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Sa, 24. Oktober, 2020
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1919: Das Massaker von Amritsar

(von Bijon Chatterji) Sonntag, 13. April 1919, 16.30 Uhr, Jallianwalla Bagh, Amritsar. Britische Soldaten richten ein Blutbad an, indem sie rund 400 friedlich demonstrierende indische Zivilisten ohne Vorwarnung niederstrecken.

Im Jahre 1919 verabschiedete die britische Regierung die sogenannten “Rowlatt Acts”, die die während des Krieges eingeführten Ausnahmerechte der britischen Behörden in Indien verlängerten, um mit den wie es hieß “revolutionären Aktivitäten” fertig zu werden. Die auch als “Black Acts” bezeichneten Verordnungen beinhalteten Pressesperre, Verhaftung politischer Aktivisten ohne Verhandlung und Gefangennahme von Verdächtigen ohne Beweise.

In den kritischen Apriltagen des Jahres 1919 erließ der britische Brigadegeneral E.H. Dyer den Befehl, Prozessionen und Versammlungen von indischer Seite zu verbieten. Allerdings drang diese Kunde nicht in alle Teile der Stadt vor. Am Nachmittag des 13. April planten indische Zivilisten im Jallianwalla Bagh in Amritsar, der heiligen Stadt der Sikhs, eine friedliche Demonstration gegen jene Rowlatt Acts. Dieser Sonntag war zudem Tag des hinduistischen Frühlingsfestes, das viele Gläubige nach Amritsar zog.

Dyer erfuhr davon und fand etwa zehntausend versammelte Demonstranten vor. Der Ort bot nur wenige Fluchtwege, da er von Häusern und Mauern umgeben war. Nicht einmal die beiden Panzerwagen, die der General mitbrachte, konnten in diesen Platz eindringen. Daraufhin beorderte er eine Truppe 50 britischer Soldaten, vor dieser Menschenmasse in schußbereiter Position Stellung zu nehmen.

Ohne Warnung ließ Dyer 10 bis 15 Minuten wahl- und pausenlos auf die Menschenmenge schießen und nahm dabei weder Rücksicht auf Frauen noch Kinder. Dieses “Massaker von Amritsar” forderte rund 400 Menschenleben und nahezu 1200 Verletzte.

Dyer vertrat die Ansicht, dass seine Aktion einen “moralischen und weitreichenden Effekt” haben solle. “Hätte ich mehr Munition zur Verfügung gehabt, hätte ich weiter schießen lassen.”

Es zog einen blutigen Trennungsstrich zwischen den Kolonialisten und allen um Wandel bemühten Massenkräften. Die bis dato die britische Regierung unterstützende Inder wurden von Royalisten nun zu Nationalisten. Gandhi wurde dadurch von der Notwendigkeit überzeugt, ein Jahr nach dem Massaker seine Politik des gewaltlosen Widerstands, “Satyagraha”, aufzunehmen. Er fand in ganz Indien großen Zulauf und Millionen von Anhänger.

Dyer wurde zwar seines Kommandos entzogen, jedoch in Großbritannien in konservativen Kreisen als Held gefeiert.

Gandhis Kampagnen waren gewaltfrei, beruhten jedoch auf massenhafter Verweigerung zur Zusammenarbeit und einem strikten Boykott britischer Waren. Allerdings wurden auch Massen unvermeidlich zu eigener Aktivität angestachelt, die über Gandhis Absichten hinausgingen. Die Kolonialherren antworteten für gewöhnlich mit blutiger Unterdrückung.


Die Massen begannen daraufhin, die Gebote des Satyagraha zu übertreten und sich auch aktiv für unmittelbare gesellschaftliche Veränderungen wie eine Landreform einzusetzen, die sich in erster Linie gegen die britischen Plantagenkapitalisten und dann gegen die feudalen Grundbesitzer wendete. Dies geschah besonders nach der russischen Revolution von 1917 und der Gründung einer kleinen, aber einflußreichen kommunistischen Partei in Indien, die auch in den Gewerkschaften verankert war. Der Ausgang der Massenkämpfe überflutete die Schleusen des Satyagraha und verschreckte die Kongreßführer und deren bürgerliche Basis, denen nicht der Sinn danach stand, einen Bauernkrieg oder den völligen Abriß ihrer Verbindungen zu den Maharadschas oder den Briten zu wagen.

Notiz: 1913 wurde Rabindranath Tagore mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und 1915 vom englischen König Georg V. zum Ritter geschlagen. Diese Auszeichnung lehnte Tagore im Jahr 1919 nach dem Amritsar-Massaker nachträglich ab.

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji, Jg. 1978, ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Er studierte Biologie an der TU Braunschweig und promovierte am Fraunhofer-Institut in Hannover. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Medizinischen Hochschule Hannover ist Bijon heute als Director of Business Development für ein österreichisches Biotechnologieunternehmen tätig. Bijon wohnt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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