Seit drei Jahrzehnten engagiert sich die Deutsch-Indische Zusammenarbeit (DIZ) für nachhaltige Entwicklungsprojekte, interkulturellen Austausch und zivilgesellschaftliche Partnerschaften zwischen Deutschland und Indien. Im Gespräch mit Dr. Jona Aravind Dohrmann, Geschäftsführer der DIZ, geht es um die Anfänge der Organisation, persönliche Erfahrungen in Indien, die Entwicklung der deutsch-indischen Zusammenarbeit – und die Frage, warum langfristige Beziehungen und gegenseitiges Lernen heute wichtiger sind denn je.

Gründungsmotive & Historie
Herr Dr. Dohrmann, die offiziellen Strukturen der DIZ bestehen nun seit 30 Jahren, während die ersten Initiativen sogar bis in die 1970er Jahre zurückreichen. Was waren damals die konkreten Auslöser für die Vereinsgründung und wie haben sich die ursprünglichen Ziele im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Die Wurzeln der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit reichen tatsächlich deutlich weiter zurück als unsere formale Vereinsgründung im Jahr 1996. Bereits in den 1970er Jahren arbeiteten meine Eltern als deutsch-indisches Entwicklungshelfer-Paar im zentralindischen Nagpur in Maharashtra. Dort entstand auch der erste intensive Kontakt zu ländlicher Entwicklungsarbeit, insbesondere im Dorf Shivangaon, das damals noch kaum über grundlegende Infrastruktur wie Toiletten, fließendes Wasser oder eine verlässliche Stromversorgung verfügte.
Der eigentliche Ausgangspunkt war daher weniger eine abstrakte Idee von Entwicklungszusammenarbeit, sondern sehr konkrete persönliche Begegnungen mit Menschen und ihren Lebensrealitäten. Gleichzeitig entstand in Deutschland ein Kreis engagierter Unterstützerinnen und Unterstützer, die bereit waren, Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die sie niemals persönlich kennengelernt hatten. Das war damals keineswegs selbstverständlich.
1996 wurde daraus schließlich ein eingetragener Verein – zunächst noch unter dem Namen „Ecumenical Sangam“. Die Anfangszeit war stark von einzelnen Projekten und persönlichem Engagement geprägt. Mit der Zeit entwickelte sich daraus jedoch eine zunehmend professionelle Organisation mit langfristigen Partnerschaften, festen Strukturen und einem breiteren thematischen Ansatz.
Ein wichtiger Wendepunkt war ab dem Jahr 2000 die erste Förderung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Dadurch konnten wir größere Vorhaben umsetzen, etwa im Gesundheitsbereich, später auch in Bildung, Jugendförderung, Frauenförderung, Umwelt- und Klimathemen.
Heute verstehen wir Entwicklungszusammenarbeit noch stärker als gegenseitigen Lernprozess und partnerschaftlichen Dialog auf Augenhöhe. Es geht nicht darum, Lösungen „zu exportieren“, sondern gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen nachhaltige Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. Dieser Gedanke hat sich über die Jahrzehnte immer stärker herausgebildet und prägt unsere Arbeit bis heute.
Persönlicher Bezug
Sie leiten die Geschäftsstelle der DIZ. Welche persönliche Verbindung oder Motivation hat Sie zu dieser Arbeit geführt, und was treibt Sie im Alltag an, die deutsch-indische Zusammenarbeit aktiv mitzugestalten?
Mein persönlicher Bezug zur DIZ ist eng mit meiner eigenen Biographie verbunden. Indien war für mich nie einfach nur ein Projektland, sondern immer auch ein Teil meiner eigenen Lebensgeschichte. Ich bin gewissermaßen mit deutsch-indischer Zusammenarbeit aufgewachsen.
Schon als Kind habe ich erlebt, wie viel Vertrauen, Geduld und gegenseitiges Lernen notwendig sind, um langfristig tragfähige Partnerschaften aufzubauen. Später habe ich zunächst Jura studiert und als Rechtsanwalt gearbeitet. Dennoch hat mich die Entwicklungszusammenarbeit und insbesondere Indien letztlich nicht losgelassen.
Von 2004 bis 2009 war ich selbst als Entwicklungshelfer in Nagpur tätig. Diese Jahre haben mich persönlich stark geprägt. Obwohl mir Indien vermeintlich vertraut war, habe ich dort gelernt, wie unterschiedlich gesellschaftliche Prozesse, Kommunikation und Problemlösungen funktionieren können. Vor allem habe ich gelernt zuzuhören.
Was mich bis heute antreibt, ist die Überzeugung, dass langfristige Beziehungen zwischen Menschen und Organisationen sehr viel bewirken können – oft mehr als kurzfristige Projekte oder politische Programme. Viele unserer Partnerschaften bestehen seit Jahrzehnten. Daraus entstehen Vertrauen, gegenseitiger Respekt und die Möglichkeit, auch schwierige gesellschaftliche Themen gemeinsam anzugehen.
