Zur Jahrtausendwende lebten rund 50.000 Inder in Deutschland. Mehr als die Hälfte davon waren Inder der ersten Generation. Sie kamen in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland und waren damals über 50 Jahre alt. Viele von ihnen standen bereits vor dem Ende ihres Berufslebens. Einige befanden sich schon im Ruhestand. Jose Punnamparambil, Jg. 1936, schrieb diesen Artikel bereits 2003, hat für heutige Einwanderer noch Relevanz und ist ein historisches Dokument.

Auswanderungsgrund
Die meisten dieser Inder kamen nicht mit der Absicht nach Deutschland, sich hier niederzulassen und für immer zu bleiben. Die Hauptmotivation für die Auswanderung war für sie die Verbesserung eigener Lebensperspektiven durch Studium oder Arbeit. Eine Qualifikation oder ein Ausbildungsabschluss aus Deutschland war in Indien hoch angesehen und konnte dem Besitzer schnell einen lukrativen Job im Staatsdienst oder in der Privatindustrie verschaffen. Einige wollten nur ein paar Jahre hier arbeiten und mit dem ersparten Geld nach Indien zurückkehren, um dort für sich eine Zukunft aufzubauen. Aber wie das Leben so spielt, es verläuft nicht immer genau nach den Wünschen und Vorstellungen der Menschen. Man gründet mit der Zeit eine Familie, die Kinder werden hier geboren und wachsen hier auf, man engagiert sich im Beruf und in der Gesellschaft. So rast die Zeit an einem vorbei. Je länger diese Inder der ersten Generation hier lebten, desto mehr integrierten sie sich in die hiesige Gesellschaft und entfernten sich immer weiter von der eigenen Heimat. Und je älter sie wurden, desto abhängiger wurden sie von den sozialen und gesundheitlichen Sicherheiten, die das deutsche soziale Netz bietet.
Integration
Nach der schwierigen Phase der Familiengründung, Kindererziehung und beruflicher sowie gesellschaftlicher Festigung führen heute die Inder der ersten Generation ein bürgerliches Leben wie jeder Durchschnittsdeutsche. Kulturell leben sie jedoch gleichzeitig auf zwei Ebenen: ein Innenleben mit eigenen Sitten, Traditionen, religiösem Glauben und Lebensanschauungen, und mit einem Leben nach außen, das säkular, weltoffen und angepasst ist. Da die meisten Inder weit verstreut und integriert (es gibt kein indisches Getto in Deutschland) unter den Deutschen leben, haben sie die Möglichkeit, am örtlichen Kultur- und Gesellschaftsleben teilzunehmen und es mit den deutschen Freunden und Nachbarn mitzugestalten. Für die meisten dieser Inder eröffnete das Leben in Deutschland neue Möglichkeiten zu Persönlichkeitsentfaltung und Kreativität. Man wurde mündiger und selbstbewusster; der Erfahrungs- und Erlebnishorizont wurde erweitert. Finanziell verbesserte sich die Situation für sie erheblich. Sie konnten nicht nur selbst im Wohlstand leben, sondern auch vielen ihrer Verwandten und Freunde in der Heimat dabei helfen, ihrer. Lebensstandard deutlich zu steigern.
Probleme
Ein Problem, dassich für diese Inder als besonders konfliktreich und schmerzhaft erwiesen hat, ist das Altwerden in einer Leistungsgesellschaft. In ihren jüngeren Jahren mussten sie geistig und körperlich überdurchschnittliche Anstrengungen machen, um Anforderungen in Beruf und Alltag gerecht zu werden. In einer Konkurrenzgesellschaft steht ein Fremder ständig unter dem Druck, beweisen zu müssen, dass er bei einer bestimmten Leistung mindestens ebenso gut ist wie die Einheimischen. Es geht hier um den Kampf ums Überleben, es geht um den Aufbau einer angemessenen Existenz in der Fremde. Hinzu kommen noch vielschichtige Konflikte und die mühsame Aneignung von neuen Kompetenzen, die mit der Integration in eine fremde Gesellschaft verbunden sind. All dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Gesundheit und die geistige Verfassung der Betroffenen. Viele werden frühzeitig krank, ihre Leistungsfähigkeit lässt mit zunehmendem Alter rapide nach. Dass eine Leistungsgesellschaft kein Langzeitgedächtnis hat, liegt auf der Hand: Menschen mit Minderleistungen passen nicht in ihr Schema. Sie werden aussortiert, als leistungsschwach abgestempelt und an den Rand gedrängt.Dies ist eine psychisch belastende, bittere Erfahrung für viele Inder, insbesondere für die im Krankenpflegebereich tätigen Inderinnen, die in ihren besten Jahren Überdurchschnittliches geleistet haben. Ein anderes Phänomen ist eine erwachende Nostalgie. Je älter die Inder werden, desto intensiver wird ihr Verlangen nach Rückkehr in die Heimat. Den Rest ihres Lebens wollen sie mit den Verwandten, Freunden und Bekannten verbringen, und zwar in einer vertrauten Umgebung, wo die Alltagskommunikation in der eigenen Muttersprache stattfindet. Dass sich dies aus vielen praktischen Gründen und wegen der veränderten Situation in der Heimat nur sehr bedingt verwirklichen lässt, wissen inzwischen viele Inder der ersten Generation. Sie wissen, dass sich ihre Verhaltensweisen und Lebensauffassungen durch ihren langen Aufenthalt in Deutschland gründlich verändert haben. Dies macht eine endgültige Rückkehr in die Heimat schwer. Andererseits können sie sich mit der Idee überhaupt nicht anfreunden, ihren Lebensabend in deutschen Altenheimen zu verbringen. Was dann? Ist das Pendeln zwischen Indien und Deutschland ein mögliches Modell? Was wird ihnen passieren, wenn sie wirklich alt und pflegebedürftig werden?
Zwischenwelt
Es gibt aber auch andere Fragen, die heute die erste Generation der Inder beschäftigen: War es richtig, vor Jahren die eigene Heimat verlassen zu haben? Wird man die Kraft haben, die Vereinsamung und Vernachlässigung im fortgeschrittenen Alter durchzustehen? Werden die Kinder hier die gleichen Chancen haben, im Leben und im Beruf voranzukommen? Diese und ähnliche Fragen haben aber ihre Gültigkeit nicht nur für Inder, sondern auch für andere ethnische Gruppen, die hier leben. Auch die Deutschen, die auswandern (dies sind immerhin jährlich weit über 100 000 Personen), werden irgendwann einmal im Leben mit solchen Fragen konfrontiert. Auswandern ist eigentlich ein Von-sich-Weggehen. Können wir das? Nicht einfach. Meistens landen wir in einer Zwischenwelt. Deshalb werden wir manchmal von einem lawinenartigen Heimweh überwältigt. Trauer umhüllt uns. Aber so ist das Leben. Wie Peter Härtling einmal schrieb: „Ich gehe fremd, wenn ich heim will.“

Anm. d. Red.: dieser Artikel wurde im Rahmen der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Deutsch-Indischen Gesellschaft, 2003 publiziert und wird hier mit ausdrücklicher Genehmigung von Jose Punnamparambil veröffentlicht. Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart und seit Dezember 2025 mit „Punnams Welt“ als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).






