Eine leidenschaftliche Begegnung verändert alles, Jahre später fällt eine ganze Existenz in sich zusammen. In ihrer neuen Kolumne nimmt Edita Truninger ihre Leser diesmal mit auf eine Reise von Kenia bis nach Goa – voller Sehnsucht, Verlust und Hoffnung.

Randolph saß in seinem Korbstuhl im Garten. Er hatte sich einen Sarong um die Hüften geschlungen. Oben trug er ein marineblaues Hemd. Er ließ den Blick über sein Anwesen streifen. Aus der Ferne drangen Tierlaute an sein Ohr. Zufrieden lächelnd schenkte er sich Whisky nach. Leise klirrten die Eiswürfel im Glas. Ja, er hatte sich wirklich etwas aufgebaut mit dieser Farm! Und nun sollte ihm alles genommen werden. Morgen würden die Bulldozer auffahren.
«Randolph?» Eine asiatische Schönheit trat aus dem Haus, in ein Seidenkleid gehüllt, die langen dunklen Haare trug sie offen. Von hinten berührte sie ihn leicht an der Schulter.
«Was machst du hier draußen, so ganz allein?»
Randolph seufzte. «Ich sinniere.»
«Komm zurück ins Haus.»
«Gleich, honey», sagte er gedankenverloren.
Er dachte an all die Partys, die er in diesem Gartenausgerichtet hatte. Jedes Mal tauchten an die fünfzig Gäste auf, manche nahmen sogar den beschwerlichen Weg aus Nairobi auf sich. Vorwiegend weiße, die sich diesen verlassenen Landstrich als Kulisse für ihr Leben ausgesucht hatten. Die Kikuyus servierten Cocktails und Lachsbrötchen, und immer dachte sich Randolph zur Erheiterung der Gäste etwas Besonderes aus: eine Pavianfamilie, die drollige Kunststücke aufführte, ein Flötist mit selbst geschnitzten Bambusflöten oder ein Skorpion-Rennen – je später der Abend, desto höher die Wetteinsätze. Sogar der deutsche Botschafter mit seiner reizlosen Gattin hatte ihn letztes Mal mit einem Besuch beehrt. Er lächelte in sich hinein, als er an all die neidischen Blicke dachte, die er mit der bezaubernden Elaine auf sich zog. «Jaguar», flüsterte sie ihm ins Ohr, wenn sie gemeinsam auf die Terrasse heraustraten, «das hast du wieder fantastisch hingekriegt.»
In den letzten Wochen und Monaten war sein Leben zuerst langsam, dann immer schneller in Schieflage gekippt. Die ursprünglichen Landbesitzer waren vor Gericht gezogen, um ihren Anspruch auf sein Land geltend zu machen. Dieses hatte er der Regierung vor zehn Jahren für einen Spottpreis abgekauft. Gestern war er nun gekommen, der Brief vom Gericht: Der Kikuyu-Clan hatte den Prozess gewonnen. Morgen würde Randolph also nicht nur plötzlich ein mittelloser fünfzigjähriger weißer sein, sondern schlagartig auch seines sozialen Status beraubt. Denn was war ein Farmbesitzer ohne seine Farm?
Behäbig stemmte er sich aus dem Sessel und ging barfuß über den gepflegten Rasen, der in der Abenddämmerung glitzerte. Die Grashalme kitzelten ihn an den Fußsohlen. Die Farm stand auf einer Anhöhe im Niemandsland. Bloß ein Zaun trennte sie von den wilden Schakalen, die ihn nachts mit ihrem Geheule beinahe um den Verstand brachten. Randolph betrat das Haus über die Terrasse, der gelb-grüne Papagei schaute ihn vorwurfsvoll aus seinen schwarzen Knopfaugen an und krächzte laut. Randolph befüllte Lady Montgomerys Schälchen mit Frischwasser. Der Papagei sprang auf seine rechte Schulter, zuckelte mit dem Kopf und pickte ihm mit dem Schnabel ins Ohr. Randolph lächelte und tätschelte dem Tier den Rücken. «Jedem Piraten seinen Papagei», seufzte er und erinnerte sich an seine etwas lang geratenen Wanderjahre, die ihn als Matrose kreuz und quer über die sieben Weltmeere geführt hatten.
