
Teil 4/7. Ewaabai lag auf dem Rücken in ihrem Bett im Schlafzimmer und starrte hinauf zum Deckenventilator, der sich leise drehte. Es war ein drückend heisser Nachmittag, und wer immer sich ein Schattenplätzchen hatte sichern können, würde es bis zum Abend nicht mehr verlassen. Ewaabai dachte über die vielen Rikschafahrer nach, die um diese Zeit normalerweise unter einem Baum oder einem Hausdach parkten um auf ihrem Gefährt ein Nickerchen zu machen. Unglaubliche 60 000 Motorradrikschas gab es in ganz Delhi! Eine Zahl, die ihre Vorstellungskraft sprengte. Wenn ein Passagier während dieser ruhigen Nachmittags-Stunden die Fahrdienste des „Rikshawallas“ in Anspruch nehmen wollte, rüttelte er diesen ganz einfach wach. Das hatte sie mehrmals beobachtet. Ewaabai mochte die lustigen gelb-grünen Motorradrikschas und fand es manchmal etwas Schade, dass ihr Fahrer sie bequem überall hinkutschierte. Sie liebte Herrn Singh, aber er war peinlich darauf bedacht, dass sie als westliche Frau in seinem Land behütet und aufgehoben war. Keinen einzigen Schritt liess er sie alleine tun.
Ihr Blick fiel auf einen Stapel frisch gewaschener Wäsche. Roshni, die Gute, hatte in mühseliger Knochenarbeit ihre ganze schmutzige Wäsche von Hand gewaschen. Denn nicht genug, dass Ewaabai ihren ganz persönlichen Fahrer hatte. Zusätzlich griffen ihr Roshni, die Haushaltshilfe und Benny, der Koch, beim Management ihres anspruchsvollen Einpersonen-Haushalts unter die Arme. Die beiden verhielten sich höflich distanziert, nannten sie „Mam“ und warteten ständig auf Anweisungen, die Ewaabai ihnen zu geben sich nicht traute.
Ein Geräusch eines klappernden Kochtopfs liess Ewaabai aufhorchen. Sie setzte sich auf, als ihr eine Idee durch den Kopf schoss. Sofort wurde sie geschäftig, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, warf sich einen Schal über die Schulter, um wenigstens ein bisschen indisch auszusehen, und trat auf den Flug, um Roshni aufzusuchen. Sie war gerade mit dem Abwasch des Geschirrs vom Mittagessen beschäftigt. „Gehst du heute auf den Markt zum Einkaufen?“, fragte Ewaabai in Englisch. Roshni schaute sie ein bisschen verdutzt an. Sie sprach nur ein paar Brocken Englisch. „Market?“, wiederholte Ewaabai und zeigte mit dem Zeigefinger auf Roshni. Roshni nickte heftig. Die zwei Frauen lächelten sich an. Ewaabais Laune hellte sich sofort deutlich auf.
Eine kühle Abendbrise wehte, als Roshni und Ewaabai sich zu Fuss zum Quartier-Markt aufmachten. Roshni war schön. Sie war eine dieser schönen indischen Frauen mit grossen dunklen Augen, vollem dunklem Haar und schönem Teint. Daneben kam sich Ewaabai vor wie ein Bauerntrampel. Zuerst machte Roshni bei einem Strassentempel Halt. Er war gerade wieder für den Abend geöffnet worden und die Menschen drängten sich für die Tempelrituale in den kleinen Raum. Ewaabai beobachtete das bunte Treiben aus der Ferne. Sie mochte die fröhlichen Götter der Hindu-Religion, aber sie war weit davon entfernt, sie auch nur im Ansatz zu verstehen. Dann zeigte Roshni auf ihre Einkaufstasche und gab zu verstehen, dass sie Dal und Reis benötigte. Beim kleinen Lebensmittelladen angekommen, begrüsste der Ladenbesitzer sie herzlich. An Ewaabai gewandt, meinte er scherzend: „Schon seit Jahren mache ich Roshni den Hof, aber sie bringt es fertig, mich einfach zu verschmähen.“ Mit den Händen machte er eine ausladende Geste. Wissen Sie, bei einer Frau mit einem so schönen Namen ist es kein Wunder, dass sie schön ist. Kennen Sie die Bedeutung von `Roshni’?“, fragte er. Ewaabai schüttelte den Kopf. „Roshni bedeutet Licht auf Hindi.“ Während Roshni weiter in Hindi mit dem Ladenbesitzer plauderte während sie ihre Einkäufe tätigte, sah sich Ewaabai vor dem Laden um. Plötzlich bog eine Rikscha um die Strassenecke und reduzierte die Geschwindigkeit neben Ewaabai auf Schritttempo. „Nur ein einziges Mal mit einer Rikscha fahren“, dachte Ewaabai. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. Eine verdutzte Roshni trat aus dem Laden und konnte nur noch dabei zusehen, wie ihre „Mam“, die normalerweise Mercedes fuhr, sich vom „Rikschawallah“ wegtragen liess.
Die Autorin Edith Truninger erzählt in ihrer 7-teiligen Kolumne meisterhaft, wie die Europäerin Eva in Indien zu Ewaabai wird. Sie beschreibt, wie ein fremdes Land zum inneren Bezugspunkt wird, zwischen „Mango-Lassi und Räucherstäbchen“.






