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Der Kaiser und der Asket: Wie Mogulkaiser Jahangir versuchte, Vedanta und Islam zu verschmelzen

Abseits moderner Klischees und politischer Debatten: Ein faszinierender Blick auf die Epoche der Moguln und den erstaunlich tiefgründigen, interreligiösen Austausch im alten Indien.

Foto: Attributable to Govardhan. Jahangir Visiting the Ascetic Jadrup. ca. 1617-20, Louvre, Paris

In der gegenwärtigen politischen Debatte Indiens werden die Herrscher des Mogulreiches häufig stark vereinfacht als religiös intolerante Tyrannen dargestellt. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart eine weitaus faszinierendere, tiefgründigere und oft widersprüchliche Realität. Ein aktueller, vieldiskutierter Essay des Historikers Syed Ali Nadeem Rezavi auf dem indischen Nachrichtenportal scroll.in beleuchtet nun eine außergewöhnliche Episode des interreligiösen Austauschs: Den ernsthaften Versuch von Kaiser Jahangir, die hinduistische Philosophie des Vedanta intellektuell mit der Mystik des Islams zu vereinen.

Von der Pracht des Hofes in die Höhle der Askese

Während Jahangirs Vater, Akbar der Große, dafür bekannt war, Gelehrte aller Religionen an seinen Hof in das berühmte Ibadat Khana (Haus der Anbetung) einzuladen, wählte Jahangir (der von 1605 bis 1627 regierte) einen radikaleren, fast demütigen Weg. Wie Rezavi in seinem Beitrag für scroll.in ausführt, reiste der Kaiser persönlich nach Ujjain, um den bekannten hinduistischen Asketen Jadrup aufzusuchen.
Jahangir stieg von seinem Pferd, ließ seinen Prunk zurück und kroch buchstäblich auf Knien in die winzige, abgelegene Höhle des Eremiten. Aus diesen Begegnungen zog der Kaiser eine tiefe intellektuelle Freude. In seinen Memoiren, dem Tuzuk-i-Jahangiri, berichtete der Herrscher immer wieder mit spürbarer Begeisterung von den tiefen spirituellen Gesprächen mit dem Weisen.

Zwei Sprachen, ein Kern

Jahangirs Ziel war kühn: Er wollte logisch und philosophisch nachweisen, dass das Advaita Vedanta (die nondualistische Strömung der hinduistischen Philosophie) und der Sufismus (die mystische Dimension des Islams) im Grunde dieselbe absolute Wahrheit beschreiben – lediglich ausgedrückt in unterschiedlichen Sprachen und Begrifflichkeiten.
Beide Systeme, so erkannte es der Kaiser im Dialog mit Jadrup, teilen ein fundamentales Fundament:

  1. Die materielle Welt, wie wir sie wahrnehmen, unterliegt einer Täuschung.
  2. Das wahre, innere Selbst (Atman) ist letztlich nicht von der ultimativen, göttlichen Realität (Brahman) getrennt.
  3. Das Ziel spiritueller Praxis ist die Überwindung dieser illusionären Dualität zwischen Schöpfer und Schöpfung.

Für einen absolutistischen Herrscher war die Idee, dass das eigene „Ich“ und die weltliche Macht im Angesicht des göttlichen Ganzen nur eine Illusion sind, ein erschreckender, aber zugleich zutiefst befreiender Gedanke.

Keine Romantisierung: Zwischen Respekt und Aneignung

Der Artikel auf scroll.in warnt jedoch vor einer modernen, allzu romantisierten Verklärung dieser Annäherung. Jahangir hatte keineswegs vor, zum Hinduismus überzutreten oder seine eigene islamische Identität aufzugeben. Seine Annäherung an den Vedanta war eine Form der intellektuellen Aneignung und Neuinterpretation.

Jahangir suchte in der indischen Philosophie gezielt nach Bestätigung für seine eigenen, monotheistisch und sufisch geprägten Instinkte. Folgerichtig lehnte er zentrale Pfeiler des Hinduismus ab: Das Konzept der Reinkarnation sowie die Lehre von den göttlichen Inkarnationen auf Erden (Avataravada) wies der Kaiser explizit zurück. Ihn faszinierte die trockene, rein intellektuelle Philosophie eines Shankara, nicht die emotionale, hingebungsvolle Bhakti-Frömmigkeit einer Mirabai. Seine Schriften blieben stets tief in islamischer Frömmigkeit, dem islamischen Kalender und Lobpreisungen Allahs verwurzelt.

Ein historisches Antidot gegen heutige Klischees

Warum ist diese historische Episode heute relevanter denn je? In Zeiten, in denen das reiche und komplexe Erbe der Moguln in Indien zunehmend politisiert, umgeschrieben oder gar aus Schulbüchern getilgt wird, liefert der Bericht von Rezavi ein wichtiges Korrektiv.

Das Bild eines mächtigen Mogulkaisers, der in eine staubige Höhle kriecht, um von einem hinduistischen Sadhu Philosophie zu lernen, bricht mit den gängigen Karikaturen rein religiöser Tyrannei. Es erinnert uns daran, dass das 500-jährige Erbe der Mogulherrschaft in Indien von einem oft erstaunlich aufrichtigen, hochkomplexen und respektvollen intellektuellen Austausch zwischen den Religionen geprägt war.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf den Recherchen und dem Essay „The Mughal emperor who tried to merge Vedanta with Islam“ von Syed Ali Nadeem Rezavi, erschienen auf scroll.in.

Tina Singh
Tina Singh
Tina schrieb ihren ersten Artikel für theinder.net bereits 2005 und interessiert sich für gesellschaftliche Themen, Musik und Reisen. Heute ist sie im Touristikbereich tätig.

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