Städte machen mir Angst. Doch nach dem Studium landete ich ausgerechnet in der Millionenstadt Neu-Delhi. „Dort fand ich, womit ich nie gerechnet hätte“, schreibt Edita Truninger in ihrer Kolumne „Chalo Auntie!“.

Am liebsten saß ich morgens an der Fensterfront des kleinen Reisebüros und sah dabei zu, wie Karol Bagh erwachte. Durch den Morgendunst kämpften sich schmächtige Männer auf ihren Fahrradrikschas vorwärts, gegenüber öffnete der Milchladen, und irgendwann durchbrach das helle Ringringring des Abfalleinsammlers die Stille. In diesen Momenten lag etwas Ursprüngliches in der Luft, eine Art stille Gewissheit: Es gibt nur diese eine Gegenwart.
You may not pass this way again.
Mit lautem Geknatter in ein neues Leben
Städte machen mir Angst. Und doch verschlug es mich Mitte der Nullerjahre in die Millionenstadt Neu-Delhi. Da ich auf eine Tagesstruktur bestand, setzte mich mein indischer Freund am ersten Tag in eine Rikscha, verhandelte für mich den Preis – und chalo! Mit lautem Geknatter nahm mein neues Leben Fahrt auf. Die Slums sah ich nur von Weitem, doch ihr Anblick ließ mich erschaudern: Wellblechhütten, so weit das Auge reichte. Nur Minuten später durchquerte die Rikscha ein Viertel mit herrschaftlichen Häusern und großzügigem Umschwung. Wenn ich nach 45 Minuten im dichten Großstadtverkehr das Yogastudio erreichte, stank ich wie ein verbranntes Hähnchen.
Große Tafelrunden mit scharfem Essen
Von jenem Tag an feilschte ich jeden Morgen um den Fahrpreis nach Kailash Colony – und entwickelte dabei einen fast übertriebenen Ehrgeiz. Konnte ich den Fahrer auf 60 Rupien herunterhandeln, war ich bereit für den Tag. Ich lernte also den Sonnengruß und fand auch schon bald erste Freundinnen. Am Abend füllte sich unser Tisch mit Menschen aus aller Welt: Rucksackreisende, die ohne große Pläne in Delhi gestrandet waren. In geselligen Runden bei scharfem Essen lernte ich spannende Menschen kennen; die meisten von ihnen kamen aus Europa wie ich. Die einen waren unbekümmert, andere nah am Nervenzusammenbruch. Wieder andere taten exzentrische Dinge. Eine schlug zum Beispiel überall das Rad – egal, wo sie gerade war.
Ein Viertel, das meines ist
In der Rolle der Freundin eines Einheimischen gefiel ich mir – besonders dann, wenn mich jemand fragte: «Wie – du wohnst hier?!» Ja, das tat ich. Und in Karol Bagh hatte ich alles, was ich zum Leben brauchte: Kioske mit vollgestopften Regalen, in denen es nach frischem Waschmittel duftete, Gemüseauslagen auf dem Straßenmarkt; und am nahe gelegenen Connaught Place klimatisierte Kaffeehäuser und Buchläden. Regelmäßig stahlen mein Freund und ich uns spätabends auf eine Hotelterrasse in der Nähe. Erst unter dem offenen Himmel begriff ich, wie weit weg von zu Hause ich war: Die Mondsichel am Horizont sah aus wie eine Suppenschüssel.
Mit der Zeit erkannte ich die Menschen im Quartier: den Wäschemann, der die Schmutzwäsche von Hand schrubbte und sorgfältig mit einem Kohlenbügeleisen glättete. Den technikaffinen jungen Sikh aus dem Internetcafé, von wo aus ich jeden Sonntag meine Mutter anrief. Die halbstarken Jungs im Büro, die herumalberten, indem sie akzentfrei ihren deutschen Lieblingssatz zum Besten gaben: «Ich habe eine Wunderwaffe in meiner Hose.» Und da war natürlich Feroz, der jüngere Vetter meines Freundes. Er war mein Herzensmensch, der mir im Park, außer Hörweite der anderen, von seinem Liebeskummer erzählte. Mit seinem Vetter Bilal ging er gern Arm in Arm – ein Zeichen der Freundschaft, nicht der Liebe. Beide waren geübt darin, uns Europäern die Bollywoodfilme im Kino simultan von Hindi auf Englisch zu übersetzen – was die Sitznachbarn überhaupt nicht störte. In Indiens Kinosälen wird auch laut telefoniert.
Der Stadtraum als Versprechen – und Überforderung
Delhi ist keine Stadt, Delhi ist ein Monstrum. Und wenn die Prognosen stimmen, wird sie bereits in wenigen Jahren zur größten Stadt der Welt. Kein Ort, den man leicht begreift – eher ein Ungeheuer, das einen verschlingt. Gleichzeitig macht Indiens Hauptstadt immer wieder von Neuem deutlich, wozu Leben fähig ist. Inmitten von Smog und Lärm wachsen Bäume, in deren Kronen Papageien nisten. Städte sind ein Versprechen – und gleichzeitig eine Überforderung. Sie ziehen Menschen an, die sich nach Arbeit, Perspektiven und Veränderung sehnen. Auch ich suchte damals wahrscheinlich nach etwas – ohne genau zu wissen, wonach. Vielleicht nach einer Erfahrung, vielleicht nach mir selbst.
Manchmal wachte ich nachts auf, und es jubelte in mir: Ich bin in Indien! Ein kurzer Moment des Staunens, dann schlief ich wieder ein. In einer Stadt mit Millionen von Menschen fühlte ich mich nicht verloren, sondern sicher und aufgehoben. Ich fand, was ich nie erwartet hätte: ein Gefühl von Geborgenheit. Selbst eine Megacity wie Delhi ist im Grunde nichts anderes als ein Mosaik aus vielen kleinen Karol Baghs.

Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger war 2008 und ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung).
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