Das Wahljahr 2026 ist für Indien mehr als eine Abfolge regionaler Urnengänge. In mehreren Schlüsselstaaten wird vorentschieden, mit welcher Stärke Parteien und Führungspersonen in die nächste Parlamentswahl 2029 ziehen. Es geht um Macht, Relevanz – und um die Frage, wer politisch überhaupt noch zählt. Eine politische Lageanalyse.
Das Jahr 2026 ist kein gewöhnliches Wahljahr im indischen Kalender. Es markiert vielmehr eine politische Wegscheide. Mit einer Serie von Kommunal- und Landtagswahlen – beginnend mit den überfälligen Kommunalwahlen im Großraum Mumbai–Pune und gefolgt von richtungsweisenden Abstimmungen in Westbengalen, Tamil Nadu, Kerala, Assam sowie im Unionsterritorium Puducherry – geraten einige der einflussreichsten Politiker des Landes unter dauerhaften und ungewöhnlich intensiven Beobachtungsdruck.
Für viele von ihnen geht es um mehr als um regionale Machtfragen. Die Ergebnisse werden darüber entscheiden, wie relevant sie auf dem langen Weg zur Parlamentswahl 2029 noch sind. In diesen Staaten treffen starke Regionalparteien auf nationale Formationen, die an die Grenzen ihrer Ausdehnung stoßen. Was 2026 geschieht, wird Parteistrukturen neu ordnen, die Geschlossenheit der Opposition testen und den Anspruch der regierenden BJP überprüfen, tatsächlich eine gesamtindische Partei zu sein. Im Zentrum stehen rund ein Dutzend Politiker, deren Karrieren in diesem Jahr eine entscheidende Wendung nehmen könnten.
Westbengalen: Mamata Banerjee gegen Dilip Ghosh

Westbengalen bleibt eines der politisch aufgeladensten Schlachtfelder. Der Wahlkampf hat faktisch bereits begonnen, begleitet von scharfer Rhetorik im Umfeld der von der Wahlkommission angesetzten Wählerlistenüberprüfung.
Für Ministerpräsidentin Mamata Banerjee ist es die erste Wahl nach einem Jahrzehnt ununterbrochener Macht. Nachdem sie zunächst die Linke marginalisiert und 2021 auch den Vormarsch der BJP abgewehrt hatte, steht sie nun vor ihrer wohl härtesten Bewährungsprobe. Zwar blieb die BJP bei der Parlamentswahl 2024 mit 12 von 40 Mandaten deutlich hinter den Erwartungen zurück, doch ihre Verankerung ist stabiler als noch vor fünf Jahren.
Ein vierter Wahlsieg würde Banerjee als langfristige Machtfigur Westbengalens und als eine der letzten regionalen Gegenspielerinnen der BJP festigen. Doch die Margen sind entscheidend: Ein Absinken unter 200 Sitze oder ein Durchbruch der BJP über die Marke von 100 Mandaten würde ihre nationale Verhandlungsposition spürbar schwächen.
Auf Seiten der BJP rückt der frühere Landesparteichef Dilip Ghosh wieder in den Vordergrund. Er war Architekt des Erfolgs von 2021, als die BJP auf 77 Sitze kam. Sollte sie 2026 über 120 Mandate erreichen, wäre Ghosh Banerjees klarer Herausforderer. Bleibt der Durchbruch aus, stellt sich die Frage nach seiner politischen Tragfähigkeit – und nach der Strategie der BJP insgesamt.
Tamil Nadu: Stalin, Palaniswami – und der Faktor Vijay

