Die Deutsch-Indische Gesellschaft (DIG) e.V. ist seit Jahrzehnten ein Pfeiler der Völkerverständigung. In der römisch geprägten Stadt Trier hat die dortige Zweigstelle unter der Leitung von Lakhinder Singh eine besonders lebendige Form des Austausches gefunden. Die DIG Trier versteht sich nicht nur als Kulturverein, sondern als aktiver Gestalter in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und soziale Integration. Im Interview gibt der Vorsitzende Lakhinder Singh tiefe Einblicke in seine Vision: Er spricht über emotionale Begegnungen im Seniorenheim, den geplanten Fachkräfte-Gipfel „India Meets Trier“ und warum er Deutschland und Indien im Kern für Seelenverwandte hält.

Herr Singh, wenn Sie auf die Arbeit der DIG Trier in den letzten Jahren blicken: Welcher Moment hat Sie am meisten bewegt?
Wenn ich auf die vergangenen Jahre unserer Zweigstelle zurückblicke, erfüllt mich aufrichtige Dankbarkeit – gegenüber unserem engagierten Team, unseren Mitgliedern und der Stadt Trier, die uns stets wohlwollend begleitet hat. Wir haben in dieser Zeit vieles auf die Beine gestellt: unsere Gandhi Jayanti Feier mit dem Konsul aus Frankfurt, die wachsende Zusammenarbeit mit der Stadt Trier, unseren geplanten Fachkräfte-Gipfel, der wirtschaftliche und humanitäre Ziele miteinander verbindet – und vieles mehr. Auf all das bin ich stolz. Und doch: Der Erfolg, den ich persönlich als den bedeutsamsten empfinde, war keiner dieser großen Anlässe.
Welches Ereignis war es stattdessen?
Es war ein stiller Nachmittag in einem Trierer Seniorenheim – eine Tanzveranstaltung mit der zehnjährigen Natascha von der Nisari Kalakshetra Tanzakademie aus Mannheim. Es war nicht die größte Veranstaltung, die wir je organisiert haben. Aber es war die emotional tiefste. Als ich sah, wie dieses junge Mädchen mit klassischem indischem Tanz die Herzen der deutschen Seniorinnen und Senioren berührte, wurde mir etwas klar, das ich bis dahin zwar geahnt, aber nie so unmittelbar erlebt hatte: Kultur kennt wirklich kein Alter, keine Sprachbarrieren, keine Grenzen. Die Bewohner – viele über 80, manche über 90 Jahre alt – klatschten, sie lächelten. Nach der Aufführung umarmten sie Natascha und sagten ihr: „So etwas Schönes haben wir lange nicht erlebt“.
Was haben Sie in diesem Moment empfunden?
Ich stand dabei und dachte: Das ist es. Das ist genau der Grund, warum wir diese Arbeit tun. Nicht spektakuläre Events, nicht Presseberichte, nicht Zahlen und Mitgliederzuwachs, sondern diese eine echte menschliche Begegnung. Ein Kind aus Mannheim, das in einer Sprache tanzt, die keine Worte braucht, und das damit Türen in die Herzen von Menschen öffnet, die vielleicht nie in ihrem Leben nach Indien reisen werden. Das ist für mich die Essenz unserer Arbeit bei der DIG Trier: Wir bauen keine Brücken zwischen Nationen – wir bauen Brücken zwischen Menschen. Und dieser stille Nachmittag im Seniorenheim war Völkerverständigung in ihrer reinsten, schönsten Form.
Sie möchten aber nicht nur im kulturellen, sondern auch im wirtschaftlichen Bereich Akzente setzen. Was planen Sie für die nahe Zukunft?
Die deutsch-indischen Beziehungen befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel – und wir bei der DIG Trier möchten nicht nur Zuschauer dieses Wandels sein, sondern aktive Gestalter. Für das kommende Jahr haben wir konkrete, ambitionierte Projekte in drei zentralen Bereichen geplant. A) Fachkräfte-Gipfel „India Meets Trier“: Dies ist unser ambitioniertestes Projekt – und ich sage das ohne Übertreibung. Wir planen einen Fachkräfte-Gipfel, der unter dem Titel „India Meets Trier“ verschiedene Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft an einen Tisch bringen soll. Idealerweise mit dem Oberbürgermeister der Stadt Trier als Schirmherrn, denn dieses Projekt betrifft die Zukunft der gesamten Region.
Wie sieht die konkrete Umsetzung aus und welche Vorteile bringt das für Trier?
