In seiner Kolumne Punnams Welt setzt Bundesverdienstkreuzträger Jose Punnamparambil ein klares Zeichen gegen die zunehmende Stimmungsmache von Rechtspopulisten. Mit Fakten, Haltung und Weitblick zeigt er, warum Deutschland auf Zuwanderung angewiesen ist – und weshalb Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Stärke unserer Gesellschaft ist.

Die Welt ist in Bewegung geraten. Mittlerweile haben mehr als 280 Millionen Menschen ihre Geburtsländer verlassen, um sich anderswo eine Existenz aufzubauen. Diese globale Dynamik prägt auch Deutschland tief: Fast 25 Millionen Bürgerinnen und Bürger in unserem Land haben internationale Wurzeln. Während zwei Drittel dieser Menschen aus dem europäischen Raum zu uns kamen, verbindet das restliche Drittel Deutschland mit dem Rest der Welt – von Amerika bis Asien. Die größte Gruppe bilden nach wie vor die rund 2,9 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Hinzu kommen Millionen Mitbürger, die aus dem Nahen Osten oder afrikanischen Staaten stammen und unser Zusammenleben bereichern.
Gegenwärtig erleben wir jedoch, wie populistische Kräfte versuchen, diese Realität als Bedrohung darzustellen. Dabei übersehen sie die nackten demografischen Tatsachen: Unser Land altert in einem historischen Ausmaß. Die Lebenserwartung steigt erfreulicherweise immer weiter – Männer erreichen heute im Schnitt fast 79 Jahre, Frauen über 83 Jahre. Da gleichzeitig zu wenige Kinder geboren werden, droht der Bevölkerung ohne Zuwanderung ein drastischer Schrumpfungsprozess. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Es fehlen die jungen Schultern, um die sozialen Sicherungssysteme zu tragen und den erarbeiteten Wohlstand zu sichern. Diesen Geburtenmangel können wir nur durch Zuwanderung ausgleichen – es sei denn, wir würden kollektiv zu den kinderreichen Familienstrukturen früherer Generationen zurückkehren, was unrealistisch ist.
Die Menschen, die aus Asien, dem Nahen Osten, Afrika oder Lateinamerika zu uns kommen, bringen genau das mit, was Deutschland fehlt: Sie sind meist jung und hochmotiviert. Viele besitzen solide Schulabschlüsse, und unter ihnen finden sich zahlreiche Akademiker, Handwerker und IT-Spezialisten. Sie kommen mit der Bereitschaft, sich auf die neue Kultur einzulassen und hier eine neue Heimat zu finden.
Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass viele von ihnen durch Kriege, Vertreibung oder Naturkatastrophen abrupt aus ihrer Heimat gerissen wurden. Es ist nur verständlich, dass sie nicht sofort über alle Voraussetzungen verfügen, um sich in einer hochkomplexen, technisierten Gesellschaft wie der unseren zurechtzufinden. Integration gelingt nicht von heute auf morgen. Sie braucht Zeit, Geduld und eine zutiefst humane, zugewandte Unterstützung durch die Aufnahmegesellschaft.
Wir befinden uns mitten im tiefgreifenden Umbau unserer Industriegesellschaft. Klimaschutz und Digitalisierung sind die Jahrhundertaufgaben unserer Zeit. Doch genau diese Krisen – Dürren, Brände und Überschwemmungen – vertreiben weltweit Menschen aus ihrer Heimat. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass bis Mitte des Jahrhunderts weit über 200 Millionen Menschen wegen ökologischer Veränderungen fliehen müssen. Der Publizist Dr. Parag Khanna spricht daher zu Recht vom anbrechenden „Zeitalter der Migration“. Zu glauben, Deutschland könne sich von diesen globalen Umbrüchen einfach abschotten, ist eine gefährliche Illusion.
Wie bereichernd das Miteinander sein kann, zeigt ein Blick in unsere Großstädte. In Köln etwa leben Menschen aus rund 180 Nationen völlig friedlich und produktiv Nachbarschaft an Nachbarschaft. Diese Vielfalt ist kein theoretisches Konstrukt, sondern längst gelebter Alltag in Deutschland, wo inzwischen über zehn Millionen Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft zu unserer Gesellschaft gehören.
Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks müssen wir die Weichen richtig stellen. Es liegt in unserem ureigenen Interesse, den Menschen, die Schutz und Zukunft bei uns suchen, mit Offenheit zu begegnen. Wir müssen die Strukturen für eine echte Beheimatung stärken und attraktive Perspektiven schaffen.
Einwanderer und Geflüchtete sind kein Minusgeschäft für unsere Gesellschaft. Sie bringen nicht nur dringend benötigte Arbeitskraft mit, sondern auch neue Sichtweisen, Resilienz und kulturelle Impulse, die uns zukunftsfähig machen. Die allermeisten von ihnen wollen Teil unseres Gemeinwesens werden. Begleiten wir sie auf diesem Weg – nicht mit Skepsis, sondern mit Respekt, Menschlichkeit und einer gelebten Praxis der Solidarität. Am Ende geht es nur miteinander, nicht gegeneinander.

Anm. d. Red.: Bundesverdienstkreuzträger und Tagore-Preisträger Jose Punnamparambil ist einer der bedeutendsten deutsch-indischen Publizisten der Gegenwart, u.a. Gründer der Zeitschrift „Meine Welt“ und seit 2025 als Kolumnist für theinder.net tätig (Pressemitteilung).
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