StartHintergrundKolumnenSpektrum Europa: "Vorauseilender Gehorsam"

Spektrum Europa: „Vorauseilender Gehorsam“

Nicht die Angst vor Gewalt verändert den Westen – sondern die Angst, als Rassist zu gelten. Wie der vorauseilende Gehorsam Behörden, Medien und Politik prägt und warum das kein Zufall ist, analysiert Dr. Shantanu Mukherjee bewusst provokant in seiner aktuellen Kolumne „Spektrum Europa“.

Grafik: (c) K. Joshi, theinder.net

Unter den vielen Erscheinungsformen des sogenannten Wokismus ist das Benehmen der Staatsorgane am meisten rätselhaft. Wokismus ist oft die Basis dessen, was heute beträchtliche Teile der westlichen Elite (Studenten, wohldotierte Medienmenschen, ideologisch geprägte Entscheidungsträger etc.) tun oder unterlassen. Sie sind bemüht, „Kolonialismus“, „Rassismus“, „Geschlechterungleichheit“, „Sprachdominanz des Männlichen“ und manches mehr möglichst auszuradieren. Eine perfide Form ihres Tuns ist immerzu präsent, aber selten aus dem Stegreif nachvollziehbar. Das ist vorauseilender Gehorsam.

Vollendet begegnen wir diesem vor wenigen Wochen in Southampton. Ein 18-jähriger, weißer Engländer wird auf offener Straße von einem jungen Mann aus der Sikh-Gemeinschaft niedergestochen. Der Täter ruft die Polizei. Die erscheint auch prompt. Der Täter meint rassistisch beleidigt worden zu sein. Das Opfer, liegend, bittet um Hilfe. Er könne nicht mehr atmen. Berichten zufolge (BBC, FAZ, Spiegel u.a.) legte die Polizei dem schwer verletzten Opfer Handschellen an – ein Vorgehen, das in England eine heftige Debatte auslöste. Der junge Engländer stirbt in seiner Blutlache.

Aus Deutschland ist ein vergleichbarer Fall – noch – nicht bekannt. Es ist aber längst Gepflogenheit, dass das Schwenken der Bundesfahne auf öffentlichen Plätzen verpönt ist, dass die Medien Vornamen von Tatverdächtigen kaschieren, denn ein solcher könnte die Herkunft und Religion des Anonymen sonst preisgeben. Es geht weiter: Man denke an die Missbrauchsskandale in Nordengland wie in Rotherham: Hier zeigten offizielle Berichte später, dass Ermittler aus Angst vor Rassismusvorwürfen wegschauten. Warum denn? Der Grund ist schlicht und surrealistisch. Und das gilt nicht nur für England oder Deutschland: Die Behörde meint sich nicht leisten zu können, als „Rassist“ tituliert zu werden. Die Verunglimpfungsgefahr obsiegt.

Wie konnte es so weit kommen? Die Ursachen dieser tiefen Verunsicherung der Behörden, Medien und gar von Teilen der Justiz sind noch nicht voll aufgedeckt. Aber hinter dem Schleier des Wokismus sind die Gründe immer deutlicher erkennbar. Der Westen? Kriegsmüde und erschöpft, der historischen Schuld – echter wie vermeintlicher und eingetrichterter – bewusst und – daher – arg benommen, nicht zuletzt kraft plötzlichen Wohlstandes entchristlicht und antipatriotisch.

All das wurde sichtbar in der Studentenbewegung der Sechziger – spezifischer – durch den Vietnamkrieg. Für die deutsche Nachkriegsgeneration kam hinzu – Birkenau und Treblinka. Es folgte der „Lange Marsch durch die Institutionen“, der längst eine neue „Weltenretter“-Elite in die Universitäten, Parlamente, Medien und Justiz beidseits des Atlantiks reichlich angespült hat. Und eines ihrer universellen Merkmale ist eben der vorauseilende Gehorsam – als Alltagsbegleiter wie auch als Lebensphilosophie.

Quellenangaben:


Anm. d. Red.: Dr. Shantanu Mukherjee ist Sprachwissenschaftler, langjähriger Hochschullehrer und seit 2026 mit seiner eigenen Kolumne „Spektrum Europa“ für theinder.net tätig (Pressemitteilung).

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Shantanu Mukherjee
Shantanu Mukherjee
Dr. Shantanu Mukherjee, 1948 in Kalkutta geboren, kam 1971 nach Deutschland und fand hier seine akademische wie kulturelle Heimat. An der Universität Heidelberg studierte und promovierte er in Allgemeiner Sprachwissenschaft, wo er über viele Jahre lehrte, später auch an den Universitäten Bonn und Potsdam. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmet er sich seit Langem der Arbeit als Dolmetscher und Übersetzer. Dr. Mukherjee lebt mit seiner Ehefrau, der Wirtschaftsjournalistin Heike Göbel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), in Frankfurt am Main.

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