
Siddhartha Mukherjee, Arzt, Forscher und Pulitzer-Preisträger, hat mit Der König aller Krankheiten bereits gezeigt, wie man Wissenschaftsgeschichte als literarische Erzählung entfalten kann. Mit Das Gen widmete er sich dem „Mastercode des Lebens“ – und verknüpft die Geschichte der Genetik eng mit seiner eigenen Familienbiografie (weiter unten ein sehr interessantes Video). „Warum sind wir so, wie wir sind?“, fragt er gleich zu Beginn, und diese scheinbar einfache Frage trägt das ganze Werk, das ich zwar zwar schon 2017 von meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt bekam, jedoch nach wie vor Aktualität besitzt. Kurzum, ich wollte etwas dazu schreiben.
Der erste Teil entfaltet die Historie: Von Gregor Mendels unscheinbaren Erbsenkreuzungen über Darwins Evolutionstheorie bis zur Entdeckung der DNA als Erbsubstanz und dem Wettlauf zwischen Watson, Crick und Rosalind Franklin (die letztlich den Nobelpreis nicht bekam). Mukherjee beschreibt die Entwicklung als eine „unvermeidliche Bewegung zur Wahrheit“ – eine Formulierung, die manchen Kritikern etwas zu teleologisch erscheint. Und doch gelingt es ihm, wissenschaftliche Zusammenhänge für ein breites Publikum anschaulich zu machen. So bezeichnet er das Gen einmal als „die elementare Sprache, in der die Natur ihre Botschaften formuliert“. Als Biologe selbst, würde ich dem nicht widersprechen.
Die stärksten Passagen finden sich jedoch dort, wo er die hellen und dunklen Seiten der Genetik nebeneinanderstellt: Mukherjee erzählt von Joseph Mengeles Zwillingsversuchen ebenso wie von der jungen Amerikanerin Carrie Buck, die 1927 einer Zwangssterilisation unterzogen wurde – ein Beispiel, das ihn zur nüchternen Feststellung führt: „Genetik war immer schon ein Machtinstrument, nie nur eine Wissenschaft“ – sehr gut.
Gleichzeitig bleibt das Buch zutiefst persönlich. Zwei seiner Onkel und ein Cousin litten an Schizophrenie oder manischer Depression. Diese Erfahrungen lassen Mukherjee nicht kalt, sondern treiben ihn an: „Das Gen verfolgt mich“, schreibt er, „es lebt in meiner Familie, in meiner Geschichte, in meinem Körper“. Gerade diese Verflechtung von autobiografischem Erzählen und wissenschaftlicher Analyse macht das Buch glaubwürdig und besonders.
Neben der Familiengeschichte entfaltet Mukherjee eine dichte Chronik moderner Forschung: vom Aufstieg der Biotechnologie über die Sequenzierung des menschlichen Genoms bis zu den Möglichkeiten und Gefahren der „Gen-Schere“ (CRISPR/Cas). Packend schildert er die Euphorie wissenschaftlicher Durchbrüche, ohne deren Ambivalenz zu beschönigen. Homogenisierung und „genetische Optimierung“ erscheinen ihm keineswegs als Heilsversprechen, sondern als Herausforderung: „Vielfalt und Lebendigkeit sind keine Nebenprodukte der Mutation. Sie sind ihr Geschenk“ als Kritik an diejenigen, die Gott spielen möchten.
Am Ende steht weniger ein Triumphgesang auf die Gentechnik als ein Manifest für eine behutsame Zukunft. Mukherjee betont, dass das 21. Jahrhundert nicht nur die Macht bringen wird, Gene zu lesen, sondern sie zu schreiben – und warnt davor, die Fehler des 20. Jahrhunderts, die „negative Eugenik“, in neuer Form fortzusetzen.
Mit über 700 Seiten ist Das Gen keine leichte Kost, aber eine lohnende. Das Buch ist umfassend, detailreich und gelegentlich recht ausschweifend, doch zugleich spannend wie ein Roman und tief bewegend. Wer verstehen will, wie eng die Geschichte der Genetik mit ethischen Fragen unserer Gegenwart und Zukunft verwoben ist, findet hier einen einzigartigen Zugang.






