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Do., 5. März, 2026
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Indien und der Iran-Konflikt: Angriff auf einen alten Freund?

Während Indien unter der jahrzehntelangen Dominanz der linksliberalen Kongresspartei – geprägt vom Erbe der Blockfreiheit und einer antikolonialen Außenpolitik – traditionell eher die Sache der Palästinenser unterstützt hatte, wendet sich, seit Narendra Modi im Juli 2017 als erster indischer Premierminister Israel einen offiziellen Staatsbesuch abstattete, die strategische Ausrichtung des Subkontinents zusehends zugunsten des jüdischen Staates.

Illustration: Modi und Netanjahu, (c) theinder.net

Ein geopolitisches Momentum

Am 25. Februar 2026 brach Narendra Modi erneut zu einem zweitägigen Besuch nach Israel auf, um die bilateralen Beziehungen weiter zu vertiefen. Ihm wurde die Ehre zuteil, im israelischen Parlament, der Knesset, zu reden. Dort betonte er die wirtschaftliche, aber auch die kulturelle und historisch begründete Partnerschaft Indiens und Israels und versicherte Israel die Solidarität Indiens im Kampf gegen Terrorismus. In Bezug auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 bekräftigte er Indiens Mitgefühl und Beistand. Indien stehe fest und in voller Überzeugung mit Israel – sowohl in diesem Moment als auch darüber hinaus.

Netanjahu wie auch der Parlamentspräsident Ohana hatten Modi zuvor demonstrativ mit Lob, Dank und Bewunderung überhäuft. Nach seiner Rede hallten „Modi, Modi!“-Rufe durch den Plenarsaal, und Abgeordnete erhoben sich von ihren Plätzen.

Neben diesem zentralen symbolischen Akt wurden im Rahmen des Besuchs, Pläne für verstärkte Kooperation in Verteidigung, Technologie und Wirtschaft erörtert, einschließlich laufender Gespräche über eine Freihandelszone und gemeinsame Entwicklungsprojekte.

Die Kooperation umfasst künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Landwirtschaft, Wasser- und Gesundheitsinnovation sowie verteidigungs- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit. Langfristige Partnerschaften wie das Gipfelformat I2U2 (Indien, Israel, USA, Vereinigte Arabische Emirate) sowie der anvisierte Infrastrukturkorridor IMEC, der Indien, den Nahen Osten und Europa verbinden soll, zeigen zudem, dass es Neu-Delhi nicht um Symbolpolitik und Freundschaftsbekundungen, sondern um handfeste strategische Positionierungen in der Region geht.

Diese Entwicklungen markieren eine deutliche Abkehr von Indiens früherer vorsichtig ausbalancierter Haltung im Nahen Osten zugunsten einer pragmatischen Diversifikation seiner außenpolitischen Beziehungen.

Zwei Tage nach Modis Besuch begannen israelische und amerikanische Angriffe auf iranische Ziele, direkt gefolgt von iranischen Gegenschlägen auf Israel, US-Basen in der Region sowie einige Golfstaaten. Indien rief zur Deeskalation auf, vermied jedoch direkte Verurteilungen Israels. Für ein Land, das über Jahrzehnte enge Beziehungen zu Teheran gepflegt hatte, wirft das eine grundlegende Frage auf: Hat Indien sich strategisch von einem alten Partner entfernt und wendet sich nun dessen Erzfeind zu?

Ein Zwischenfall im Indischen Ozean

Besonders heikel erscheint in diesem Zusammenhang ein Ereignis vom 4. März. Quellen zufolge wurde die iranische Fregatte IRIS Dena, die zuvor an der von Indien ausgerichteten multinationalen Flottenschau und Marineübung IFR/MILAN 2026 in Visakhapatnam teilgenommen hatte, auf dem Heimweg im Indischen Ozean von einem amerikanischen U-Boot versenkt.

Die Übung zählt zu den größten maritimen Kooperationstreffen im Indopazifik und brachte Kriegsschiffe, Luftfahrzeuge und Delegationen aus über 70 befreundeten Staaten Indiens zusammen, darunter auch die Vereinigten Staaten, europäische und arabische Länder.

Dass sich unter den Teilnehmern auch der Iran befand, unterstreicht die traditionell breit angelegte maritime Diplomatie Neu-Delhis, die darauf abzielt, rivalisierende Mächte in gemeinsame Sicherheitsformate einzubinden.

Umso symbolträchtiger wirkt nun der Umstand, dass ein Schiff, das kurz zuvor noch als Gast bei einer von Indien organisierten multinationalen Marineübung auftrat, wenig später von einem anderen Gastland, den USA, im eigenen „Hinterhof“ versenkt wird.

