StartHintergrundKolumnenPunnams Welt: Indiens unzerstörbarer Kern

Punnams Welt: Indiens unzerstörbarer Kern

Foto: Das neue Indien? Ein digitaler Moment inmitten des lebendigen, traditionellen Straßenlebens. KI-generiert

Wenn ich heute durch die Straßenschluchten von Bengaluru oder die glitzernden Tech-Viertel von Gurgaon blicke, scheint das Indien, das ich vor knapp drei Jahrzehnten beschrieb, in weite Ferne gerückt zu sein. Das „Marmorwunder Taj Mahal im Mondlicht“ oder die „heiligen Kühe auf der verkehrsdichten Straße“ sind zwar noch da, aber sie konkurrieren nun mit Quantencomputern und einer Nation, die ihren Blick fest auf den Mars und darüber hinaus gerichtet hat. Jose Punnamparambils neueste Kolumne.

Doch Vorsicht vor dem neuen Klischee! Damals wie heute laufen wir Gefahr, den Zugang zum Land durch eine zu enge Brille zu betrachten. Früher war es die „Armut in all ihren grausamen Schattierungen“, heute ist es oft der Rausch des grenzenlosen Wachstums. Beides sind nur Oberflächen.  

Das Mosaik bleibt bestehen

Indien war schon immer der „größte Schmelztiegel der Welt“. Ein Land, das eine 5000-jährige Geschichte vorweisen kann und in dem das „Innenleben“ tief im eigenen kulturellen Ethos verwurzelt bleibt. Trotz der radikalen Modernisierung, die unser äußeres Erscheinungsbild verändert hat, bleibt die Vielfalt unser wichtigstes Merkmal.  

Obwohl wir im Jahr 2026 digital vernetzter sind als je zuvor, schmeckt das Essen in Karnataka immer noch anders als in Bengalen. Die über 1600 Sprachen und Dialekte sind nicht in einem globalen Einheitsenglisch untergegangen. Diese Vielfalt ist kein Hindernis, sondern unsere eigentliche Identität. Sie erfordert heute mehr denn je „Toleranz, Versöhnungsbereitschaft und das Streben nach Harmonie“.  

Dharma im Algorithmus

Oft werde ich gefragt, ob die indische Kultur in einer Zeit der KI und der totalen Globalisierung ihre Identität bewahren kann. Ich bin überzeugt: Ja. Unsere Geschichte zeigt, dass wir voller „Spannkraft und Flexibilität“ sind. Wir haben schon immer Elemente fremder Kulturen aufgenommen und sie nach unseren eigenen Werten geformt.  

Ein Kernbegriff bleibt dabei zeitlos: Dharma. Die Rechtschaffenheit. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, bietet das indische Verständnis von Dharma eine individuelle Ethik, die über das rein Materielle hinausgeht. Auch im Jahr 2026 bleibt die Erkenntnis aktuell, dass das, was wir auf Erden wahrnehmen, oft nur „Maya“ ist – eine Täuschung der Vergänglichkeit.  

Die Balance der Moderne

Das „Nebeneinander von Tradition und Modernität“ schafft weiterhin Konflikte. Doch genau hier liegt die Stärke Indiens. Wir sind kein Museum antiker Bräuche, aber wir sind auch keine seelenlose Kopie des Westens. Ob es das ganzheitliche System des Ayurveda ist, das Körper und Geist als Einheit versteht, oder unser zyklisches Zeitverständnis – Indien hat der Welt auch heute, oder gerade heute, essenzielle Werte anzubieten.  

Indien ist nicht einfach ein Land, das man „besichtigt“. Es ist ein Prozess, den man verstehen muss. Hinter den Glasfassaden der Giganten schlägt noch immer dasselbe Herz, das schon vor Jahrtausenden im Industal pulsierte. Bleiben wir wachsam für das, was unter der Oberfläche liegt.

Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuzträger und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

Alle bisherigen Beiträge von Jose Punnamparambil finden Sie hier.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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