Konkret geht es darum, zwei drängende Bedürfnisse miteinander zu verbinden: Auf der einen Seite die Trierer Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, die händeringend qualifiziertes Personal suchen. Auf der anderen Seite hochqualifizierte indische Fachkräfte, die eine echte berufliche Perspektive in Deutschland suchen und bereit sind, sich hier dauerhaft einzubringen. Indien hat eine der jüngsten und bestausgebildeten Bevölkerungen der Welt – wir möchten diese Chance für Trier nutzbar machen.
Geht es dabei rein um die Vermittlung von Arbeitsplätzen?
Doch bei Fachkräften endet unsere Vision nicht. Wir haben Kontakte zu indischen Investoren, die konkretes Interesse daran haben, in Trier zu bauen, und zwar dort, wo der Bedarf am größten ist: 100 bis 120 Studentenwohnungen, die in Trier dringend fehlen, sowie Wohnungen für Fachkräfte und ihre Familien. Wenn Menschen aus Indien nach Trier kommen, um hier zu arbeiten und zu leben, dann brauchen sie auch ein Zuhause. Wirtschaftliche Integration und menschliche Integration gehören für uns untrennbar zusammen.
Wie erreichen Sie dabei die junge Generation?
B) Jugend und Bildung: Um ein jüngeres Publikum anzusprechen, setzen wir auf direkte Begegnung statt bloßer Wissensvermittlung. Wir arbeiten gezielt mit Trierer Schulen zusammen – besonders mit dem Auguste-Viktoria-Gymnasium, das bereits durch seine Gandhi-Statue ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit indischen Werten trägt. Schüleraustausch-Programme sollen jungen Menschen ermöglichen, Indien wirklich zu erleben, nicht nur darüber zu lesen. Denn wer einmal selbst durch die Gassen Delhis gelaufen ist oder bei einer indischen Familie am Tisch gesessen hat, der trägt Indien sein Leben lang im Herzen.
Und wie sieht Ihre digitale Strategie aus?
C) Social Media und moderne Formate: Die junge Generation bewegt sich in digitalen Räumen – und wir müssen dorthin gehen, wo sie ist. Wir planen den konsequenten Ausbau unserer Präsenz auf Social-Media-Plattformen: mit kurzen, lebendigen Formaten, die Indien nahbar machen – Einblicke in indische Alltagskultur, Porträts von Indern in Trier, Kurzinterviews, Kochvideos, Reiseimpressionen. Ergänzend dazu möchten wir ein regelmäßiges Online-Format etablieren, das auch Menschen außerhalb von Trier erreicht und die DIG als moderne, offene Gesellschaft positioniert. Denn Kultur kennt heute keine Stadtgrenzen mehr – und das ist eine Chance, die wir nutzen wollen.
Was motiviert Sie persönlich, so viel Energie in dieses Ehrenamt zu stecken?
Der Weg zum Ehrenamt war für mich kein strategischer Entschluss, sondern das Ergebnis einer inneren Notwendigkeit. Als ich nach Deutschland kam, erlebte ich – wie viele Migrantinnen und Migranten – eine Zeit der Orientierung und des Suchens. Ich fand in der DIG nicht nur eine Gemeinschaft, sondern einen Ort, an dem ich meine indische Identität und meine neue deutsche Lebenswirklichkeit nicht als Widerspruch, sondern als Bereicherung erfahren durfte. Als ich dann gefragt wurde, ob ich die Leitung der Zweigstelle übernehmen möchte, zögerte ich zunächst. Führung bedeutet Verantwortung, und Verantwortung bedeutet Zeit und Energie, die man neben Beruf und Familie investieren muss. Doch dann dachte ich an all jene jungen Inder, die nach Trier kommen und dieselbe Orientierungslosigkeit erleben wie ich damals – und ich wusste: Wenn ich helfen kann, diesen Weg zu erleichtern, dann muss ich es tun.
Welches Bild von Indien möchten Sie den Menschen vermitteln?
Die wichtigste Botschaft, die ich den Menschen in Trier über das moderne Indien vermitteln möchte, lautet: Indien ist kein Museum. Es ist eine lebendige, pulsierende Demokratie von 1,4 Milliarden Menschen, die täglich Geschichte schreibt. Es ist ein Land, das Raumstationen zum Mond schickt und gleichzeitig atemberaubende klassische Musik und jahrtausendealte Heilkunde bewahrt. Es ist ein Land voller innerer Widersprüche, aber das macht es nicht weniger großartig, sondern im Gegenteil: ungeheuer menschlich. Ich möchte, dass die Menschen hier in Trier Indien nicht nur als Reiseziel oder als Lieferant von Gewürzen und Yoga-Philosophie sehen, sondern als einen gleichberechtigten Partner – in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und im großen Dialog der Zivilisationen.
