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Mi, 25. November, 2020
Start 20 Jahre theinder.net Priya Esselborn: "Pressefreiheit in Indien: ziemlich beschämend"

Priya Esselborn: “Pressefreiheit in Indien: ziemlich beschämend”

Foto: (c) Deutsche Welle / M. Müller

Priya Esselborn ist Journalistin und für die DW Akademie der Deutschen Welle tätig. Die DW Akademie setzt sich für das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit ein. Im Rahmen unserer Jubiläumsinterviewreihe sprachen wir mit Priya, selbst ein Kind der 2. Generation, über ihre persönlichen Begegnungen und Erinnerungen an die Kooperation mit theinder.net, wollten jedoch auch wissen, was sie derzeit macht.

Priya, danke, dass Du einem vollen Terminplan zum Trotz ein wenig Zeit für uns hast. theinder.net wurde in diesem Jahr 20 Jahre alt – Du warst bereits damals für die Deutsche Welle tätig und hast unsere Aktivitäten ab den ersten Jahren mitverfolgt. Wie hast Du von uns erfahren und was waren Deine ersten Eindrücke?

Ich habe 2003 angefangen, für die Deutsche Welle zu arbeiten, es sind also noch nicht ganz 20 Jahre. Ich fand es beeindruckend, dass sich eine Handvoll Leute der zweiten Generation von Indern in Deutschland ehrenamtlich zusammentun und multimedial versuchen, Indien mit all seinen Facetten darzustellen bzw. die Fragen aufzugreifen, die für uns junge Menschen – ich gehöre ja auch zur zweiten Generation – relevant sind. Viele Diskussionen haben mich wirklich persönlich berührt. Tobias Grote-Beverborg (Anm. d. Red.: ehemaliger Nachrichtenredakteur bei theinder.net) arbeitete schon für die DW zu der Zeit und ich glaube, durch ihn habe ich zum ersten Mal vom “Indernet” erfahren. Später kam ja auch Arunava Chaudhuri (Anm. d. Red.: ehemaliger Sportredakteur bei theinder.net) zur DW. Ein Eindruck von mir war auch, dass ich gar nicht wusste, wie viele Inder es in Deutschland gibt und wie viele Subkulturen: von den Bengalen, zu den Malayalees usw., aber dass theinder.net allen eine Stimme gibt und sie miteinander vereint. Theinder.net war so etwas wie eine Art Botschafter, dies war mein Eindruck.

Fast alle Beteiligten unseres Portals waren oder sind keine ausgebildeten Journalisten. Dennoch hat die DW uns das Vertrauen geschenkt. Danke, doch woran lag das?

Ich glaube, es lag daran, dass die Informationen wirklich “Hand und Fuß” hatten. Es schrieben Leute, die von der Thematik Ahnung hatten, die gut vernetzt waren, die auch spannende Themen und Fragen zu Identität, Integration und Heimat angegangen sind. Sie schrieben für ein junges Publikum und repräsentierten es auch.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine engere Zusammenarbeit und z.B. das Portal southasia.de wurde von Euch gegründet. Was war die Idee des Portals und warum wurde es eingestellt?

Die Idee von southasia.de war es, die gewaltigen Umwälzungen in dieser immer bedeutender werdenden Weltregion Südasien darzustellen: politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Immerhin sind dort etwa zwei Milliarden Menschen beheimatet, das ist ein Viertel der Weltbevölkerung. Die Länder teilen eine gemeinsame Geschichte und haben viele kulturelle Ähnlichkeiten, trotz aller politischen Differenzen. Das Portal wurde nicht eingestellt, sondern ist aufgegangen in der zielgerichteten regionalen, multimedialen Asien-Berichterstattung der DW, z.B. unter https://www.dw.com/en/topstories/asia/s-12758 bzw. https://www.dw.com/de/themen/asien/s12326. Viele Kolleginnen und Kollegen aus Indien, Pakistan und Bangladesch arbeiten für die Rubrik “Asien” in Englisch und Deutsch und das Asien-TV-Magazin, das in Berlin produziert wird. Einer der Moderatoren ist übrigens Biresh Banerjee aus Indien. Asien ist eine ganz wichtige Zielregion für die DW.

Du hast damals unsere “Mahanagar Lounge” 2005 in Köln anlässlich der Fluthilfe für Kerala besucht und darüber berichtet.

Ich fand die Veranstaltung extrem professionell organisiert, tolle Location über den Dächern Kölns, tolles Ambiente. Ich glaube, es hat auch viele Non-Desis angesprochen. 2005 war die Indien-Welle gerade auf ihrem Höhepunkt. Shahrukh Khan-Filme liefen auf RTL II, Indien war hip, modern, vielseitig, farbenfroh. Diese 180 Grad-Wendung fand ich beachtlich. Noch in den 1980er und 1990er Jahren, zu meiner Schulzeit, wurde Indien mit Hungersnöten, Kinderarbeit, Gandhi und Yoga in Verbindung gebracht: Klischees eben. Ich fand es prima, dass theinder.net sich auch für humanitäre Belange einsetzt, damit auch ein Zeichen der Solidarität setzt und Brücken schlägt.

Du warst damals für die Hindi-Redaktion der DW tätig, was ist die Idee solcher sprachlich eigenen Ressorts, wer ist die Zielgruppe?

