StartWirtschaftMärkte & FinanzenWarum verliert Indien seinen Vorsprung an den Börsen Asiens?

Warum verliert Indien seinen Vorsprung an den Börsen Asiens?

Noch vor anderthalb Jahren schien Indiens Börse uneinholbar. Der Marktwert der gelisteten Unternehmen lag damals etwa dreieinhalbmal so hoch wie jener Südkoreas und deutlich über Taiwan. Heute ist von diesem Vorsprung kaum etwas geblieben. Eine Momentaufnahme?

Grafik: Verschiebung der Marktkapitalisierung: Südkorea vor Indien, Datenquelle: Bloomberg

Nachdem Taiwan Indien Ende Mai vom fünften Platz der weltweit größten Aktienmärkte verdrängt hatte, ist inzwischen auch Südkorea vorbeigezogen. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 5 Billionen US-Dollar liegt der südkoreanische Aktienmarkt derzeit vor Indien, dessen Börsenwert auf etwa 4,85 Billionen Dollar gesunken ist.

Der Rückgang in der Rangliste mag auf den ersten Blick überraschen. Schließlich wächst die indische Wirtschaft weiterhin deutlich schneller als die meisten großen Volkswirtschaften der Welt. Seit Jahren gilt das Land als die große Wachstumsstory unter den Schwellenländern. Internationale Investmentbanken überschlagen sich regelmäßig mit Prognosen über Indiens wirtschaftlichen Aufstieg, die wachsende Mittelschicht und die Chancen einer jungen Bevölkerung.

Doch die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten zeigen, dass Wirtschaftswachstum allein nicht ausreicht, um Anleger dauerhaft zu begeistern. Entscheidend ist, wo die Gewinne der Zukunft entstehen. Und derzeit konzentrieren sich die globalen Kapitalströme vor allem auf jene Unternehmen, die im Zentrum des weltweiten KI-Booms stehen.

Davon profitieren insbesondere Taiwan und Südkorea. Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) hat sich zum Symbol der KI-Revolution entwickelt. Praktisch jedes große KI-Modell, jede moderne Rechenzentrumsinfrastruktur und ein erheblicher Teil der weltweiten Hochleistungschips hängen direkt oder indirekt von den Fertigungskapazitäten des Konzerns ab. In Südkorea profitieren Samsung Electronics und SK Hynix von der rasant steigenden Nachfrage nach Speicherchips und weiteren Schlüsselkomponenten für KI-Anwendungen.

Die starke Kursentwicklung dieser Unternehmen hat die Aktienmärkte beider Länder auf neue Höchststände geführt. Während Anleger Milliarden in die technologische Infrastruktur der KI-Revolution investieren, fehlt Indien bislang ein vergleichbares Börsenschwergewicht. Das Land verfügt zwar über eine starke IT-Dienstleistungsbranche und eine wachsende Digitalwirtschaft, spielt jedoch in den für den aktuellen KI-Boom entscheidenden Bereichen – insbesondere bei Halbleitern und Hochleistungsrechenzentren – bislang keine führende Rolle.

Gleichzeitig geraten die Schwächen der indischen Investmentstory stärker in den Fokus. Nach mehreren Jahren kräftiger Kursanstiege waren viele indische Aktien zuletzt hoch bewertet. Das Gewinnwachstum zahlreicher Unternehmen konnte mit diesen Erwartungen nicht Schritt halten. Hinzu kommen Kapitalabflüsse internationaler Investoren, die ihre Portfolios zunehmend in Richtung der großen KI-Gewinner umschichten. Auch die anhaltende Schwäche der Rupie gegenüber dem US-Dollar belastet die Attraktivität des Marktes für ausländische Anleger.

Die Entwicklung wirft damit eine grundsätzliche Frage auf: Wurde Indien in den vergangenen Jahren an den Kapitalmärkten womöglich zu stark als unvermeidlicher Gewinner der globalen Wirtschaftsentwicklung betrachtet?

Tatsächlich werden viele der Argumente für Indien seit Jahren wiederholt: die günstige Demografie, steigender Konsum, Urbanisierung und Digitalisierung. Diese Faktoren sind zweifellos relevant. Doch sie garantieren weder dauerhaft hohe Unternehmensgewinne noch automatisch steigende Aktienkurse. Anleger bezahlen an der Börse nicht für Bevölkerungswachstum oder politische Visionen, sondern für zukünftige Cashflows.

Gerade hier zeigt sich ein Unterschied zu Taiwan und Südkorea. Während dort Unternehmen entstehen konnten, die in globalen Wertschöpfungsketten eine nahezu unersetzliche Stellung einnehmen, fehlt Indien bislang ein vergleichbares industrielles Fundament in den technologischen Schlüsselbereichen der Gegenwart. Die Hoffnung, dass das Land automatisch zu den größten Gewinnern des KI-Zeitalters gehören wird, bleibt daher vorerst eine These – keine Gewissheit.

Das bedeutet nicht, dass Indien langfristig an Bedeutung verliert. Das Land verfügt weiterhin über erhebliche Potenziale in Bereichen wie digitaler Infrastruktur, Rechenzentren, Energieversorgung und Softwaredienstleistungen. Auch die Verlagerung globaler Lieferketten könnte Indien in den kommenden Jahren zugutekommen.

Die jüngsten Verschiebungen in der Börsenrangliste sind dennoch ein wichtiger Hinweis darauf, wie schnell sich die Präferenzen der Investoren ändern können. Noch vor wenigen Jahren galt Indien als die nahezu alternativlose Wachstumswette unter den Schwellenländern. Heute fließt ein erheblicher Teil des internationalen Kapitals dorthin, wo die technologische Grundlage der KI-Revolution geschaffen wird.

Der Abstieg hinter Taiwan und Südkorea ist daher mehr als eine statistische Randnotiz. Er zeigt, dass Anleger zunehmend zwischen wirtschaftlicher Hoffnung und tatsächlicher Wertschöpfung unterscheiden. Indien mag eine der spannendsten Volkswirtschaften der kommenden Jahrzehnte sein. Ob es deshalb auch einer der besten Aktienmärkte sein wird, ist eine ganz andere Frage.

Quellen:

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Bijon Chatterji (*1978) ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach dem Biologiestudium in Braunschweig promovierte und forschte er rund zehn Jahre in Hannover, bevor er in die Industrie wechselte. Seit über einem Jahrzehnt ist er in globaler Verantwortung für Biotechnologieunternehmen tätig, u.a. mit besonderem Fokus auf Indien. Von 2012 bis 2016 war er Mitglied der Auswahlkommission des Programms "Deutsch-Indisches Klassenzimmer" der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi. Seit 2018 ist er Mitorganisator des "Hanseatic India Colloquium" in Hamburg, referierte u. a. am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil.

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