Historische Nähe zwischen Indien und Iran

Die Beziehungen zwischen Indien und Iran reichen weit zurück. Persisch war über Jahrhunderte Kultur- und Verwaltungssprache am Mogulhof; kulturelle und wirtschaftliche Verflechtungen prägten den Austausch lange vor der Staatsgründung Indiens. Diplomatische Beziehungen bestehen seit 1950.

Während der Shah seinerzeit in der Kaschmir-Frage eher auf Seiten Pakistans stand, schwankt Irans Position seit der Machtübernahme der Mullahs zwischen rhetorischer Kritik und strategischer Zurückhaltung – Teheran äußerte wiederholt Besorgnis über Menschenrechtsfragen, vermied jedoch eine klare strategische Parteinahme gegen Indien und war gleichzeitig um gute Beziehungen zu Pakistan bemüht. Die Partnerschaft gewann in den 1990er-Jahren an Bedeutung, als Indien und das iranische Regime gemeinsam die Nordallianz in Afghanistan unterstützten.

Noch 2018 deckte Indien über zehn Prozent seines Rohölbedarfs aus dem Iran. Infolge der Verschärfung der US-Sanktionen 2019 sah sich Indien gezwungen, die Ölimporte massiv zu reduzieren – auf heute fast null Prozent seiner Einfuhrmenge. Das bilaterale Handelsvolumen fiel in den Folgejahren von 17 Milliarden auf unter zwei Milliarden US-Dollar.

Geblieben ist indessen ein strategisches Projekt: der Hafen Chabahar, unweit der Straße von Hormus im Südosten Irans gelegen. Indien investiert seit den 2010er-Jahren und entwickelt einen Teil des Hafens zum Umschlagplatz für eine Transitroute nach Afghanistan und Zentralasien, die Pakistan umgeht. Im Mai 2024 unterzeichnete Indien einen Zehnjahresvertrag zur Verwaltung des Shahid-Beheshti-Terminals. Die USA gewährten Indien Ende 2025 eine befristete Ausnahme von Strafzöllen für Staaten, die mit dem Iran Handel treiben, welche jedoch im April diesen Jahres ausläuft. Spekulationen zufolge überdenkt Neu-Delhi derzeit sein Engagement bei diesem strategisch wichtigen Projekt aufgrund des amerikanischen Drucks.

Zwar sind physische Schäden an indischen Anlagen im Zuge des Krieges bislang nicht bekannt. Gleichwohl ist die wirtschaftliche Rentabilität und Durchführbarkeit eines solchen Projekts für Indien abhängig von globalen Machtdynamiken.

Schicksalsverwandtschaft mit Israel?

Modi betonte auch bei seinem Besuch im Februar erneut die selbstverständliche Verbundenheit zwischen Israel und Indien als zwei altehrwürdige Zivilisationen. Denn in den Augen vieler hindunationalistischer Romantiker teilen Indien und Israel einen gemeinsamen Feind: den islamischen Terrorismus – oder, auf radikale Standpunkte zugespitzt: den Islam an sich. Außerdem findet das ethnoreligiöse Konzept des Zionismus, auf dem der israelische Staat sich begründet, in Teilen der hindunationalistischen Hindutva-Bewegung große Resonanz und Parallelen zu einem ethnoreligiösen indischen Staatskonzept (Hindu Rashtra). Für den Begründer der Hindutva-Ideologie, Savarkar, war der Zionismus ein inspirierendes Vorbild.

Abgesehen davon hat sich Indiens Verhältnis zu Israel in den letzten 30 Jahren grundlegend gewandelt. Seit 1992 bestehen volle diplomatische Beziehungen. Israel ist heute nach Russland und Frankreich der drittwichtigste Ausrüster der indischen Streitkräfte und liefert Luftverteidigungssysteme, Drohnen, sowie elektronische Komponenten unter anderem für indigene indische Erzeugnisse. Auch zwischen den beiden Geheimdiensten Mossad und RAW gibt es Kooperationen.

Wirtschaftlich intensivierten sich die Beziehungen über die letzte Dekade ebenfalls. Das bilaterale Handelsvolumen ist seit dem Gaza-Krieg etwas zurückgegangen und liegt derzeit ungefähr bei etwas unter vier Milliarden Dollar, wobei Indien sogar einen Exportüberschuss zu verbuchen hat.

Und auch politisch teilen beide Staaten Gemeinsamkeiten: Sie bilden als funktionierende Demokratien in ihren Regionen die Ausnahme, sehen sich regelmäßig mit feindlicher Bedrohung aus Nachbarstaaten konfrontiert und werden von Terrorismus heimgesucht.

Pragmatismus und ökonomische Orientierung

Entscheidend für Indiens Nahostpolitik ist letztendlich weniger Ideologie als Ökonomie.

Fast zehn Millionen Inder leben in den Golfstaaten. Der überwiegende Teil der indischen Ölimporte stammt aus dem Nahen Osten. Die meisten dieser Importe passieren die Straße von Hormus – eine Region, deren Stabilität für Neu-Delhi existenziell ist.