Gleichzeitig motiviert mich die Vielfalt unserer Arbeit: die Zusammenarbeit mit jungen Menschen im weltwärts-Programm, die Begleitung unserer Partnerorganisationen in Indien und Vietnam, aber inzwischen auch die Unterstützung migrantischer Initiativen hier in Deutschland. Diese Verbindung von internationaler Verantwortung und lokalem Engagement empfinde ich als besonders sinnvoll.
Erfolge & Meilensteine
Wenn Sie auf die vergangenen drei Jahrzehnte zurückblicken: Was waren aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Meilensteine und messbaren Erfolge, die der Verein gemeinsam mit den indischen Partnerorganisationen vor Ort erzielen konnte?
Wenn man auf drei Jahrzehnte zurückblickt, sind es oft weniger einzelne spektakuläre Ereignisse als vielmehr langfristige Entwicklungen, die wirklich bedeutsam sind.
Ein wichtiger Meilenstein war sicherlich die Professionalisierung des Vereins. Aus einer kleinen Initiative mit ehrenamtlichen Strukturen ist Schritt für Schritt eine Organisation mit hauptamtlicher Geschäftsstelle und verlässlichen internationalen Partnerschaften geworden.
Inhaltlich war die erste BMZ-Förderung im Jahr 2000 von großer Bedeutung. Dadurch konnten wir erstmals größere Projekte umsetzen und nachhaltiger planen. Es folgten zahlreiche Vorhaben in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Frauenförderung, Jugendförderung und ländliche Entwicklung.
Besonders stolz bin ich auf die langfristigen Beziehungen zu unseren Partnerorganisationen. Viele dieser Kooperationen bestehen seit Jahrzehnten. Diese Kontinuität ist in der internationalen Zusammenarbeit keineswegs selbstverständlich. Diese Partnerschaften habe auch die Corona-Zeit überstanden und sind sogar noch intensiver geworden. Damals lernten, wir wie man sinnvoll (und nicht inflationär) virtuelle Treffen nutzen kann, um die zu dem Zeitpunkt nicht mögliche unmittelbare Begegnung zu überbrücken.
Ein weiterer großer Meilenstein war unser Einstieg in das weltwärts-Programm im Jahre 2008. Rückblickend hat dieses Programm die DIZ stark geprägt und professionalisiert. Gleichzeitig haben hunderte junge Menschen durch ihren Freiwilligendienst intensive Erfahrungen in Indien und Vietnam gesammelt. Viele bleiben dem interkulturellen oder entwicklungspolitischen Bereich auch später verbunden.
Auch die Durchführung internationaler Partnerkonferenzen im Auftrag des BMZ war ein wichtiges Zeichen des gewachsenen Vertrauens in unsere Arbeit. Nagpur wurde über viele Jahre zu einem zentralen Begegnungsort für Partnerorganisationen, Fachkräfte und Freiwillige.
Darüber hinaus ist es uns gelungen, unsere Arbeit kontinuierlich weiterzuentwickeln. Mit dem „House of Resources Rhein-Main“ engagieren wir uns heute zusätzlich im Bereich der Unterstützung migrantischer Organisationen in Deutschland. Damit verbinden wir internationale Zusammenarbeit zunehmend auch mit gesellschaftlicher Teilhabe und zivilgesellschaftlicher Stärkung vor Ort.
Zukunft & Visionen
Mit dem „House of Resources Rhein-Main“ hat die DIZ seit 2024 auch im Inland neue Aufgaben übernommen. Welche strategischen Ziele und Projekte hat sich der Verein für die kommenden Jahre gesteckt, sowohl in Indien als auch in Deutschland?
Mit dem „House of Resources Rhein-Main“ haben wir tatsächlich einen neuen Schwerpunkt übernommen, der unsere Arbeit in Deutschland deutlich erweitert hat. Dabei unterstützen wir migrantische Vereine und Initiativen insbesondere bei Fragen der Professionalisierung, Projektentwicklung, Finanzierung und gesellschaftlichen Teilhabe.
Ich sehe darin keinen Bruch mit unserer bisherigen Arbeit, sondern eher eine konsequente Weiterentwicklung. Internationale Zusammenarbeit beginnt letztlich auch im eigenen gesellschaftlichen Umfeld. Viele Menschen mit internationaler Biographie engagieren sich bereits seit Jahren aktiv in Deutschland, verfügen aber oft über wenig strukturelle Unterstützung. Und das Thema Entwicklungszusammenarbeit ist sowohl unser Herzensanliegen wie auch das vieler migrantischer Organisationen. Wir teilen unsere Erfahrungen mit neu auf diesem Feld tätigen Organisationen gerne und stärken auch dadurch die lokale Vernetzung und Teilhabe.