Eines Tages packte er ein paar Wechselklamotten in einen abgewetzten Lederkoffer, ließ seinen Eltern und seiner Schwester einen Brief auf dem Küchentisch zurück und bestieg ohne ein weiteres Abschiedswort den nächsten Zug nach Triest. Die Gassen waren backofenglutheiss und stanken zum Himmel, fremde Zungen redeten auf ihn ein. Randolph, eben erst der Provinz entkommen, schaute ungläubig dem wilden Treiben an den Landungsbrücken zu. Bärtige Matrosenwankten mit leerem Blick durch die Hafengässchen und versoffen ihre Heuer in nur einem Abend, Waren wurden ein- und ausgeladen, auf dem Schwarzmarkt wurden Wildtiere wie Schlangen oder Affen verhökert. Er kratzte sein letztes Geld für ein schäbiges Zimmer zusammen. Durch das kleine Fenster mit der verschmierten Scheibe hatte er Ausblick auf den Golf von Triest und den grenzenlosen Horizont. Plötzlich überfiel ihn ein starkes Heimweh – ein Gefühl, das er überhaupt nicht kannte. In den Kleidern legte er sich aufs Bett und fiel sofort in einen traumlosen Schlaf.
Sein Leben verbesserte sich schlagartig, als er Heinrich kennenlernte. Heinrich war Deutscher wie er und fuhr schon seit zwanzig Jahren zur See. Sein voller Bart starrte vor Schmutz, auf seinem muskulösen linken Oberarm prangte ein Anker. «Richtige Seefahrer trinken Grog!», polterte er und gab dem Kneipenwirt ein Zeichen. «Ich bin eben aus Indochina zurück», sagte er. «Die tropische Hitze, die Mücken, das verdorbene Essen … ein Grog mit einem hochprozentigen Rum schützt dich vor jeder Krankheit, die du dort unten auflesen kannst.»
Ein schmaler Junge brachte ihnen zwei Gläser, Heinrich schob Randolph eines hin.
«Du willst zur See?», fragte er. Randolph nickte schnell. «Die Franz Ferdinand läuft in drei Tagen wieder aus. Ich kann dich empfehlen, wenn du körperliche Arbeit nicht scheust.» Heinrich prostete Randolph zu und exte den Grog. «Ahhhhh!», machte er. «Wie himmlisch das schmeckt. Ich kann dir das Matrosenleben sehr ans Herz legen – vorausgesetzt, du hältst dich an einige Regeln.»
«An welche denn?», fragte Randolph neugierig.
«Erste und wichtigste Regel: Treib es mit den Weibern so viel wie du willst, aber verlieb dich niemals. Die Weibsbilder sind wie Kolumbus», sagte Heinrich. «Sie entdecken dich, rammen ihre Flagge in dein Sediment und behaupten hinterher, du seist schon immer ihrer gewesen. Ein richtiger Seemann geht keine Bindungen ein. Er hat sein Herz bereits an die See verloren.»
Randolph nickte ehrfürchtig. Damals hielt er Heinrich für den weisesten Mann der Welt.
«Die zweite betrifft Gesundheit und Verhütung.» Randolph schluckte.
«Hüte dich vor Tigern, schütze dich mit langer Kleidung vor Malaria und lass dir niemals ein Kind andrehen.»
Randolphs Augen weiteten sich. Er nahm einen großen Schluck Grog und verzog das Gesicht, als er die Schärfe im Gaumen spürte.
«Gibt es auch noch eine dritte Regel?»
«Oh ja! Die dritte Regel ist sogar die allerwichtigste.» Heinrich machte eine Pause. «Ein wahrer Matrose ist frei und ungebunden. Er besitzt weder Haus noch Hof.»