Sie selbst sind bereits vor über 50 Jahren nach Deutschland gekommen. Wie fing Ihre Reise an?
Ich bin vor über 50 Jahren nach Deutschland gekommen – zunächst nach Wiesbaden, wie so viele Ankömmlinge jener Zeit, die in einer der größeren Städte Fuß zu fassen versuchten. Danach zog es mich nach Frankfurt, wo ich ein Studium der Informatik begann. Es waren aufregende, fordernde Jahre – Deutschland befand sich im Wandel, und ich war mittendrin, ein junger Mann aus Indien, der eine neue Welt kennenlernte. Irgendwann schlug ich dann einen anderen beruflichen Weg ein, aber diese frühen Jahre des Lernens und des Suchens haben mich tief geprägt.
Und wie kam es schließlich zur Gründung der DIG in Trier?
Die Zeiten haben sich inzwischen natürlich geändert – und doch: Als ich nach Trier kam, fiel mir auf, dass Indien in dieser Region kaum präsent war. Im Vergleich zu anderen Ländern und Kulturen, die hier sichtbar vertreten waren, blieb das moderne Indien weitgehend unsichtbar. Viele Bekannte fragten mich damals: „Warum gibt es hier eigentlich keine indische Kultur? Wo kann man mehr über Indien erfahren?“. Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn das Interesse war zweifellos vorhanden. Viele Deutsche – und das erlebe ich bis heute – interessieren sich zum Beispiel für Ayurveda, für indische Philosophie, für Yoga, für die Küche, für Geschichte und für die schiere Vielfalt des indischen Subkontinents. Dieses Interesse verdiente eine echte Anlaufstelle, einen Ort des Austauschs und der Begegnung.
Haben Sie die Initiative dann allein ergriffen?
Ich beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ich wandte mich an die Deutsch-Indische Gesellschaft mit Sitz in Stuttgart, die bundesweit über 25 Zweiggesellschaften unterhält – nur in der Region Trier gab es bis dahin noch keinen Ableger. Ich schlug vor, das zu ändern. Die Antwort aus Stuttgart war ermutigend und direkt: „Machen Sie!“. Dieser Satz hat mich angespornt. Gesagt, getan: Im August war es schließlich so weit. Gemeinsam mit einigen engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern gründeten wir die Deutsch-Indische Gesellschaft Trier und damit begann ein neues Kapitel, nicht nur für mich persönlich, sondern für die gesamte deutsch-indische Gemeinschaft in dieser Region. Wenn ich heute auf diesen Moment zurückblicke, denke ich: Manchmal braucht es nur einen entscheidenden Schritt, einen Menschen, der nicht wartet, bis jemand anderes handelt. Trier hat eine über 2000-jährige Geschichte – und nun ist auch ein kleines Stück Indien dauerhaft Teil dieser Geschichte geworden. Das erfüllt mich mit stiller Freude.
Was bedeutet „Heimat“ nach all diesen Jahren für Sie?
Heimat – das ist vielleicht das Wort, das mir in meinem Leben am tiefsten nachgegangen ist. Im Deutschen trägt dieses Wort eine Schwere, eine Wärme und eine philosophische Tiefe, die in keiner Übersetzung vollständig erfasst werden kann. Und doch: Indien kennt ein ähnliches Konzept, das Gefühl des „Apnapan“ – des Zugehörigseins, des Vertrautseins, des Zuhausefühlens. Heute, nach vielen Jahren in Deutschland und in Trier, habe ich aufgehört, Heimat als einen einzigen Ort zu verstehen. Meine Heimat ist nicht ein Land, sie ist eine innere Haltung. Sie ist dort, wo meine Werte zuhause sind: Neugier, Respekt, Gastfreundschaft, das Streben nach Bildung und das Gespräch zwischen verschiedenen Welten. In diesem Sinne bin ich sowohl in Indien als auch in Deutschland zu Hause.
Sehen Sie sich in dieser Doppelnatur als Brückenbauer?
