinnen Saramma und Alykutti, die ebenfalls aus Kerala stammten, wünschten Sosamma „gute und schnelle Besserung“ und fuhren anschließend zurück nach Köln.
Nach einigen Tagen rief mein Freund Abraham mich wieder an und sagte, dass Sosamma und ihre zwei Freundinnen uns Drei gerne nochmals zu einem Abendessen einladen wollten – als eine Geste der Dankbarkeit für unseren Krankenbesuch. Wir freuten uns selbstverständlich sehr auf diese unerwartete Einladung – und fuhren wieder zusammen in Josephs altem Käfer nach Düsseldorf. Dieses Mal jedoch gingen wir direkt in Sosammas Zimmer im Schwesternwohnheim. Sie empfing uns herzlich, zusammen mit ihren zwei Freundinnen. Die erste Stunde verbrachten wir mit dem Austausch von Integrationserfahrungen und Kommunikationsschwierigkeiten in Deutschland. Obwohl ihre Sprachkenntnisse sehr dürftig waren, schafften sie es irgendwie, die Bedürfnisse der Patienten einigermaßen zu erfassen und auf ihre Wünsche mit Hilfe von Gestik und Mimik zufriedenstellend zu reagieren. Die Aneignung von Verhaltensweisen der deutschen Kolleginnen und Kollegen im Arbeitsalltag war jedoch recht mühsam. Und das Essen, das sie in der Kantine serviert bekam, war total ungenießbar – ohne Gewürze, einfach nur mit Salz gekocht! Und dazu noch Blättersalat, damit füttert man in unserer Heimat die Ziegen!!
Als wir zum Thema Essen kamen, stand Sosamma auf und sagte: „Jetzt essen wir die Kleinigkeit, die wir für Euch vorbereitet haben“. Sie ging zusammen mit ihren Freundinnen in die Küche und brachte das Essen mit. Sosamma hatte typisch indisch gekocht – so wie bei uns in Indien – scharf und mit Gewürzen wie Koriander, Kardamom, Nelken, Chillipulver etc. – gut gemischt! Es war herrlich, solch ein Abendessen in der Gesellschaft angenehmer Menschen aus unserer Heimat genießen zu dürfen. Ein echtes Heimaterlebnis! Wir verbrachten noch ein bisschen Zeit mit Austausch von Informationen über das Alltagsleben der Deutschen und über unsere Zukunftspläne. Dann bedankten wir uns für das vorzügliche Essen und kehrten zufrieden zurück nach Köln.
Bald ging mein Arbeitspraktikum bei der Bonner Rundschau zu Ende, und ich musste nach Hamburg fahren, um dort bei der Deutschen Presse Agentur (DPA) die zweite Phase meiner Ausbildung in Angriff zu nehmen. Während der langen Reise im Zug von Bonn nach Hamburg hatte ich immer wieder dieses lächelnde Gesicht von Sosamma vor meinen Augen, ihre sanfte Stimme hallte in meinen Ohren wieder und die Erinnerungen an ihr schmackhaftes Essen ließ mir buchstäblich und ständig das Wasser in meinem Munde zusammenlaufen.
In Hamburg stellte mir die DPA eine große Wohnung zu Verfügung. Ich fing meine Ausbildung mit Begeisterung an. Das DPA-Büro war nicht sehr weit von meiner Wohnung entfernt: Ich konnte zu Fuß dorthin gehen. Obwohl die Ausbildung sehr gewinnbringend und herausfordernd für mich war, fehlte mir das soziale Leben. Ich hatte keine Freunde oder Bekannte in Hamburg. Ich fühlte mich sehr einsam und allein gelassen. Fast alle Freunde meines Alters (ich war damals über 30 Jahre alt) waren verheiratet und führten ein erfülltes Familienleben in Indien. Meine Eltern hingegen zeigten keine große Eile, für mich eine geeignete Frau zu suchen, so wie es bei uns in der Heimat Tradition war. Sie wollten, dass ich in Deutschland Geld verdiene und zu ihnen nach Hause schicke, damit sie ihre Schulden bezahlen und die Lebensverhältnisse der Familie verbessern konnten. Ich befand mich also in einer fast ausweglosen Lage. Was sollte ich tun? Dann kam mir plötzlich eine befreiende Idee. Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb:
Liebe Sosamma,
Ich bin seit einigen Tagen in Hamburg und fühle mich total einsam und verlassen. Ich denke immer wieder an den Abend, an dem ich und meine Freunde bei Dir waren und wir zusammen aßen. Das war herrlich! Das Essen von Dir schmeckte vorzüglich. Ich träume immer noch davon. Die Art und Weise, wie Du den Abend organisiert und uns bewirtet hast, war sehr beeindruckend.
Liebe Sosamma, ich mag Dich. Ich kann mir vorstellen, Dich als meine Lebenspartnerin zu haben. Was sagst Du dazu? Bitte sag nicht sofort „nein“.