Randolph lächelte bei der Erinnerung an Heinrich, während er ein Feuer im Kamin entfachte. Die Holzscheite rauchten, Flammen züngelten. Er setzte sich in den Schaukelstuhl. Der Tigerkopf zu seinen Füssen blickte ihn aus glasigen Augen an. Wenn Heinrich wüsste, dass Randolph sogar Herr über Ländereien geworden war …! Er schenkte sich einen Whisky und schwenkte nachdenklich das Glas. Auf den Schiffen herrschte eine strenge Hierarchie. Doch Randolph hatte Glück und stieg rasch auf. Andere, vor allem Männer aus den Kolonien, schufteten jahrelang auf denselben Schiffen, ohne je befördert zu werden. In den Anfangszeiten hatte sich Randolph einen Ruf als geschickter Bart- und Haareschneider erworben. Irgendjemand musste es tun, wenn ein Schiff monatelang unterwegs war. Die halbe Besatzung saß irgendwann auf einem umgedrehten Fass bei ihm im improvisierten «Salon». Bezahlt wurde mit Zigaretten, Rum oder Süßem. Auf See, in der Gemeinschaft, fühlte sich Randolph sicher und selbstbewusst, doch die Landaufenthalte förderten seine Unsicherheiten zutage. Er bekam Frauen ab, wenn auch nicht so viele, wie er gewollt hätte. Er wusste genau, woran das lag: Schließlich war er weder besonders witzig noch besonders klug noch besonders gutaussehend. Auf den Fahrten nach Indien lief die Franz Ferdinandregelmäßig Goa an. Randolph mochte den Ort: Die Menschen waren freundlich und niemand schien es eilig zu haben. Er hätte es nie zugegeben, aber im Grunde sehnte er sich nach einem Platz auf der Welt, wo er die Strassennamen kannte und ihm die Gesichter der Menschen vertraut vorkamen.
Wenn die Franz Ferdinand auf Reede lag, stieg Randolph gelegentlich in vornehmen Hotels ab. Die livrierten Kellner und die Wohlgerüche gaben ihm immer das Gefühl, zwei Zentimeter über dem Boden zu schweben. Ganze Nachmittage konnte er damit zubringen, in der Lobby zu sitzen, Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen. Und abends nach dem Eindunkeln wechselte er nahtlos über in die Bar. Er sprach den Barkeeper schon nach einer halben Stunde beim Vornamen an, kannte die Namen seiner Kinder und wusste um den Zustand seiner Ehe. Wildfremden Menschen spendierte er Drinks, als wären sie alte Freunde. So war es auch an jenem Abend gewesen, als Elaine in sein Leben trat.
Die dunkelhaarige Schönheit war ihm sofort aufgefallen, wie sie an einem der Tische saß. Sie drehte ihr Glas langsam zwischen den Fingern und schaute hinaus in den Garten. Es schien ihr nichts auszumachen, allein dazusitzen. Randolph hatte bereits ordentlich getrunken und befand sich in jenem gefährlichen Zustand, in dem er, selbst wenn er sich anstrengte, nicht mehr genau sagen konnte, in welcher Stadt er sich gerade befand. Hongkong, Singapur oder war es doch Bombay gewesen? Die Schönheit dieser Asiatin betörte ihn, sodass er auf der Stelle nüchtern wurde. Er gab sich innerlich einen Schubser und näherte sich der zierlichen Frau. Irgendwie gelang es ihm, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Elaine lachte viel, und Randolph begann zu schwitzen. Ob sie ihn wohl auf den Arm nahm? Er bezahlte ihr Cocktail um Cocktail. So zum Affen hatte er sich schon lange nicht mehr gemacht für eine Frau! Doch die Unbekümmertheit, die sie ausstrahlte, machte sie für Randolph nur noch begehrenswerter. Sein Jagdinstinkt war geweckt.
Irgendwann landeten sie auf dem Hotelzimmer und fingen an, sich zu küssen. Zuerst zärtlich und dann immer leidenschaftlicher. Die Lippen der Asiatin schmeckten nach Erdnüsschen und Mandarinen, eine ganz eigenartige Kombination. Elaine war eine ausdauernde Liebhaberin. Sie umschloss seine Härte mit ihrem Mund und ließ ihre Zungenspitze kreisen, nur um kurz vor dem Höhepunkt von ihm abzulassen. Einmal. Zweimal. Zehnmal. Randolph war wie von Sinnen. Der Genuss dauerte die ganze Nacht und ergoss sich irgendwann gegen Morgengrauen in einen ekstatischen Höhepunkt. Randolph hatte nie ganz verstanden, warum die Natur es so angelegt hatte, dass der Höhepunkt gleichzeitig auch immer der Schlusspunkt war.
