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Sa., 28. Februar, 2026
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Shantanu Mukherjee: Die herrliche Willkür des Alphabets

Die meisten Sprachen – ob ausgestorben oder noch quicklebendig – sind niemals geschrieben worden. Heute ist Schreiben so selbstverständlich, dass man sich kaum vorstellen kann, es hätte jemals anders sein können. Dr. Shantanu Mukherjee unternimmt für uns einen Erklärungsversuch.

Illustration: (c) theinder.net, KI-unterstützt

Schrift entstand in Mesopotamien. Sumerer, Akkadier, ebenso die Ägypter am Nil und später die Hethiter in Anatolien – sie alle schrieben. Mit ganz unterschiedlichen Techniken. Und so hinterließen sie uns ein Vermächtnis, das ihre eigene Zeit überdauerte. Die Erfindung der Schrift zählt zu den großen Meisterleistungen der Menschheit.

Nur: Keiner von ihnen schrieb mit einem Alphabet. Alphabete kamen erst später – sie wuchsen langsam aus den damals existierenden Systemen heraus.

Doch was ist eigentlich ein Alphabet? Das Entscheidende ist hier der Laut – und nicht die Bedeutung. Kurz gesagt: alle seine Vorläufer – Keilschrift, Hieroglyphen etc. – blickten auf „Dinge“. Jedes Ding bekam, vor allem in den frühen Versionen, ein eigenes Symbol. Das Alphabet dagegen steht für Laute, nicht für Bedeutungen.

Allerdings spannt jedes Alphabet eine feste Brücke zwischen Laut und Bedeutung. Stellen wir uns vor: Sie treffen auf eine Sprache, die bislang nur gesprochen, aber nie geschrieben wurde. Wie also nimmt man Sprachlaute und ordnet jedem ein „Zeichen“ zu – ein Element aus einem abgeschlossenen Set, und dieses Set ist das Alphabet?

Der Trick – simpel und genial – lautet: Man berücksichtigt alle und nur die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Laute.

Und was heißt nun „kleinst“? Und was heißt „unterscheidend“? Ein unterscheidender Laut ist einer, der die Bedeutung verändert. B, M, C, H sind zum Beispiel unterscheidend im heutigen Englisch, weil sie im ansonsten identischen Lautumfeld systematisch Bedeutungen ändern. Wie in BAT, MAT, CAT, HAT… das gemeinsame Lautumfeld ist hier …AT.

„Systematisch“ bedeutet dabei unter anderem:

  • regelmäßig (die Bedeutungsänderung ist nicht launisch. B, M, C, H usw. erzeugen fast immer eine Bedeutungsänderung, sobald sie auftauchen, der Rest bleibt konstant),
  • konsistent (nicht willkürlich, sondern zuverlässig, egal in welcher Lautumgebung: CAT, BAT, MAT… genauso wie COLD, BOLD, HOLD… oder HOUND, BOUND, MOUND…),
  • vorhersagbar (ihre wirkungsvolle Rolle gilt auch in noch unbekannten Umgebungen: BAD, HAD, RAD, MAD, SAD oder BUG, MUG, HUG…), und – ganz wichtig –
  • ungesättigt (es gibt Lücken: wir finden BULLY und FULLY, aber keine MULLYs oder HULLYs).

Und „kleinst“? Wenn wir nur auf Bedeutungsänderung schauen, könnte man sagen: in …TION liegen mit TRANSI, EXAMINA, OP, VINDICA usw. ja auch jeweils unterschiedliche Bedeutungen vor. Sollten wir also für TRANSI oder EXAMINA jeweils ein eigenes Zeichen erfinden? Natürlich nicht. Hier rettet uns das „Minimal“.

