Einst führte sie Indien in die Unabhängigkeit, heute ringt sie um politische Relevanz. Die Kongresspartei, über Jahrzehnte Staatspartei und Machtzentrum des Landes, steckt in einer tiefen Krise: geschwächt durch interne Machtkämpfe, strukturell unterlegen gegenüber Narendra Modis BJP und zunehmend an den Rand gedrängt von starken Regionalparteien. An ihrem weiteren Schicksal entscheidet sich, ob sie zu einer erneuerten politischen Kraft findet – oder zur historischen Fußnote der indischen Demokratie wird. Eine politische Analyse.

Die Kongresspartei (INC), 1885 gegründet, dominierte lange das politische Leben Indiens. Sie führte das Land in die Unabhängigkeit, stellte mit Jawaharlal Nehru den ersten Premierminister und prägte mit Indira Gandhi die autoritäre „Emergency“-Phase der siebziger Jahre. Über 55 Jahre stellte sie die Regierung – allein oder als dominierende Kraft in Koalitionen. Heute droht ihr Einfluss zu schwinden.
Seit der Machtübernahme Narendra Modis im Jahr 2014 stellt die Partei den Premierminister nicht mehr. Die Parlamentswahl 2014 brachte mit 44 Sitzen das schlechteste Ergebnis der Parteigeschichte, 2019 stieg sie auf 52 Mandate – während die BJP ihre absolute Mehrheit auf 303 Mandate ausbaute. Auch wenn 2024 99 Mandate erreicht werden konnten, betrug der Stimmenanteil seit 2014 stets circa 20 Prozent. Der Niedergang ist demnach kein plötzliches Ereignis, sondern das Resultat einer schleichenden Erosion: interne Schwächen, der Aufstieg der BJP und der Wandel der Parteienlandschaft beschleunigten den Rückzug der Partei aus der politischen Mitte.
Die inneren Probleme sind offenkundig. Zentrale Entscheidungen konzentrieren sich weiterhin bei der Gandhi-Familie, insbesondere bei Sonia und Rahul Gandhi. Diese „High-Command-Kultur“ verstärkt den Eindruck institutioneller Erstarrung und blockiert innerparteiliche Erneuerung wie systematische Nachwuchsförderung. Rahul Gandhi, lange als Hoffnungsträger präsentiert, gilt vielen Wählern als politisch unentschlossen. Seine öffentliche Präsenz ist von ambitionierter Rhetorik geprägt, ohne dass daraus nachhaltige Führungsautorität erwächst. Auch die vielbeachtete „Bharat Jodo Yatra“, ein über 4.000 Kilometer langer Marsch, erzeugte vor allem symbolische Aufmerksamkeit – die politische Wirkung blieb begrenzt.
Auch profilierte Stimmen wie Shashi Tharoor, international geachtet, rhetorisch brillant und in urbanen Milieus anschlussfähig, blieben innerparteilich marginalisiert. Seine Kandidatur für den Parteivorsitz 2022 wurde zwar als Signal innerer Öffnung gelesen, änderte aber nichts an der strukturellen Dominanz der Gandhi-Familie. Der Reformimpuls versandete, bevor er institutionelle Wirkung entfalten konnte.
Zahlreiche erfahrene Politiker haben die Partei in den vergangenen Jahren verlassen. Jyotiraditya Scindia wechselte 2020 zur BJP und ist heute Luftfahrtminister. Himanta Biswa Sarma, einflussreicher Organisator im Nordosten, wurde Ministerpräsident von Assam – ebenfalls für die BJP. Solche Abgänge kosteten nicht nur Erfahrung, sondern auch ganze Wählersegmente und Netzwerke.
