Das Glühen im Dunkel des Subkontinents: Regina Rays ethnologisches Roadmovie über eine fatale Dreiecksbeziehung in Indien ist ein moderner Klassiker der psychologischen Spannung. Der bereits früher erschienene Roman, der die Zerrissenheit zwischen Tradition und Rebellion meisterhaft ausleuchtet, ist ab sofort auch als E-Book verfügbar.

Von der Unausweichlichkeit der Anziehung erzählt Regina Ray in ihrem Roman „Das Mottenprinzip“, und sie wählt dafür ein Bild, das so alt ist wie die Literatur selbst: den Nachtfalter, der im Liebesrausch oder im ideologischen Eifer die tödliche Hitze der Flamme sucht. Doch Ray holt dieses Motiv in ein Indien, das in der westlichen Wahrnehmung oft hinter Postkarten-Klischees verschwindet. Ihr Subkontinent ist kein Ort der spirituellen Wellness, sondern auch Schauplatz eines fast lautlosen, grausamen Krieges. Im Zentrum steht Anita Nenninger, eine 36-jährige Ethnologin, deren akademischer Blick auf die Welt durch eine leidenschaftliche Begegnung erschüttert wird. Ray entwirft die Geschichte als Roadmovie, das die Protagonistin zwischen zwei Männern und völlig konträren Lebensentwürfen zerreibt. Da ist auf der einen Seite ihr Schweizer Gefährte, ein Mann auf der ewigen Suche nach Inspiration; ihm gegenüber steht Rahul – ein Mann von betörender Stimme und vielen Gesichtern, dessen Vergangenheit tief in den Schatten einer Rebellenbewegung wurzelt.
Das Besondere an diesem Text ist die ethnologische Tiefenschärfe, mit der Ray die indigenen Stammesgruppen im Innern Indiens porträtiert. Sie führt uns in die Jugendhäuser der Dörfer, Orte einer scheinbar unversehrten Welt, in denen Lieder und Tänze den Rhythmus bestimmen. Doch die Autorin ist zu klug für billige Exotik. Die Idylle ist längst infiltriert. Wo Anita nach kultureller Reinheit forschen mag, findet sie die Vorboten eines brutalen Konflikts. Die Rebellenbewegung, mit der ihr indischer Geliebter früher sympathisierte, macht die unberührte Landschaft zum Schauplatz einer existenziellen Bedrohung.
Rays Prosa besticht dabei durch eine Klarheit, die nichts beschönigt. Man spürt auf jeder Seite, dass hier eine Kennerin schreibt. Namen und Begriffe wie Rasagulla, Bhang oder Pandel verwendet sie so selbstverständlich, wie sie vor Ort existieren. Besonders stark ist die körperliche Ebene des Textes: Wenn beschrieben wird, wie Rahul sich auf seinen Unterarmkrücken mühsam durch Menschenmassen und über Treppen kämpft, entsteht eine physische Greifbarkeit, die man in der zeitgenössischen Indien-Literatur oft vermisst. Auch die persönlichen Begegnungen spiegeln das Unbehagen wider: Wenn etwa ein ehemaliger Vermieter ungefragt Anitas Zimmer betritt oder sie zum Trinken von Rauschmitteln drängt, zeigt Ray die dunkle Seite der Nähe.
„Das Mottenprinzip“ ist am Ende mehr als die Chronik einer Reise; es ist eine Studie über die Blindheit, die sowohl der Liebe als auch der politischen Überzeugung innewohnt. Wenn Anita feststellt, dass wir alle wie Motten sind, deren Form am Ende auf dem Glas einer Glühbirne schmilzt, dann ist das bei Regina Ray kein larmoyanter Abgesang. Es ist die kühle Erkenntnis einer Beobachterin, die weiß, dass Licht und Vernichtung in Indien oft aus derselben Quelle speisen. Ein kluger Roman, der dort hinsieht, wo andere wegschauen.
Foto: Regina Ray © Egbert Trogemann, VG Bild-Kunst Bonn