Denn – man kann es leicht zeigen – TRANSI ist zwar unterscheidend, aber kein „Atom“ des Sprachlauts. Es besteht aus T, R, A, N, S, I – lauter Bausteinen, die selbst den kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lauten entsprechen. TRANSI ist eher ein Molekül. T, R usw. dagegen sind minimal und unterscheidend. Also: Jedes Alphabet sollte im Idealfall genau die minimal unterscheidenden Laute seiner Sprache abbilden. Diese bekommen dann ihre Namen – unsere Bs, Ms, Cs und Hs. Sprachwissenschaftler nennen sie mitunter „Phoneme“.

Ein kleiner Warnhinweis: Streng genommen ist ein Phonem in vielen linguistischen Theorien gar keine wirkliche Lauteinheit, sondern ein abstraktes Konstrukt. Am besten beschreibt man es negativ: Hat man ein Set von Phonemen A, B, C … Z, dann gilt: A = nicht B, nicht C, … nicht Z; B = nicht A, nicht C, … nicht Z; und so weiter. Ein System von Abgrenzungen also, nicht ein greifbares Etwas.

Zwei Eigenschaften sind für jedes Alphabet entscheidend: Willkür und Normativität.
Die Willkür gibt es fast gratis dazu: Es gibt keinerlei innere Verbindung zwischen einem Laut und einem bestimmten Zeichen – genauso wenig wie zwischen einem „Wort“ und einem „Begriff“. Nichts im Wort tree und nichts in der Idee eines Baumes zwingt beide zusammen. Dass sie zusammengehören, ist pure Konvention.

George Bernard Shaw hat das hübsch illustriert, als er „ghoti“ als alternative Schreibweise für „fish“ vorschlug: gh wie in „enough“ (=f), o wie in „women“ (=i), ti wie in „nation“ (=sh). Dass fish heute fish heißt, ist ein historischer Zufall. Am Anfang war es vollkommen willkürlich. Rechtschreibestandardisierung ist daher in erster Linie nicht sprachlich, sondern – etwas unhandlich gesagt – soziopolitisch bedingt.

Aber: Ist die Norm einmal gesetzt, dann darf es keine Wackler geben. Keine Unsicherheiten. Sonst versinkt das Schreiben im Chaos.

Hierzu passt die Anekdote vom Lehrer, der seine Schüler „pillar“ buchstabieren lässt. Heraus kommen Varianten wie „piller“, „pilar“ oder „pillar“. Der Lehrer – selbst unsicher – kommentiert nichts und macht weiter. Die Kinder aber bestehen auf der richtigen Antwort. Da sagt der Lehrer seelenruhig: „Mit einem oder zwei l – beides ist korrekt. Aber zwei machen die Säule stabiler.“ Genau das sollte ein festgelegter Standard unmöglich machen.

Ein ordentliches Wörterbuch sollte keine Zweifel offenlassen. Standardisierte Rechtschreibung ist ein Segen – ein Dogma, ja, aber ein nützliches.

Ein paar weitere Punkte zählen auch:

  • Ökonomie sorgt für Eleganz. Englisch etwa hat keinen einzelnen Buchstaben für den häufigen Laut [ʃ], wie in short oder shave. Also greift es zu einem Buchstabenpaar. Ein kleiner, aber doch merkbarer Bruch mit der Ökonomie.
  • Eins-zu-eins-Korrespondenz: Idealerweise sollte jeder Buchstabe genau einem Laut entsprechen – und umgekehrt. Doch das englische U macht in put etwas ganz anderes als in but. Prinzip verletzt.

Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Shantanu Mukherjee
Shantanu Mukherjee
Dr. Shantanu Mukherjee, 1948 in Kalkutta geboren, kam 1971 nach Deutschland und fand hier seine akademische wie kulturelle Heimat. An der Universität Heidelberg studierte und promovierte er in Allgemeiner Sprachwissenschaft, wo er über viele Jahre lehrte, später auch an den Universitäten Bonn und Potsdam. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmet er sich seit Langem der Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer. Dr. Mukherjee lebt mit seiner Ehefrau, der Wirtschaftsjournalistin Heike Göbel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), in Frankfurt am Main.

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