Ein intensives, unbequemes Gerichtsdrama über sexuelle Gewalt und gesellschaftliches Versagen. Anubhav Sinha zwingt zur Auseinandersetzung – roh, direkt und ohne Trost. Assi (2026) ist kein leichter Film, aber ein notwendiger.

Eine der ersten Erkenntnisse, die Assi vermittelt: Aus der Distanz wirkt alles normal. Straßen, Autos, Menschen – ein gewöhnlicher Tag. Doch Anubhav Sinha zerlegt diese Illusion mit chirurgischer Präzision. Denn während die Welt weiterläuft, passiert das Unfassbare – und noch erschütternder: Es wird hingenommen.
Im Zentrum steht Parima (Kani Kusruti), eine Lehrerin, die nach einer Schulveranstaltung auf dem Heimweg in einem fahrenden Auto brutal vergewaltigt wird. Was folgt, ist kein klassischer Rache- oder Erlösungsbogen, sondern ein zäher, oft frustrierender Gang durch ein System, das mehr daran interessiert scheint, sich selbst zu schützen als der Betroffenen Gerechtigkeit zu verschaffen. Ihre Anwältin Raavi (Taapsee Pannu) kämpft im Gerichtssaal – nicht nur gegen die Verteidigung, sondern gegen Denkweisen, die sich tief in Gesellschaft und Institutionen eingebrannt haben.
Sinha macht früh klar, dass es ihm nicht nur um den Einzelfall geht. „80“ – so viele Vergewaltigungen passieren täglich. Der Film erinnert immer wieder daran, manchmal fast aufdringlich. Doch genau diese Penetranz ist Teil seines Ansatzes: Assi will nicht subtil sein. Er will, dass man hinsieht, auch wenn es unangenehm wird.
Was den Film besonders verstörend macht, ist nicht allein die Tat, sondern das Verhalten danach. Parimas Schüler machen Witze in WhatsApp-Gruppen. Ihr Umfeld spricht von „Ehre“. Institutionen reagieren mit Distanz. Die Täter selbst wirken erschreckend beiläufig – sie tauschen im Gerichtssaal Accessoires, gehen feiern, behandeln das Geschehene wie ein Ereignis ohne Konsequenzen. Sinha zeichnet hier kein Schwarz-Weiß-Bild, sondern zeigt eine Normalität, die beunruhigender ist als jede Überzeichnung.
Parallel dazu führt der Film das Motiv des Vigilantismus ein – verkörpert durch den sogenannten „Chhatri Man“. Was zunächst wie ein Zugeständnis an ein Publikum wirkt, das schnelle Gerechtigkeit sucht, wird bald dekonstruiert. Assi stellt unbequeme Fragen: Ist extralegale Gewalt wirklich eine Antwort? Und vor allem – hilft sie der Person, die überlebt hat? Eine der stärksten Szenen zeigt Raavi, wie sie öffentlich gegen diese Form der „Gerechtigkeit“ argumentiert – und dafür angegriffen wird. Es ist ein Moment, der die emotionale Temperatur des Films auf den Punkt bringt.
Kani Kusruti trägt den Film mit einer Performance, die sich jeder Dramatisierung verweigert. Ihr Spiel ist leise, oft gebrochen, und gerade deshalb so wirkungsvoll. Sie zeigt nicht nur den Schmerz der Tat, sondern auch die Verunsicherung danach – in Gesprächen mit ihrem Mann, in Blicken, in Momenten der Stille. Taapsee Pannu gibt Raavi eine Mischung aus Wut, Klarheit und Müdigkeit. Ihre Plädoyers sind scharf, manchmal fast erschöpfend in ihrer Intensität – und doch notwendig in einem Film, der sich weigert, einfache Antworten zu liefern.
Auch in den Nebenrollen bleibt Assi konsequent stark. Kumud Mishra, Naseeruddin Shah und andere verleihen selbst kleinen Auftritten Gewicht. Besonders bemerkenswert ist, wie der Film Figuren zeichnet, die man vorschnell einordnen würde – Eltern, Polizisten, Lehrer. Kaum jemand ist eindeutig „gut“ oder „böse“, und genau darin liegt die Unruhe, die der Film erzeugt.
Visuell bleibt Sinha reduziert. Die Farbpalette ist gedämpft, in den Gerichtsszenen fast entleert. Es ist eine Welt ohne Wärme, ohne Ausweg. Gleichzeitig tauchen immer wieder Kinder im Bild auf – beobachtend, präsent, unausweichlich. Es ist kein subtiler Hinweis: Sie sehen alles. Und sie werden daraus lernen.
Nicht alles funktioniert gleich gut. Der Film wiederholt seine Botschaft mehrfach, manchmal zu direkt. Einige Passagen – besonders im Mittelteil – ziehen sich, als wolle der Film sicherstellen, dass wirklich jeder Punkt verstanden wird. Das nimmt ihm stellenweise die Schärfe, die er eigentlich besitzt.
Und doch bleibt Assi ein wichtiger Film. Einer, der sich nicht um Komfort bemüht. Der keine Katharsis anbietet, keine einfachen Siege. Stattdessen hinterlässt er Fragen – über Gerechtigkeit, über Verantwortung, über die Gesellschaft, die solche Geschichten möglich macht.
Man verlässt das Kino nicht mit Antworten. Sondern mit einem Gefühl, das bleibt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Absicht.






