Stabilität am Abgrund: Warum ausgerechnet die Logik der totalen Vernichtung über Jahrzehnte zum paradoxen Garanten des Friedens wurde. In seiner Kolumne Spektrum Europa seziert Dr. Shantanu Mukherjee die verborgene Rationalität hinter der strategischen Rüstung und zeigt auf, was wir heute aus dieser prekären Balance über das Wesen der Macht lernen können.

Macht ist Macht, solange sie nicht getestet wird
Abschreckung ist keine, sobald sie getestet wird
George Kennan, amerikanischer Diplomat in Moskau, das Jahr war 1947, veröffentlichte in Foreign Affairs einen Artikel. Dies war die Geburt von „Containment“ (Eindämmung), ein Fundament der amerikanischen Sicherheitspolitik im Kalten Krieg. Das Ende des Krieges war auch das Ende der Allianz gegen Hitler. Schon bald nach der Potsdamer Konferenz war sichtbar, dass die USA und die Sowjetunion nahtlos den Weg in einen existentiellen Konflikt gefunden hatten. Kennans Ansatz, Containment, war die intellektuelle Untermauerung des Konflikts.
Kennan forderte die Zurückdrängung sowjetischer Expansion. Also: Sich nicht zurückziehen, wie etwa nach dem Ersten Weltkrieg, sondern die wachsende Gefahr zeitig bekämpfen. Für Westeuropa ließ sich folgende Gleichung aufstellen:
X schützt Y gegen Z mittels P zwecks Q
X : USA
Y : Westeuropa
Z : Sowjetisches Imperium
P : Nuklearstrategie (Erweiterte Abschreckung)
Q : Halten und Zurückdrängen des Imperiums
Amerikanische Nuklearstrategie beruhte auf Androhung „Massiver Vergeltung“ (Massive Retaliation) im Falle eines Angriffes auf die unterdessen geformte NATO (North Atlantic Treaty Organisation). Extended Deterrence, Erweiterte Abschreckung, stand als Geist dieser Strategie nun bald fest. Diese besagte: Die US-Nuklearmacht würde nicht nur zurückschlagen im Falle eines sowjetischen Angriffs auf die USA, sondern auch dann, wenn NATO-Alliierten angegriffen würden.
Bald war Massive Vergeltung als Strategie aber obsolet. Schnell entwickelte die Sowjetunion ein beachtliches nukleares Arsenal und schon übernahm „Zweifel“ die Bühne: Sollte die Sowjetunion Westeuropa (nuklear) angreifen, würden die USA gleich gegen die Sowjetunion (nuklear) zurückschlagen, selbst wenn darauf mit Garantie ein sowjetischer Gegenschlag auf Amerika folgen würde? Und angesichts dieser Logik: Wäre die Androhung Massiver Vergeltung weiterhin glaubhaft?
Aus diesem Engpass folgte sodann eine andere Überlegung: „Flexible Response“, sprich Abgestufte Erwiderung. Die USA würden nunmehr im Falle eines Angriffs auf Westeuropa NICHT automatisch – gleichsam vorbestellt – auf die Sowjetunion zurückschlagen, sondern den Gegner in Unsicherheit lassen. Das Ganze würde sich allerdings weiterhin abspielen im Rahmen des Axioms MAD (Mutual Assured Destruction). Will sagen: Wenn alle Stricke reißen, wenn Abgestufte Abschreckung scheitert, bleibt erhalten als Ultima Ratio die absolute Zerstörung (wohl menschlicher Existenz).
Symmetrische, zumal nukleare Abschreckung, ist in ihrem Wesen eine „prekäre Stabilität“. Stabil, denn sie scheitert selten, prekär, weil sie eine Stabilität am Abgrund ist. Man nehme als Beispiel Indien und Pakistan. Die in etwa symmetrische Abschreckung hat nicht bloß einen Atomschlag beider wohl unmöglich gemacht, sondern darüber hinaus auch einen konventionellen Krieg unwahrscheinlich – abgesehen von „harmlosen“ Scharmützeln ab und an.
Denn es ist auffällig, dass Indien und Pakistan mehrmals gegeneinander Krieg geführt haben – beginnend mit dem ersten in Kashmir 1948. Einer davon, 1971, führte zur Loslösung der Ostprovinz von Pakistan und Bildung des States Bangladesch. Zu jener Zeit war keins der beiden Länder eine Atommacht. Sprich: ungezügelte Belligerenz konnte sich beliebig bahnbrechen. Indien führte den ersten Nukleartest 1974 durch, Pakistan 1998. Ein nennenswertes Arsenal kam jeweils später. Ein formvollendeter konventioneller geschweige denn: nuklearer Krieg ist aber seither ausgeblieben. Unterdessen sind die Inventare beider wohl beachtlich. Und dies stärkt die Symmetrie, mithin den Nicht-Krieg.

Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).
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