Im fahlen Licht des anbrechenden Tages sah Elaine kein bisschen weniger bezaubernd aus. Geschmeidig stand sie auf, zwirbelte sich die Haare zu einem Dutt und ging ins Badezimmer. Randolph fläzte im Bett, die Arme am Hinterkopf verschränkt, und wartete belämmert und selig darauf, dass sie zu ihm ins Bett zurückkehrte. Inzwischen war ihm auch wieder eingefallen, dass er sich in Singapur befand.
«Ich muss heute nochmals zum Markt», sagte sie, als sie mit kurzen Hosen und einem Träger-T-Shirt aus dem Badezimmer kam. «Ich habe gestern länger mit einer älteren Frau gesprochen, die dort Kartoffeln verkauft. Sie ist jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf dem Markt. Heute möchte ich noch einmal zu ihr.» Sie legte sich wieder zu ihm ins Bett und schmiegte sich an seine Schulter, als wäre es das Natürlichste der Welt. Randolph betrachtete die feinen Linien ihres Nackens, die durch den hochgesteckten Dutt noch stärker hervortraten. Eben hatte sie von einer Marktverkäuferin gesprochen, während er noch darüber nachgedacht hatte, in welcher Stadt sie überhaupt waren. Er musste lächeln. In diesem Moment wusste er, dass diese Frau ihre Flagge in sein Sediment gerammt hatte. Auf einen Schlag war sein Vorsatz, Junggeselle zu bleiben, dahin.
Eine tiefe Stille hatte sich über das Anwesen gesenkt, an den Wänden bildeten sich lange Schatten. Das Heulen der Schakale war jetzt noch lauter zu hören.
«Was möchtest du zum Abendessen?», rief Elaine aus der Küche. «Ich habe ja ewig nicht mehr gekocht.»
«Ich habe keinen Hunger», brummte Randolph und schenkte sich an der Hausbar Whisky nach. Dabei stolperte er über das Tigerfell. Früher hatte jeder Besucher gefragt, wie er zu diesem Fell gekommen war. Doch es war Monate her, dass sie Besuch gehabt hatten. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er in regnerischen Winternächten nie mit seinen Enkeln um dieses Kaminfeuer sitzen und ihnen all die verrückten Geschichten seines Lebens erzählen würde. «Jaguar», krächzte Lady Montgomery, bevor sie sich in eine Ecke zurückzog und zufrieden gurrte.
Plötzlich ging das Licht an, Elaine stürzte in den Salon. Randolph richtete sich schlaftrunken im Sessel auf. Er musste kurz eingenickt sein. Sie hielt ihm ein Papier dicht unter die Nase. «Wir werden obdachlos? Und du hast nicht mal den Anstand, mir das zu sagen?»
Lady Montgomery war aufgewacht und kreischte schrill.
«Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll», verteidigte er sich. «Der Kikuyu-Clan kann nachweisen, dass sie die rechtmäßigen Besitzer sind. Irgendein Hokuspokus. Und seit dem Regierungswechsel ist es nicht mehr wie früher. Der Wind hat gedreht, stellt sich gegen uns.»
«Randolph!», sagte Elaine und tätschelte ihm unsanft auf die Wangen, damit er nüchtern wurde. «Du bist doch Matrose! Was hast du auf hoher See getan, wenn ein kräftiger Gegenwind aufkam?»
Randolph zuckte mit den Achseln. «Ich ging unter Deck und wartete, bis er vorüber war.» Elaine sah ihn lange an, dann nickte sie leicht.
«Genau. Das tust du immer.»
Randolph folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie öffnete die Schranktür, zog einige Kleider heraus und stapelte sie auf dem Bett.
«Was machst du da?», fragte er entgeistert.
«Ich gehe.»
«Aber honey …» Randolph begann zu schwitzen. Jetzt nur nicht in Panik geraten, dachte er bei sich. «Wo willst du denn hin, um diese Uhrzeit?»
«Irungu fährt mich nach Nairobi. Von dort nehme ich das Flugzeug nach Singapur. Es geht um ein Uhrmorgens.»
Elaine zog am Reißverschluss ihrer Tasche. Ihre Hand zitterte leicht. Sie wandte sich zur Treppe. Randolph folgte ihr. «Lass uns reden! Wir finden sicher einen Weg.»