Für die kommenden Jahre möchten wir sowohl unsere internationalen Partnerschaften weiter stärken als auch unsere Arbeit in Deutschland ausbauen. Inhaltlich werden Themen wie Bildung, Jugendförderung, Frauenförderung, Klima- und Umweltfragen sowie gesellschaftliche Teilhabe weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Zudem möchten wir die Süd-Nord-Komponente unserer Arbeit weiterentwickeln. Der internationale Austausch sollte keine Einbahnstraße sein. Gerade in Zeiten globaler Krisen wird deutlich, dass gesellschaftliches Lernen in beide Richtungen stattfinden muss.
Ein weiteres Ziel ist die langfristige Stärkung unserer Partnerorganisationen vor Ort. Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit bedeutet für uns vor allem, lokale zivilgesellschaftliche Strukturen zu fördern und Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen gesellschaftlichen Prozesse aktiv mitzugestalten.
Mehrwert für junge Menschen
Die DIZ ist stark im „weltwärts“-Programm engagiert und entsendet regelmäßig Freiwillige. Warum ist dieser Austausch gerade für junge Menschen heute so attraktiv, und inwiefern trägt ein solcher Dienst zur persönlichen und menschlichen Weiterentwicklung bei?
Das weltwärts-Programm ist für viele junge Menschen weit mehr als ein klassischer Auslandsaufenthalt. Es ermöglicht intensive persönliche Erfahrungen, die häufig den Blick auf die Welt und auf das eigene Leben nachhaltig verändern. Perspektivwechsel ist hier das Stichwort!
Gerade Indien konfrontiert junge Menschen mit einer enormen gesellschaftlichen Vielfalt und mit Lebensrealitäten, die sich oft stark von ihrem bisherigen Umfeld unterscheiden. Gleichzeitig erleben die Freiwilligen eine große Offenheit, Gastfreundschaft und menschliche Nähe. Das weltwärts-Programm gibt auch Gelegenheit, gemeinsame globale Verantwortung für globale Herausforderungen zu erlernen durch Aktives Lernen, sich einem bisher unbekannten Umfeld auszusetzen und gemeinsam mit Partner auf dem Globalen Süden Lösungsstrategien zu entwickeln.
Ein Freiwilligendienst bedeutet dabei nicht nur „Hilfe leisten“. Viel wichtiger ist häufig der gegenseitige Lernprozess. Viele Freiwillige lernen erstmals, mit Unsicherheit, kulturellen Unterschieden und komplexen gesellschaftlichen Fragen umzugehen. Das stärkt Selbstständigkeit, Empathie und interkulturelle Kompetenz.
In einer zunehmend polarisierten Welt halte ich solche Erfahrungen für besonders wertvoll. Wer längere Zeit in einem anderen kulturellen Umfeld gelebt hat, entwickelt oft ein differenzierteres Verständnis für globale Zusammenhänge und gesellschaftliche Herausforderungen. Viele ehemalige Freiwillige berichten später, dass diese Zeit sie persönlich stark geprägt hat – nicht nur beruflich, sondern vor allem menschlich.
Fokus Indien
Der indische Subkontinent steht im Zentrum Ihrer Arbeit. Was macht Indien aus Ihrer Sicht zu einem so besonderen, aber vielleicht auch herausfordernden Partner in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit?
Indien ist ein faszinierender und zugleich äußerst komplexer Partner. Das Land verbindet enorme Dynamik und Innovationskraft mit tiefen sozialen Gegensätzen und sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten. Dazu ist Indien ein – zu recht – sehr selbstbewusst auftretendes Land, das eine immer größere Rolle im Konzert der Weltpolitik spielt. Gerade diese Vielfalt macht die Zusammenarbeit spannend, aber auch anspruchsvoll. Indien lässt sich kaum vereinfachen oder auf einzelne Bilder reduzieren. Moderne Technologiezentren existieren neben ländlichen Regionen mit erheblichen sozialen Herausforderungen. Tradition und gesellschaftlicher Wandel laufen oft parallel. Für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet das, dass standardisierte Ansätze häufig nicht funktionieren. Erfolgreiche Zusammenarbeit setzt ein hohes Maß an lokalem Verständnis, Geduld und langfristigem Vertrauensaufbau voraus.
Gleichzeitig erleben wir in Indien eine außerordentlich engagierte Zivilgesellschaft. Viele unserer Partnerorganisationen arbeiten seit Jahrzehnten mit großer Professionalität und hoher gesellschaftlicher Verantwortung in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Frauenförderung oder ländlicher Entwicklung.
Ich glaube, dass Deutschland und Indien gerade in Zukunft noch stärker voneinander lernen können – nicht nur wirtschaftlich oder politisch, sondern auch gesellschaftlich. Beide Länder stehen vor großen Transformationsprozessen und globalen Herausforderungen. Umso wichtiger sind stabile zivilgesellschaftliche Brücken zwischen Menschen und Organisationen.
Danke für das ausführliche Gespräch und die Einblicke in drei Jahrzehnte deutsch-indischer Zusammenarbeit.






