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Das Gujarat-Modell

Zwischen Staatsmacht, Parteifinanzierung und Industriekapital hat sich in Indien ein Gefüge herausgebildet, das wirtschaftliche Dynamik und politische Nähe miteinander verknüpft. Besonders in Gujarat verdichten sich die Indizien für ein Modell, in dem staatliche Strategie und unternehmerische Expansion eng ineinandergreifen.

Illustration: Darstellung von Narendra Modi (Mitte) sowie den Unternehmern Mukesh Ambani (links) und Gautam Adani (rechts) vor einem stilisierten industriellen Hintergrund, KI-generiert.

Der Besuch des deutschen Bundeskanzlers im Januar 2026 in Ahmedabad wurde offiziell als diplomatische Geste gewertet. Doch die Wahl des Ortes ist hochgradig symbolisch: Ahmedabad ist die wirtschaftliche Metropole von Gujarat – dem Bundesstaat, den Narendra Modi von 2001 bis 2014 als Chief Minister regierte. Es ist seine politische Heimat, in der er jene Allianz mit der Industrie schmiedete, die heute als „Gujarat-Modell“ das ganze Land prägt.

Dieses Gefüge ist Ausdruck eines wiederkehrenden Musters: der Parallelität von staatlicher Strategie, industrieller Expansion und finanziellen Netzwerken, die sich in auffälliger Weise um große Unternehmensgruppen mit Bezug zu Gujarat verdichten.

Infrastruktur und die „Adani-Expansion“

Ein zentraler Referenzpunkt ist die Adani Group unter der Leitung ihres Gründers Gautam Adani. Adani, der wie Modi aus Gujarat stammt und als einer der engsten Weggefährten des Premierministers gilt, hat seinen Konzern innerhalb von zwei Jahrzehnten von einem regionalen Handelsunternehmen zu einem globalen Infrastruktur-Giganten ausgebaut.

Die Vergabe von sechs Flughäfen im Jahr 2019 an seinen Konzern wurde innerhalb der indischen Verwaltung nicht widerspruchslos aufgenommen. Interne Einwände aus dem Finanzministerium und von NITI Aayog verwiesen auf mögliche Wettbewerbsverzerrungen sowie auf die fehlende operative Erfahrung des Bieters. Die anschließende Anpassung der Ausschreibungsbedingungen ermöglichte dennoch eine Expansion, die dazu führte, dass Adani Airports heute rund ein Viertel des indischen Passagieraufkommens kontrolliert.

Besonders deutlich wird diese industrielle Konzentration in Khavda, einer entlegenen Region in der Kutch-Wüste im Norden Gujarats. Hier errichtet die Adani Group den derzeit größten Erneuerbare-Energien-Park der Welt – eine Anlage für Solar- und Windenergie, die eine Fläche einnimmt, die fast fünfmal so groß ist wie Paris. Berichte über beschleunigte Genehmigungsverfahren und umfangreiche staatliche Unterstützung bei der Bereitstellung von Brachland begleiten das Projekt.

Die technologische Flanke: Reliance Industries

Parallel dazu hat der ebenfalls aus Gujarat stammende Mischkonzern Reliance Industries den digitalen Raum neu strukturiert. Die Geschichte des Konzerns ist geprägt von einer Zäsur: Nach dem Tod des Gründers Dhirubhai Ambani wurde das Imperium nach einem brüderlichen Machtkampf aufgeteilt. Während Anil Ambani den Energie- und Finanzsektor übernahm (und später massiv an Einfluss verlor), formte Mukesh Ambani Reliance Industries zum wertvollsten Unternehmen Indiens.

Mit der Tochterfirma Jio veränderte Mukesh Ambani den Telekommunikationsmarkt grundlegend. Regulatorische Anpassungen – insbesondere bei den Interconnect Usage Charges – begleiteten diesen Prozess auf eine Weise, die Reliance gegenüber der Konkurrenz, wie der in Neu-Delhi ansässigen Bharti Airtel, begünstigte. Während Befürworter darin notwendige Reformen zur Digitalisierung sehen, argumentieren Kritiker, dass der regulatorische Rahmen exakt auf die Skalierungsbedürfnisse von Jio zugeschnitten wurde.