Ja, ich habe die Hindi-Redaktion bis 2013 geleitet. Als ich die Redaktion 2007 zunächst kommissarisch übernommen habe, war es eine Redaktion, die zwei Radiosendungen über Kurzwelle in Indien und über Rebroadcaster ausgestrahlt hat. Der Druck war für mich und die Kollegen gegeben, sich multimedial aufzustellen, weil natürlich die Kurzwelle vor dem Aus stand. Unser Hindi-Programm wurde über Kurzwelle vor allem in den ländlichen Regionen Indiens im Hindi-Gürtel gehört und war lange sehr populär: wir bekamen wirklich bergeweise Hörerpost. Deutschland hatte ja anders als die Kollegen der BBC keine koloniale Vergangenheit und anders als Voice of America und die USA wurde Deutschland auch nicht als ein Land gesehen, das seine eigenen Interessen durchsetzen will.

Um welche Themen ging es?

Unser Programm morgens und abends zur Primetime war eine Nachrichtensendung, die internationale Themen, deutsche Themen und Spezialthemen wie Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Frauen, Kultur, Sport, Jugend usw. aufbereitet hat. Inzwischen ist die Zielgruppe globaler geworden und nicht mehr territorial beschränkt. Das Programm richtet sich im Internet und im TV an ein jüngeres, urbanes Publikum, das an globalen Themen interessiert ist, in den Sozialen Medien steht die Interaktion und Diskussion auch sehr im Vordergrund. Es ist die Herausforderung, vor der so viele Medien stehen: sich einen USP geben, denn in unserer schnelllebigen Zeit hat das Publikum die Wahl und die Aufmerksamkeitsspanne wird immer geringer.

Hast Du sonst die Aktivitäten insbesondere der 2. Generation der in Deutschland lebenden Inder/innen verfolgt?

Eine Zeitlang ja. Ich habe geschaut, wann wieder ein Hindi-Film im Kino lief, ich war in Köln und Hamburg regelmäßig bei der Indien-Woche, bei Veranstaltungen des indischen Generalkonsulats in Hamburg oder der indischen Botschaft in Berlin, war bei der Durga Puja in Köln und bei anderen Festlichkeiten. Es ist aber bei mir auch weniger geworden bzw. beschränkt sich jetzt auf den kleinen Kreis von indischen Verwandten, Freundinnen und Freunden, also eher auf den privaten Rahmen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich für mich eine Balance zwischen meiner indischen und deutschen Seite gefunden habe und mich inzwischen auch, seit ich selbst Mutter geworden bin, andere Themen ansprechen.

Was machst Du heute bei der Deutschen Welle, wie stark engagierst Du Dich noch in den verschiedenen Ländern Südasiens?

Ich bin seit 2013 für die DW Akademie tätig. Die DW Akademie stärkt das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit. Gemeinsam mit unseren Partnern setzen wir uns in über 50 Ländern weltweit für die Schaffung freier Mediensysteme, den Zugang zu Information und Bildung ein und für unabhängigen Journalismus. Ich bin verantwortlich für Medienprojekte in Indien, z.B. Mediendialoge, als auch das gesamte Länderprogramm Bangladesch. Dort arbeiten wir z.B. mit Universitäten an Lehrplanreformen mit Community Radios, zur finanziellen Überlebensfähigkeit von Medien, zu Fake News etc. – das ist eine sehr vielseitige Arbeit, die es mir erlaubt, meine Erfahrung als Journalistin auch konzeptionell einzubringen. Finanziert werden diese Langzeitprojekte unter anderem vom BMZ (Anm. d. Red.: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), dem Auswärtigen Amt oder auch der EU-Kommission.

Es wird häufig berichtet und auch der Journalist Rainer Hörig sagte uns dies in einem Interview, dass in Indien die Pressefreiheit Stück für Stück eingeschränkt wird. Kannst Du das bestätigen, was ist da momentan los?

Ich kann das leider bestätigen. 2020 ist Indien weitere zwei Plätze in der Rangliste der Pressefreiheit von “Reporter ohne Grenzen” auf Rang 142 gefallen. Bei 180 untersuchten Ländern ist das für die größte Demokratie der Welt ziemlich beschämend. Ich weiss von Journalistenkollegen, dass sie ihre Berichterstattung zurückziehen oder “gefälliger” machen mussten, um den Druck von oben zu genügen, dass sie Selbstzensur geübt haben, auf Facebook getrollt worden sind oder anonyme Anrufe bekommen haben, die der ganzen Familie drohen. Freunde von mir haben ihre Anstellung gekündigt, sind ausgebrannt oder depressiv. Die BJP um Premierminister Modi verfügt über ein hervorragendes Propaganda-System. Indien, das sich seit dem Unabhängigkeitskampf mit seiner mutigen und diversen Medienlandschaft schmücken konnte, hat sich sehr zum Schlechten verändert. Die Polarisierung in der Gesellschaft, das Unterdrücken von Minoritäten und generell Andersdenkenden ist auch in den Medien sichtbar. Das finde ich einen sehr besorgniserregenden Trend. Das Informationsvakuum wird über die Sozialen Medien gefüllt, die voller Falschmeldungen und Gerüchte sind.

Man wünschte sich ein schöneres Schlusswort, das ist jedoch ein Thema, das uns alle angeht. Danke für Deine offenen Antworten.

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji, Jg. 1978, ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Er studierte Biologie an der TU Braunschweig und promovierte am Fraunhofer-Institut in Hannover. Nach Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Medizinischen Hochschule Hannover ist Bijon heute als Director of Business Development für ein österreichisches Biotechnologieunternehmen tätig. Bijon wohnt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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