Neu-Delhi. Indien erlebt einen weiteren Sommer der Extreme. Während Temperaturen in Teilen Nord- und Zentralindiens seit Wochen deutlich über den jahreszeitlichen Durchschnittswerten liegen, sorgt eine neue wissenschaftliche Studie für Aufmerksamkeit: Nach ihren Berechnungen könnten Hitzewellen in Indien jährlich zwischen mehreren Tausend und bis zu 30.000 zusätzliche Todesfälle verursachen – deutlich mehr als bislang in offiziellen Statistiken erfasst wird.

Die Untersuchung, die Ende Mai im Fachjournal Frontiers in Environmental Health veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass bereits ein einzelner Tag extremer Hitze landesweit rund 3.400 zusätzliche Todesfälle nach sich ziehen könnte. Dauert eine Hitzewelle fünf Tage an, steigt die Zahl der geschätzten zusätzlichen Todesfälle auf etwa 30.000.
Die Autoren der Studie stützen sich auf frühere Forschungen zu den Auswirkungen extremer Temperaturen in zehn indischen Großstädten und übertragen deren Ergebnisse auf die nationale Ebene. Dabei kombinierten sie Bevölkerungs- und Sterbedaten mit klimatischen Klassifizierungen verschiedener Regionen des Landes.
Deutliche Diskrepanz zu Regierungsangaben
Die neuen Schätzungen stehen in auffälligem Gegensatz zu den bislang von indischen Behörden veröffentlichten Zahlen. Nach Angaben des Ministeriums für Geowissenschaften starben zwischen 2018 und 2022 insgesamt knapp 3.800 Menschen an hitzebedingten Ursachen. Die Wissenschaftler argumentieren jedoch, dass solche Zahlen die tatsächliche Belastung erheblich unterschätzen könnten.
Der Grund liegt in der Methodik. Während offizielle Statistiken meist nur unmittelbar als „Hitzschlag“ registrierte Todesfälle erfassen, arbeitet die Studie mit dem Konzept der Übersterblichkeit. Dabei werden sämtliche Todesfälle während extremer Hitzeperioden betrachtet und mit den statistisch zu erwartenden Werten verglichen. Auf diese Weise lassen sich auch indirekte Folgen extremer Temperaturen erfassen, etwa die Verschärfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemwegsproblemen.
Fachleute sehen darin einen wichtigen Fortschritt. Die tatsächlichen Auswirkungen von Hitzewellen blieben bislang häufig unsichtbar, weil viele Todesfälle nicht als hitzebedingt registriert würden.
Arme Bundesstaaten besonders betroffen
Besonders stark betroffen wären nach den Berechnungen bevölkerungsreiche Bundesstaaten im Norden und Zentrum Indiens. Allein Uttar Pradesh könnte während einer fünftägigen Hitzewelle mehr als 8.000 zusätzliche Todesfälle verzeichnen. Es folgen Bihar, Madhya Pradesh, Rajasthan und Gujarat.
Auffällig ist dabei die soziale Dimension des Problems. Die fünf am stärksten betroffenen Bundesstaaten stellen zwar weniger als ein Drittel der Wirtschaftsleistung des Landes, tragen jedoch einen weit überproportionalen Anteil der geschätzten hitzebedingten Sterblichkeit. Die Forscher sprechen deshalb von einer Form ökologischer Ungerechtigkeit: Die Regionen mit den geringsten finanziellen Möglichkeiten zur Anpassung an den Klimawandel seien zugleich den größten Risiken ausgesetzt.
Auch auf lokaler Ebene zeigen sich deutliche Unterschiede. Zu den besonders gefährdeten Städten und Distrikten zählen Ahmedabad, Jaipur und Surat sowie mehrere Städte im Bundesstaat Uttar Pradesh.
Klimawandel verschärft die Lage
Indien zählt zu den Ländern, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass Hitzewellen in Südasien häufiger, länger und intensiver werden. Zugleich leben Millionen Menschen unter Bedingungen, die einen wirksamen Schutz vor extremer Hitze erschweren: in dicht besiedelten Städten, schlecht isolierten Wohnungen oder als Arbeitskräfte im Freien.
Die Autoren der Studie weisen zudem darauf hin, dass ihre Berechnungen eher konservativ ausfallen könnten. So werden beispielsweise hohe Luftfeuchtigkeit und die daraus resultierende Belastung für den menschlichen Körper nur begrenzt berücksichtigt. Gerade in den Küstenregionen des Landes könnte die tatsächliche Gesundheitsgefährdung daher noch höher liegen.
Forderungen nach besserer Vorsorge
Angesichts der Ergebnisse mehren sich die Forderungen nach einer stärkeren politischen Reaktion. Experten verlangen eine bessere Erfassung hitzebedingter Todesfälle, den Ausbau von Frühwarnsystemen sowie die stärkere Einbindung von Hitzeschutzmaßnahmen in die öffentliche Gesundheitsvorsorge.
Bislang gelten Hitzewellen in Indien nicht als nationale Naturkatastrophe. Dadurch stehen den Bundesstaaten nur begrenzte finanzielle Mittel für Präventions- und Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung. Die neue Studie dürfte die Debatte darüber weiter befeuern, ob extreme Hitze künftig ähnlich behandelt werden sollte wie Überschwemmungen, Zyklone oder Erdbeben.
Die zentrale Botschaft der Forscher ist eindeutig: Hitzewellen sind längst nicht mehr nur meteorologische Ereignisse. Sie entwickeln sich zunehmend zu einer der größten gesundheitlichen Herausforderungen des Landes.
Quellen:
- Narang, Piyush; Gadgil, Ashok: Estimating Heatwave-Associated Excess Mortality Across India Using District-Level Population and Climate Data, Frontiers in Environmental Health, 26. Mai 2026
- Perinchery, Aathira: Depending on Their Duration, Heatwaves May Be Causing 3,400 to 30,000 Excess Deaths Every Year in India: Study, The Wire, 31. Mai 2026
- Multi-Country Multi-City Collaborative Research Network et al.: Extreme Heat and Mortality in Ten Indian Cities (2008–2019), The Lancet Planetary Health / Forschungsverbund, 2024
- India Meteorological Department (IMD): Heat Wave Guidelines and Operational Definitions, India Meteorological Department, laufend aktualisierte Fassung 2025/2026
- Ministry of Earth Sciences (Government of India): Statement on Heat-Related Mortality and Extreme Weather Events, Government of India, August 2025
- HeatWatch India: Heat Stress, Mortality and Adaptation in India, HeatWatch India, 2024–2026
- World Health Organization (WHO): Climate Change, Heat and Health Factsheet, World Health Organization, aktualisierte Fassung 2025