Gleichzeitig fehlt der Kongresspartei ein klares Profil. Sie tritt als säkulare, sozial orientierte Kraft auf, doch ihre Botschaften wirken im Vergleich zur einer klaren Rhetorik der BJP blass. Modi gelingt es, sich als charismatischer Modernisierer und starker Mann zu präsentieren – sicherlich als fundamentaler Bestandteil der Aussendarstellungsstrategie; die Kongressführung wirkt defensiv. Digitale Kanäle und soziale Medien, die die BJP notwendigerweise, dennoch mühelos bespielt, nutzt die Kongresspartei nur halbherzig. Die strukturelle Überlegenheit der BJP liegt jedoch aucv darin begründet, dass sie in das Netzwerk der hindu-nationalistischen RSS eingebunden ist, während der Kongress organisatorisch fragmentiert erscheint.
Der Wandel der politischen Landschaft verschärft zudem die Krise. In vielen Bundesstaaten sind regionale Parteien erste Adresse für Wählerinnen und Wähler: Der Trinamool Congress in Westbengalen, die DMK in Tamil Nadu, die Aam Aadmi Party in Delhi oder die Bharat Rashtra Samithi in Telangana, um einige zu nennen. Diese Kräfte sprechen unmittelbare Bedürfnisse an – Bildung, Wasser, Infrastruktur, regionale Identität – und wirken näher am Alltag der Menschen als eine nationale Partei, die schwerfälliger agiert.
Auch gesellschaftliche Veränderungen tragen dazu bei, dass der Kongress an Boden verliert. Das „Congress System“, wie der Politologe Rajni Kothari die einstige Hegemonie nannte, existiert nicht mehr. Jüngere Wählerinnen und Wähler der wachsenden Mittelschicht verbinden die Partei weniger mit Aufbruch als mit Vergangenheit. Traditionelle Stammklientel, darunter Minderheiten und bestimmte Kastenverbände, hat sich teilweise anderen Parteien zugewandt. Hindutva-Ideologie und nationalistisches Pathos bieten vielen Wählern stärkere Identifikationspunkte als das säkulare Ideal des INC.
Die Kongresspartei steht heute demnach vor der größten Krise ihrer Geschichte. Sie ist weiterhin landesweit präsent und versucht, im Oppositionsbündnis „INDIA“ neue Allianzen zu schmieden. Doch ihr Anspruch, die politische Mitte zu verkörpern, ist erodiert. Ob sie sich erneuern kann, hängt davon ab, ob sie eine klare politische Philosophie findet und das Vertrauen junger Wählerinnen und Wähler sowie der alten Stammklientel zurückgewinnt. Gelingt dies nicht, droht ihr die Transformation von einer einstigen Staatspartei zu einer Randerscheinung – überragt von einer populistischen BJP, die das nationale Narrativ dominiert, und bedrängt von regionalen Kräften, die näher an den Menschen sind.
Weiterführende Hintergrund-Artikel:
- Five factors that led to Congress’s decline over the years (Hindustan Times)
Dieser Artikel beleuchtet die fünf Hauptfaktoren, die zum Rückgang der Kongresspartei geführt haben, darunter interne Konflikte, Verlust von Wählern und das Aufkommen regionaler Parteien. - The Decline of the Congress Party in Indian Politics (Centre for the Study of Developing Societies)
Eine detaillierte Untersuchung der historischen Entwicklung der Kongresspartei und der Gründe für ihren aktuellen politischen Rückgang. - Decline of the Congress Party in Indian Politics: An Analysis (Southasia Journal)
Eine akademische Analyse, die sich mit den politischen und organisatorischen Faktoren befasst, die zum Niedergang der Kongresspartei geführt haben. - Indian National Congress Failed to Revive Itself in General Elections 2024 (Qeios)
Dieser Artikel untersucht die Ergebnisse der Parlamentswahlen 2024 und analysiert, warum die Kongresspartei trotz Bemühungen nicht zu alter Stärke zurückfinden konnte. - In the Name of Democracy? The Rise and Decline of India’s Congress Party (Harvard Business School)
Eine eingehende Betrachtung der ideologischen und strukturellen Herausforderungen, mit denen die Kongresspartei konfrontiert ist (kostenpflichtig).






