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Mi., 1. April, 2026
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Jose Punnamparambil: Gerechtigkeit vor Konsum

Jose Punnamparambil blickt auf ein Leben zwischen zwei Welten zurück und zeigt, warum echte Entwicklung mehr braucht als bloßen Wohlstand. Seine Erfahrung mahnt: Zeit, Gerechtigkeit und Respekt sind unverzichtbar für eine nachhaltige Zukunft.

Foto: Zum Glücklichsein braucht man manchmal nicht viel. KI-generiert, und doch auf den Punkt gebracht.

Ich wurde in den Dreißigerjahren auf einem Bauernhof im südindischen Bundesstaat Kerala geboren. In unserem Haus gab es weder Elektrizität noch Telefon, keinen Kühlschrank und keinen Fernseher. Mein Leben war eingebettet in die Reisfelder, den Monsun, den Rhythmus des Dorfes und die Nähe zu Mensch, Tier und Erde. Damals kannte ich den Begriff „Entwicklung“ nicht. Ich kannte nur Leben.

Heute ist mein Heimatdorf kaum wiederzuerkennen. Asphaltierte Straßen durchschneiden die Felder, Motorräder und Autos verdrängen den Ochsenkarren, Satellitenschüsseln stehen auf den Dächern, Smartphones in den Händen. Internet, Streaming, Onlinehandel – all das ist selbstverständlich geworden. Und doch: Mit dem materiellen Fortschritt ist etwas verloren gegangen. Die Stille, die Gelassenheit, die Zeit füreinander. An ihre Stelle ist eine nervöse Hektik getreten, eine Unruhe, die sich kaum benennen lässt. Das soziale Gefüge wirkt brüchiger, die Beziehungen flüchtiger, die Geduld kürzer.

Ich selbst bin heute ein „entwickelter“ Mensch. In den Sechzigerjahren bin ich nach Deutschland gekommen und lebe seither mitten im europäischen Wohlstand. Ich schätze die Freiheiten, die Bildungschancen, die soziale Absicherung, die Verlässlichkeit der Institutionen. Ich weiß, was dieser Kontinent an Errungenschaften hervorgebracht hat. Und doch melden sich Zweifel – gerade jetzt, im Jahr 2026, in einer Zeit multipler Krisen, in der wir spüren, dass das Versprechen des grenzenlosen Wachstums Risse bekommt.

Das Entwicklungsmodell, das der Westen in die Welt getragen hat, beruht auf Marktwirtschaft, Konkurrenz und stetig wachsendem Konsum. Es ist ein System, das auf Beschleunigung angelegt ist und wenig Rücksicht auf endliche Ressourcen, fragile Ökosysteme und die Schwächsten nimmt. Wenn wir dieses Modell eins zu eins auf Länder wie Indien, China oder große Teile Afrikas übertragen, steuern wir nicht auf Wohlstand für alle zu, sondern auf ökologische Überforderung.

Die Ungerechtigkeit ist offenkundig: Eine europäische Großstadt verbraucht täglich enorme Mengen an Wasser, Energie und Nahrungsmitteln, während eine gleich große Metropole im globalen Süden mit einem Bruchteil davon auskommen muss. Und dennoch wird ausgerechnet dort das westliche Konsummodell als Zielmarke propagiert. Mehr Autos, mehr Fleisch, mehr Klimaanlagen, mehr Wegwerfprodukte. Die Rechnung dafür zahlen nicht nur künftige Generationen, sondern bereits heute die Ärmsten.

Nach drei Jahrzehnten in Europa bin ich überzeugt: Wir brauchen eine neue Bescheidenheit. Eine Begrenzung des Konsums. Weniger kann mehr sein. Entwicklung darf nicht wie eine Straßenwalze über kulturelle Identitäten, soziale Strukturen und gewachsene Lebensformen hinwegrollen. Sie darf nicht alles einebnen, was nicht in das Raster von Effizienz und Verwertbarkeit passt.

Wahre Entwicklung bemisst sich nicht allein an Bruttoinlandsprodukt, Digitalisierung oder technologischer Raffinesse. Sie bemisst sich an der Qualität des Zusammenlebens, an der Gerechtigkeit der Verteilung, an der Würde des Einzelnen.

Für mich bedeutet Entwicklung Gerechtigkeit – für alle heute Lebenden und für die, die nach uns kommen. Respekt – vor anderen Kulturen, ihren Werten, ihren Wegen, ihrem eigenen Tempo. Zeit – sich Zeit zu lassen, Rücksicht zu nehmen, zuzuhören, nicht alles dem Takt der Märkte zu unterwerfen.

Entwicklung sollte langsam vonstattengehen, damit der Mensch seine Identität nicht verliert. Damit Gemeinschaft nicht zerfällt, nur weil alles schneller, größer, lauter wird. Damit Fortschritt nicht zur Entfremdung führt.

Ich habe gelernt, dass man ein Land modernisieren kann – aber nicht die Seele eines Menschen. Und ich fürchte, wir sind dabei, genau das zu versuchen.


Anm. d. Red.: Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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