Ein erweiterter Kreis nationaler Akteure

Die Regierung Modi hat eine aktive Industriepolitik nie verborgen. In einer Volkswirtschaft dieser Größenordnung ist dies ohne kapitalstarke Akteure kaum denkbar. Doch während die „Gujarat-Achse“ den Kern bildet, binden strategische Großprojekte auch Giganten aus anderen Metropolen ein. Dazu gehören die in Mumbai ansässigen Schwergewichte Larsen & Toubro (L&T) im Bausektor und die JSW Group von Sajjan Jindal im Stahlbereich.

Regierungsnahe Stimmen weisen den Vorwurf einer einseitigen Bevorzugung zurück: Die Konzentration auf diesen begrenzten Kreis von Akteuren sei eine ökonomische Notwendigkeit, um die für globale Wettbewerbsfähigkeit erforderliche Skalierung zu erreichen. Dennoch bleibt auffällig, dass die sensibelsten Infrastruktur- und Energieknotenpunkte in bemerkenswerter Regelmäßigkeit an Unternehmen mit tiefen Wurzeln in Modis Heimatstaat fallen.

Parteifinanzierung und institutionelle Fragen

Ein Blick auf die Parteifinanzierung verstärkt diesen Befund. Analysen der Association for Democratic Reforms (ADR) zeigen, dass die BJP den überwiegenden Anteil der Großspenden erhält. Ein erheblicher Teil dieser Mittel fließt über den Prudent Electoral Trust, zu dessen Hauptfinanziers Unternehmen wie Reliance und Bharti Airtel gehören. Die Konstruktion verschleiert die Identität der ursprünglichen Spender hinter einem kollektiven Trust.

Unternehmen mit starker Präsenz in Gujarat treten dabei überproportional häufig als bedeutende Geldgeber auf, während der Bundesstaat gleichzeitig eine hohe Konzentration strategischer Investitionen verzeichnet. Auf institutioneller Ebene zeigt sich zudem eine auffällige Zurückhaltung der Börsenaufsicht SEBI gegenüber Vorwürfen gegen die Adani Group. Dies wurde besonders brisant im Kontext der US-Anklagen vom November 2024: Die US-Justiz erhob Anklage gegen Gautam Adani wegen mutmaßlicher Bestechungszahlungen von über 250 Millionen Dollar an indische Beamte zur Sicherung von Solarverträgen.

Während die betroffenen Unternehmen die Vorwürfe zurückweisen, fungierten staatliche Institutionen wie die State Bank of India oder die Life Insurance Corporation (LIC) in Phasen internationaler Skepsis als Stabilitätsanker, indem sie ihre Engagements in diesen Konzernen hielten oder ausbauten.

Mit der Ankündigung weiterer Großinvestitionen von rund ₹1,5 Lakh Crore (ca. 17 Mrd. Euro) in der Region Kutch wird deutlich: Gujarat ist das Labor eines Modells, in dem staatliche Steuerung, private Expansion und politische Loyalität untrennbar miteinander verzahnt sind. Der Besuch eines ausländischen Regierungschefs in Ahmedabad ist daher mehr als ein Protokolltermin – er ist die Begegnung mit dem eigentlichen Machtzentrum des modernen Indiens.

Quellenangaben:

Vikram Gandhawa
Vikram Gandhawa
Vikram (Choti) Gandhawa ist Kommunikationswissenschaftler und seit 2021 als Online-Redakteur für theinder.net tätig. Seine Themenschwerpunkte sind aktuelle Tages- und Wirtschaftspolitik sowie Postkolonialismus, seine Vorliebe investigativer Journalismus.

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