Sie drehte sich zu ihm, seufzte. «Ich vermisse es, morgens einfach aus der Tür zu gehen und unter Leuten zu sein.» Sie blinzelte und wischte sich mit der Handkante eine Träne aus dem Augenwinkel. «Ich habe Heimweh – schon lange.» Sie schniefte.«Außerdem habe ich immer gedacht, eines Tages bewegst du dich.»
Sie richtete ihm den Hemdkragen und küsste ihn auf die Wange. «Halt die Ohren steif, Jaguar.»
Beim Hinausgehen strich sie Lady Montgomery über das Gefieder. Dann war sie weg.
Randolph wankte zur Bar und genehmigte sich einen Doppelten. Er stieß derbe Schimpfwörter aus, in allen Sprachen, auf die er fluchen konnte – und das waren nicht wenige. Eine Welle der Wut schwappte über ihm zusammen, als er den Eisbehälter öffnete. Nicht einmal die Eiswürfel hatte Irungu nachgefüllt, bevor er sich als Fluchthelfer für seine Frau hatte einspannen lassen! Er hätte diesen Bengel nie einstellen dürfen. Er stürzte den Whisky in einem Zug herunter. Lady Montgomery ging aufgeregt hin und her und kreischte schrill. «Sei still du blöder Vogel!», herrschte Randolph sie an. Eine Träne bahnte sich lautlos einen Weg über seine Wangen. Er ging zurück ins Schlafzimmer. Die weißen Bettlaken waren zerwühlt, Elaines Seidenkleid lag mitten auf dem Boden. Der Raum duftete immer noch nach ihrem Parfum.
Spulte sich sein Leben gerade rückwärts ab?
Er ließ sich auf die Matratze fallen und begann hemmungslos zu weinen, sodass seine Schultern bebten.
«Auuuu …»
Ein zweites Heulen antwortete, dann ein drittes.
Randolph fuhr hoch. Er musste vor lauter Erschöpfung eingeschlafen sein.
Für einen Moment war er überzeugt, die Schakale hätten den Zaun überwunden. Er wankte zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite. Der dunkle Rasen, ein dünner Suppenschüsselmond am Himmel. Sonst nichts. In der Dunkelheit tastete er sich zur Haustür. Als er sich den Fuß stieß, unterdrückte er einen Fluch. Licht anzumachen, wagte er nicht.
Langsam drehte er den Knauf, zog die Tür auf. Horchte. Stille. Dann tapste auf den Gehweg hinaus. Lady Montgomery krächzte: «Jaguar!» Randolph drehte sich um, als der Papagei ein paarmal kräftig mit den Flügeln schlug und auf seiner Schulter landete. Er schwankte kurz. Randolph hob automatisch den Arm, damit Lady Montgomery das Gleichgewicht fand. «Na schön», sagte er leise. «Dann eben wir zwei.» Der Kies knirschte unter seinen Füssen, als sie gemeinsam das Anwesen verließen, ohne einmal zurückzuschauen.
Epilog
Der gelb-grüne Papagei in der Ecke des kleinen Barbiergeschäfts lief nervös auf seinem Gestänge hin und her und krächzte immer wieder den gleichen englischen Namen. Es hörte sich an wie «Lane.»
«Halt den Schnabel, Lady Montgomery!» Ein Mann mit gepflegten silbergrauen Haaren bis unters Kinn stutzte gerade einem Kunden den Bart. Der Duft von Seifenlauge lag in der Luft. Vor Weihnachten herrschte in Goa Hochbetrieb. Ein kleiner Junge mit einer neuen frechen Strubbelfrisur schwang sich gerade auf sein Fahrrad, zufrieden grinsend. «Sie haben aber einen schönen Weihnachtsbaum hier im Laden», bemerkte eine Kundin anerkennend, die unter der Trockenhaube eine Zigarette rauchte. Der Mann lächelte nur und griff wieder zur Schere.
«Randy the Barber», stand in bunten Lettern an der Fassade des kleinen Geschäfts.

Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger ist seit Februar 2026 als Kolumnistin für theinder.net tätig. Ihre Kolumne „Chalo, Auntie!“ zeichnet sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung). Ein perfekter Brückenbau zwischen Europa und Indien, und ganz im Feuilleton zuhause.
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