Tamil Nadu steuert auf eine Dreierkonstellation zu. Ministerpräsident M. K. Stalin strebt nach dem klaren Wahlsieg der DMK 2021 eine zweite Amtszeit an. Gelingt es ihm, erneut über 130 Sitze zu erreichen, bleibt der Bundesstaat ein verlässlicher Gegenpol zur BJP. Doch Unzufriedenheit über Überschwemmungen, Arbeitslosigkeit, Sicherheitsfragen und urbane Verwaltung könnte die Tür für die Opposition öffnen.
Diese Hoffnung ruht auf Edappadi K. Palaniswami, dem früheren AIADMK-Ministerpräsidenten. Ein Ergebnis jenseits der 100 Sitze würde seine Partei rehabilitieren und die Dominanz der DMK brechen. Ein weiteres schwaches Abschneiden hingegen könnte die AIADMK endgültig marginalisieren – und der BJP neuen Einfluss verschaffen.
Hinzu kommt der Schauspieler Joseph Vijay, der mit seiner Partei erstmals antritt. Schon ein zweistelliges Ergebnis könnte ihn zum Zünglein an der Waage machen. Scheitert er, bliebe es bei der traditionellen Zweiteilung der Landespolitik.
Kerala: Vijayan gegen Satheesan
In Kerala geht es um politische Grundsatzfragen. Ministerpräsident Pinarayi Vijayan strebt eine dritte Amtszeit an – ein in der wechselhaften politischen Kultur des Bundesstaates seltenes Kunststück. Ein klarer Sieg würde ihn zum wichtigsten verbliebenen Führungsfigur der indischen Linken machen. Ein deutlicher Verlust hingegen könnte sein politisches Ende einläuten.
Demgegenüber steht V. D. Satheesan, Oppositionsführer der Kongresspartei. Ein Machtwechsel würde den Kongress im Süden stärken. Eine erneute Niederlage dagegen würde die Wahrnehmung verfestigen, dass nicht der Kongress, sondern die BJP langfristig die eigentliche Herausforderung für die Linke darstellt.
Assam: Himanta Biswa Sarma gegen Gaurav Gogoi
Assam wird zum Testfall für personalisierte Machtpolitik. Ministerpräsident Himanta Biswa Sarma strebt einen dritten Wahlsieg an und formuliert ambitionierte Zielmarken. Ein Erfolg würde seine nationale Rolle in der BJP weiter stärken. Ein deutlicher Rückgang hingegen würde Zweifel an seinem Regierungsstil nähren – insbesondere im Kontext der umstrittenen Staatsbürgerschaftspolitik.
Für den Kongress tritt Gaurav Gogoi an, Sohn des früheren Ministerpräsidenten Tarun Gogoi. Schon ein respektables Ergebnis könnte ihn als künftige Führungsfigur etablieren. Eine Niederlage würde den Bedeutungsverlust seiner Partei weiter beschleunigen.
Puducherry: Kleine Bühne, große Symbolik
Auch das kleine Unionsterritorium Puducherry hat Gewicht. Ministerpräsident N. Rangasamy führt eine fragile Koalition mit der BJP. Ein Verbleib an der Macht würde seine Rolle als politischer Taktiker bestätigen. Für den Kongresspolitiker V. Vaithilingam hingegen wäre ein Sieg ein seltenes Comeback – eine Niederlage dagegen ein weiteres Signal schwindenden Einflusses.
Einfluss auf Indiens Nationalpolitik

Über allem steht die Frage, wie sich diese Wahlen auf das nationale Kräftefeld auswirken. Für Premierminister Narendra Modi geht es weniger um unmittelbare Macht, als um die Erzählung von der Unbesiegbarkeit seiner Partei. Fortschritte in Westbengalen oder im Süden würden diesen Anspruch untermauern; Stagnation oder Rückschläge hingegen Zweifel nähren.
Amit Shah orchestriert als Wahlstratege die Kampagnen. Rahul und Priyanka Gandhi kämpfen um die politische Zukunft des Kongresses. Auch Figuren wie Shashi Tharoor werden genau beobachtet: als mögliche Alternativen, als interne Kritiker oder als Gradmesser parteiinterner Spannungen.
Demnach entscheidet 2026 nicht nur über Landesregierungen. Es entscheidet darüber, wer politisch noch zählt, wer an Einfluss verliert – und welche Machtkonstellationen den Weg zur Parlamentswahl 2029 prägen werden. Nicht allein Siege, sondern ihre Größenordnung werden das politische Klima der kommenden Jahre bestimmen.