Ja, ich fühle mich als Brückenbauer – und ich empfinde dieses Bild nicht als Metapher, sondern als eine der schönsten Aufgaben, die das Leben einem Menschen schenken kann. Eine Brücke steht zwischen zwei Ufern, sie gehört weder dem einen noch dem anderen ganz und doch verbindet sie beide und ermöglicht den Übergang. Das ist meine Rolle, und ich erfülle sie mit Stolz und Dankbarkeit. Aber dann stellt sich mir manchmal die tiefere Frage: Bin ich wirklich ein Brückenbauer – oder bin ich vielleicht eher ein Mensch, der erkannt hat, dass diese beiden Ufer einander näher sind, als die meisten ahnen? Denn je länger ich in Deutschland lebe, desto mehr überzeuge ich mich: Deutschland und Indien sind Seelenverwandte. Nicht im oberflächlichen Sinne – sondern in dem, was beide Kulturen in ihrem tiefsten Innersten antreibt: die Leidenschaft für Philosophie, das Ringen um Wahrheit, die Ehrfurcht vor dem Wissen und die Suche nach dem Sinn des Daseins.
Wie hat Ihr Leben in Deutschland Ihren Blick auf Indien verändert?
Ich habe hier in Deutschland so vieles über Indien gelernt – das mag paradox klingen, aber es ist die Wahrheit. Denn die deutschen Gelehrten und Denker haben Indien mit einer Tiefe und Leidenschaft studiert, die mich immer wieder neu staunen lässt. Schon im 19. Jahrhundert entdeckten deutsche Romantiker und Philosophen in der indischen Geisteswelt etwas, das ihnen in der eigenen Tradition fehlte: eine andere Dimension des Denkens, eine andere Art, das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Kosmos zu verstehen. Kalidasa und sein Meisterwerk „Shakuntala“ – das Drama der verlorenen und wiedergefundenen Liebe – begeisterte Goethe so sehr, dass er schrieb, man könne in diesem Werk Himmel und Erde zugleich finden. Hermann Hesse wiederum schrieb mit „Siddhartha“ ein Buch, das aus indischer Philosophie und deutschem Geist destilliert wurde und bis heute Millionen Menschen weltweit berührt. Diese Werke zeigen: Die geistige Begegnung zwischen Deutschland und Indien ist keine Neuheit des 21. Jahrhunderts – sie ist eine jahrhundertealte, fruchtbare Tradition.
Und diese Tradition wirkt bis heute fort?
Ja richtig, diese Tradition lebt fort. Es erfüllt mich mit tiefer Freude und Bewunderung, dass noch heute mehrere deutsche Universitäten Sanskrit lehren – jene uralte, präzise Sprache, die als Mutter vieler indoeuropäischer Sprachen gilt und in der einige der bedeutendsten philosophischen, wissenschaftlichen und literarischen Texte der Menschheitsgeschichte verfasst wurden. Die Tatsache, dass deutsche Sprachwissenschaftler, Philosophen und Indologen das Sanskrit bewahren und erforschen, ist ein stilles, aber beredtes Zeugnis dafür, wie tief die geistige Verbindung zwischen beiden Ländern wirklich reicht. Nicht wenige Studenten, die ich im Laufe der Jahre bei unseren Veranstaltungen kennenlernte, hatten Sanskrit an deutschen Hochschulen studiert und sprachen mit glänzenden Augen über die Schönheit dieser Sprache – das hat mich zutiefst bewegt.
Was ist für Sie der Kern dieser tiefen Verbindung?
Ich glaube, es ist die gemeinsame Ehrfurcht vor dem Denken selbst. Beide Kulturen haben Systeme der Philosophie, der Logik, der Grammatik und der Metaphysik hervorgebracht, die die Welt verändert haben. Beide kennen eine tiefe Spiritualität, die nicht im Widerspruch zur Wissenschaft steht, sondern sie ergänzt. Und beide Völker verbindet eine gewisse Ernsthaftigkeit – ein Zug zur Tiefe, der im internationalen Vergleich auffällt. Wenn ich morgens aufwache und aus dem Fenster schaue, sehe ich Trier – die älteste Stadt Deutschlands, mit ihrer römischen Geschichte, der Porta Nigra, dem Dom. Und ich denke dabei gleichzeitig an Alt-Delhi, an Yamunas Ufer, an Cricketspiele meiner Kindheit, an die Klänge und Düfte, die mich formten. Diese beiden Welten existieren nicht als Konkurrenten in mir – sie bereichern und ergänzen einander, und sie haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Vielleicht bin ich also kein Brückenbauer im klassischen Sinne – vielleicht bin ich schlicht ein Mensch, der das Glück hatte, an einem Ort zu leben, an dem zwei bereits seelenverwandte Welten zusammenfinden konnten. Und das ist ein Geschenk, für das ich jeden Tag dankbar bin.
Diese Dankbarkeit und positive Einstellung ist in Ihren Worten zu spüren – vielen Dank für Ihre Zeit!