Zwar ist seit 2022 Russland zu einem der wichtigsten Öllieferanten Indiens aufgestiegen; doch seitdem die US-Regierung massiven Druck auf Indien ausübt, ist diese Entwicklung rückläufig. Indiens Importe russischen Rohöls reduzierten sich im Januar 2026 weiter. Der russische Anteil am indischen Importmix fiel auf unter 20 Prozent. Ob die neue Unsicherheit um die Straße von Hormus diesen Trend wieder drehen wird, bleibt abzuwarten: Reuters berichtete am 4. März 2026, Russland sei bereit, zusätzliche Ladungen Richtung Indien umzuleiten, falls die Golfroute länger gestört bleibt.

Die indische Rupie geriet im Zuge der Eskalation des Iran-Krieges jedenfalls massiv unter Druck, da steigende Ölpreise und mögliche Störungen der Transportwege durch die Straße von Hormus Importkosten erhöhen könnten. Gerade weil ein erheblicher Teil der indischen Energieversorgung über diese Route läuft, reagieren Währung und Finanzmärkte empfindlich auf jede Verschärfung der Lage im Persischen Golf. Gleichzeitig könnte eine erneute Ausweitung der russischen Lieferungen kurzfristig als Puffer dienen, falls Lieferketten aus dem Nahen Osten ins Stocken geraten.

Strategische Perspektive

Indiens außenpolitischer Kurswechsel gegenüber Iran lässt sich im Endeffekt weniger als abruptes Abwenden von einem alten Freund interpretieren, sondern viel mehr als strukturelle Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen: der Wegfall iranischer Ölimporte seit 2019, die zunehmende Rüstungs- und Technologiekooperation mit Israel, die enge Verzahnung mit den Golfstaaten sowie die strategische Annäherung an die Vereinigten Staaten im Rahmen des Quad-Formats (USA, Australien, Japan und Indien) auch als Reaktion auf wachsende chinesische Dominanz in Asien.

Indien hat Iran nicht aufgegeben. Diplomatische Beziehungen bestehen fort, Chabahar könnte strategisch bedeutsam bleiben. Doch die Schwerpunktverlagerung ist deutlich: von energiegetriebener Partnerschaft mit Teheran hin zu sicherheits- und technologiegetriebener Kooperation mit Israel – eingebettet in eine stärkere Golf- und US-Orientierung.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Eskalation für Indien, die Art und Weise sowie das Timing des US-israelischen Angriffs – zusammen mit der Versenkung des iranischen Kriegsschiffs unweit der indischen Küste – zeigen Neu-Delhi indessen auf schmerzhafte Weise, wie wenig Rücksicht auf seine regionalen Interessen von Seiten der Großmächte genommen wird.


Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/2/26/india-israel-axis-what-are-the-imec-corridor-i2u2-grouping-modi-spoke-of

https://www-indiatoday-in.translate.goog/diu/story/india-iran-trade-has-declined-sharply-oil-purchases-have-all-but-dried-up-2877085-2026-03-03?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sge&_x_tr_hist=true

https://www.indiatoday.in/india/story/india-blame-iran-ship-iris-dena-indian-ocean-attack-us-navy-2877614-2026-03-05

https://iramcenter.org/en/irans-conflicting-stand-on-the-kashmir-issue-1065

https://www.reuters.com/business/energy/indias-russian-oil-imports-down-9-jandec-amid-us-india-trade-talks-2026-02-04/?utm_source=chatgpt.com

https://www.reuters.com/business/energy/russia-prepared-divert-oil-india-middle-east-conflict-disrupts-flows-source-says-2026-03-04/?utm_source=chatgpt.com

https://theconversation.com/india-why-hindu-nationalism-and-zionism-are-ideological-cousins-230497

https://thediplomat.com/2023/11/india-once-was-a-strong-ally-of-palestine-what-changed

https://www.thehindu.com/business/Economy/oil-imports-from-russia-fell-to-44-month-low-in-january-2026-gulf-countries-saw-rising-share/article70694447.ece

https://tribune.com.pk/story/2587506/india-denies-reports-of-exit-from-chabahar-port-amid-us-sanctions

https://www.trtworld.com/article/e9605c09d611

https://de.wikipedia.org/wiki/Irankrieg_2026

https://en.wikipedia.org/wiki/India%E2%80%93Israel_relations

https://en.wikipedia.org/wiki/International_Fleet_Review_2026

Kristian Joshi
Kristian Joshi
Kristian Joshi ist Mitbegründer von theinder.net und zeichnet nach einigen Jahren Pause nun wieder für den visuellen Auftritt des Projektes verantwortlich. Nach langjähriger Tätigkeit in Design- und Werbeagenturen in Berlin und Hamburg ist er heute als freiberuflicher Art- und Kreativdirektor aktiv.

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