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Do., 22. Januar, 2026
StartCommunityDeutsch-indische GeschichtenTeil 1/5: Wie die Nazis den Arier in Tibet finden wollten

Teil 1/5: Wie die Nazis den Arier in Tibet finden wollten

Als sich im Frühjahr 1938 eine kleine Gruppe deutscher Forscher über den Seeweg nach Südasien aufmachte, geschah dies nicht im Dienste freier Wissenschaft. Der Auftrag kam aus dem Machtzentrum des nationalsozialistischen Staates selbst. Heinrich Himmler, Reichsführer SS und einer der zentralen Architekten des Holocaust, hatte eine Expedition nach Tibet entsandt, um dort die Ursprünge der angeblich „arischen Rasse“ aufzuspüren. Es war eine Unternehmung, die pseudowissenschaftlichen Wahn, koloniale Fantasien und rassistische Ideologie auf bezeichnende Weise miteinander verband.

Foto: (c) Bundesarchiv, Bild 135-KB-15-083 / Krause, Ernst / CC-BY-SA 3.0

Adolf Hitler ging davon aus, dass nordische „Arier“ vor rund 1500 Jahren nach Indien eingewandert seien, dort jedoch durch „Rassenmischung“ ihre vermeintliche Überlegenheit eingebüßt hätten. Seine Geringschätzung gegenüber Indien und der indischen Unabhängigkeitsbewegung ist in Reden, Schriften und Gesprächen gut dokumentiert. Für Himmler hingegen blieb der Subkontinent – und insbesondere Tibet – ein möglicher Schlüssel zur Rekonstruktion einer imaginierten Urgeschichte.

Im Zentrum dieser Vorstellungen stand der Glaube an Atlantis, eine mythische Urzivilisation „reinen Blutes“, die angeblich im Atlantik untergegangen sei. Überlebende dieser Katastrophe, so die völkische Legende, hätten sich in entlegene Hochregionen zurückgezogen – etwa in den Himalaya. Tibet, das „Dach der Welt“, erschien den Ideologen der SS als besonders geeigneter Ort, um nach letzten Spuren dieser Konstruktion zu suchen.

Bereits 1935 hatte SS-Chef Heinrich Himmler innerhalb der SS die Organisation „Ahnenerbe“ gegründet, offiziell zur Erforschung der „germanischen Vor- und Frühgeschichte“, faktisch als ideologisches Instrument zur Legitimierung rassistischer Theorien. Drei Jahre später brach eine fünfköpfige Expedition nach Tibet auf. Leiter war der damals 28-jährige Zoologe Ernst Schäfer, ein talentierter Naturwissenschaftler und passionierter Jäger, der bereits mehrfach in der Region gewesen war und früh der SS beigetreten war. An seiner Seite befand sich unter anderem der Anthropologe Bruno Beger, dessen Aufgabe darin bestand, Schädelvermessungen vorzunehmen, Gesichtsabgüsse herzustellen und biometrische Daten zu sammeln – alles im Dienste der Suche nach „nordischen“ Merkmalen. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, dass die indische Anthropologin Irawati Karve schon 1928-30 anhand von Schädelmessungen die „Überlegenheit der europäischen Rasse“ widerlegte – dies wird an anderer Stelle in einem separaten Artikel behandelt.

Die Reise führte über Colombo, Madras und Kalkutta. Die britischen Kolonialbehörden beobachteten die Deutschen mit erheblichem Misstrauen und hielten sie für Spione; die „Times of India“ sprach offen von einem Gestapo-Agenten. Dennoch gelang es der Gruppe, über Sikkim nach Tibet einzureisen – mit Hakenkreuzfahnen an Maultieren und Gepäck befestigt. Die Ironie war offenkundig: Das Hakenkreuz, in Tibet als „Yungdrung“ bekannt und im Hinduismus seit Jahrtausenden ein Glückssymbol, war für die Nationalsozialisten längst zum Emblem eines mörderischen Regimes geworden.

In Tibet selbst traf die Expedition auf eine politisch fragile Situation. Nach dem Tod des 13. Dalai Lama wurde das Land von einem Regenten verwaltet, da sein Nachfolger noch ein Kind war. Die Deutschen wurden freundlich empfangen, erhielten Zugang zu Klöstern und Bevölkerung und konnten ihre Arbeiten weitgehend unbehelligt durchführen. Beger agierte zeitweise sogar als eine Art Hilfsarzt für die lokale Bevölkerung – ohne dass diese ahnte, welchem Menschenbild ihre Gäste anhingen. In der nationalsozialistischen Ideologie galten Buddhismus und Hinduismus als „verweichlichende“ Religionen, die den angeblichen arischen Geist geschwächt hätten.

Bis zum Sommer 1939 hatte Beger 376 Tibeter vermessen, tausende Fotografien angefertigt und zahlreiche Abgüsse, Fingerabdrücke sowie ethnografische Objekte gesammelt. Weitere Expeditionsteilnehmer dokumentierten Flora, Fauna und Alltag mit zehntausenden Metern Film. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn im modernen Sinne war dabei zweitrangig; entscheidend war die ideologische Verwertbarkeit des Materials.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete die Unternehmung abrupt. Himmler ließ die Gruppe überstürzt aus Kalkutta ausfliegen und empfing sie persönlich bei der Rückkehr nach München. Ein Teil der gesammelten Objekte ging im Chaos der letzten Kriegsjahre verloren, anderes gelangte in Archive und Museen in Deutschland und den Vereinigten Staaten, wo es bis heute lagert – als problematisches Erbe einer Wissenschaft, die sich in den Dienst eines verbrecherischen Regimes gestellt hatte.

Die Tibet-Expedition der SS steht exemplarisch für den wahnsinnigen Versuch des Nationalsozialismus, Ideologie mit dem Anschein von Wissenschaft zu legitimieren. Sie zeigt, wie bereitwillig akademische Disziplinen instrumentalisiert wurden, um rassistische Mythen zu untermauern – und wie weit der Griff nach einer erfundenen Vergangenheit reichen konnte, um eine mörderische Gegenwart zu rechtfertigen.

Weitere Informationen:


„Indien im Schatten des Nationalsozialismus“ – alle fünf Teile im Überblick:

I. Der ideologische Wahn: Himmlers SS-Expedition nach Tibet
II. Die wissenschaftliche Antwort: Irawati Karve und die Schädelvermessung
III. Die politische Strategie: Eva Geissler – Intimität als antikoloniale Waffe?
IV. Die moralische Ambivalenz: Indiens Schattenmann A. C. N. Nambiar
V. Das tragische Ende: Noor Inayat Khan – Widerstand bis nach Dachau

Vikram Gandhawa
Vikram Gandhawa
Vikram (Choti) Gandhawa ist Kommunikationswissenschaftler und seit 2021 als Online-Redakteur für theinder.net tätig. Seine Themenschwerpunkte sind aktuelle Tages- und Wirtschaftspolitik sowie Postkolonialismus, seine Vorliebe investigativer Journalismus.

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