Dein Jose
Ich zögerte nicht, den Brief sofort zu Post zu bringen. Und dann wartete ich ungeduldig: Ein Tag, zwei Tage… drei Tage…u nd schaute immer wieder durch das Fenster hinaus, ob der Postbote mit einem Brief zu mir kam. Am fünften Tag war es soweit… der Briefträger hatte tatsächlich einen Brief für mich. Ich eilte in mein Zimmer. Sosamma schrieb:
Lieber Jose,
Danke für Deinen Brief.
Ich mag Dich auch.
Ich kann mir auch vorstellen, Deine Lebenspartnerin zu werden.
Deine Sosamma
Ganz kurz und trocken, ohne zärtliche Liebeserklärung, aber ernst gemeint!
Dann ging alles blitzschnell. Ich traf sie alleine im Grugapark in Essen und verbrachte mit ihr einige gemeinsame Stunden. Wir unterhielten uns über unsere Familien, über unsere Berufe, unseren Freundeskreis etc. – die Zeit verging schnell. Gegen Abend verabschiedeten wir uns mit der Vereinbarung, uns bald wiederzutreffen und miteinander öfter zu telefonieren. Dann kehrte ich zurück nach Hamburg und sie nach Düsseldorf.
Die Beziehung zwischen uns wuchs schnell. Wir schrieben vorsichtig formulierte Briefe und telefonierte fast jeden Tag. Bevor ich die Ausbildung bei der DPA in Hamburg beendete und dann nach Köln zurückkehrte, traf ich Sosamma zwei oder dreimal und verbrachte mit ihr zusammen stets einige Stunden. Und wir haben sehr gewissenhaft jegliche körperlichen Kontakte vermieden, so wie es uns unsere religiöse Erziehung in Kerala vorschreibt!
Zurück in Köln besuchte ich den indischen Priester, der mir das Stipendium ermöglichte, um zu berichten, wie die Ausbildung verlief und zu eruieren, welche Berufschancen und Zukunftsperspektiven ich nun mit meiner Qualifikation hätte. Der Priester sagte zu meinem Erstaunen, dass er mich bereits an dem Dominikanerkloster in Walberberg (Brühl) für ein Theologiestudium angemeldet hatte. Er sagte, dass er mich für den Beruf eines Priesters sehr geeignet hielt und dass ich seine karitative und religiöse Arbeit in Indien von Deutschland aus weiter unterstützen könne, sobald er selbst nach Beendigung seines Studiums nach Indien zurückkehre. Das war ein Hammer! Ich verlor die Fassung und war etwas verwirrt. Aber ich riss mich schnell zusammen und sagte: „Lieber Pater, dieser Schritt von Dir überrascht mich sehr. Ich hatte nie damit gerechnet. Aber leider habe ich eine Nachricht, die Dich sicherlich enttäuschen wird. Ich habe einer jungen Frau aus Kerala mein „Ja-Wort“ gegeben. Sie arbeitet als Krankenschwester in Düsseldorf. Wir wollen bald heiraten!“
Der Pater blieb still und nachdenklich – für einige Minuten. Und dann sagte er ernst: „Dann heirate schnell!“
Gesagt, getan: So habe ich Sosamma am 15.09.1968 in einer katholischen Kirche in Köln-Kalk geheiratet. Meine Freunde organisierten eine typisch keralesische Hochzeitsfeier und luden dazu alle Krankenschwestern aus Kerala, die in Köln und Umgebung tätig waren, ein. Es wurde ein typisch keralesisches Hochzeitsessen gekocht. Es gab auch ein Kulturprogramm mit indischer Musik und Tanz. Herrlich war das alles – eine echte Hochzeitsfeier wie in Kerala, und das in Deutschland!

Heute, nach 57 Jahren, sind wir noch immer zusammen. Seit 1973 wohnen wir kontinuierlich in der kleinen Stadt Unkel am Rhein. Wir haben zwei erwachsene Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Beide wohnen in der Nähe. Auch noch zwei erwachsene Enkelkinder, die uns oft besuchen.
Wir sind Teil des Ortslebens – Mitglieder des Ortsvereins, der Kirchengemeinschaft, Nachbarschaftsgruppen etc. etc.
Eine geschätzte deutsche Nachbarin bezeichnete Sosamma neulich als „Engel von Unkel“. Ich bezeichne mich als „Onkel von Unkel“.
Ich bin heute fast 89 Jahre alt, Sosamma 81. Glauben Sie mir, wir sind immer noch ein Liebespaar! Gewiss, etwas veraltet, oder?
Jose Punnamparambil
Unkel, verfasst am 13. September 2025 (zwei Tage vor dem Hochzeitstag)
Anm. d. Red.: Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart und ist seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).








