StartHintergrundKolumnenChalo, Auntie! - "Der wahre Schatz von Keonthal"

Chalo, Auntie! – „Der wahre Schatz von Keonthal“

Über eine aufrechte Eidgenossin im Himalaya, einen knuffigen König in Jeans und das ewige Erbe der Macht, schreibt Edita Truninger in ihrer Kolumne „Chalo, Auntie!“.

Foto: (c) E. Truninger

2006 werde ich an die Ausläufer des Himalayas in ein ehemaliges Königreich entsandt. Dort soll ich bei einer Rajputen-Familie wohnen und ihr royales Kabuff inventarisieren. Ausgerechnet ich soll die Monarchie beschnuppern?! Als Eidgenossin bin ich auf nichts stolzer als auf die direkte Demokratie unseres Landes. Nirgendwo sonst auf der Welt hat der Wille des Volkes einen so hohen Stellenwert. Wir stimmen über wirklich alles ab: Ob auf Autovordersitzen eine Gurtentragepflicht gelten soll (1980), ob die Schweiz der EU (damals noch EWR) beitreten soll (1992), ob es für Mütter neben dem bereits existierenden Kündigungsschutz auch eine Entschädigung für den Erwerbsausfall geben soll (2005) oder ob der bezahlte Vaterschaftsurlaub von zwei Tagen auf zwei Wochen ausgeweitet werden soll (2020). Theoretisch kann fast alles zur Abstimmung gebracht werden – auch Forderungen, die von Beginn weg chancenlos sind. So etwas wie ein Verfassungsschutz existiert nicht. Das letzte Wort liegt immer beim Volk.

Stolz sind nur die anderen

Das Irrwitzige daran: Obwohl wir alle gemeinsam die Schweiz zu dem geformt haben, was sie heute ausmacht, beäugen wir jede Form von Nationalstolz mit Argwohn. Natürlich flattert im einen oder anderen Vorgarten die Nationalfahne: weisses Kreuz auf rotem Grund. Doch spätestens bei der Nationalhymne hört der Spaß auf. Diese hat im Alltag ausser im Sport nichts verloren. Niemals würden Lehrer:innen von Schulkindern verlangen, dass sie vor Schulbeginn die Nationalhymne singen. Auch das Wörtchen «wir» will uns partout nicht über die Lippen – und an jeder Fussball-Weltmeisterschaft wundern wir uns von Neuem, mit was für einer Selbstverständlichkeit Talk-Gäste im deutschen Fernsehen die Wir-Form nutzen, wenn sie von ihrer Mannschaft sprechen. Es will auch jede:r seine Wurzeln anderswo verorten. Aussagen wie: «Ich bin zu einem Achtel Italienerin und zu einem Sechzehntel Engländerin» sind weit verbreitet. Damit, dass ich «nur» Schweizerin bin und keine anderen Herkünfte vorweisen kann, habe ich schon manchen Gesprächspartner enttäuscht. Fast wird erwartet, dass man ein Mischgewächs ist – aber aussehen soll man doch lieber wie eine «normale» Schweizerin. Kompliziert, diese Regeln – aber vertraut.

Hilfe, ich kann nicht knicksen!

Der Monarchie hingegen begegne ich mit leichtem Unbehagen. Königreiche gibt es für mich nur im Märchen. Deshalb frage ich mich auf fast kindliche Art am Vorabend meiner Entsendung: Werden die Mitglieder der Königsfamilie schwere Brokatgewänder tragen, auf Pferden reiten und in riesigen Betten schlafen wie in meinen Kinderbüchern? Ich weiss es nicht. Oh weh, nicht mal einen anständigen Knicks bringe ich zustande! Und auch den Spitznamen «Trampeltier» bin ich seit meiner Kindheit nie mehr losgeworden.

Die Anreise von Delhi aus ist ein Erlebnis: Von Kalka aus schlängelt sich ein kleiner Zug in einer mehrstündigen, malerischen Fahrt nach Shimla. Mit dem Taxi geht es dann noch tiefer in die Pinienwälder hinein. Als das Fahrzeug auf den Vorplatz einbiegt, erblicke ich den amtierenden König von Keonthal – und die Nervosität verpufft: Vikram Sen steht vor seinem wunderschönen historischen Holzpalast, über ihm spannt sich ein kitschig-blauer Himmel – und er trägt Jeans und Pullover. Dabei lacht er so herzlich, dass die Spitzen seines Schnurrbarts beinahe seine Nasenflügel berühren. Der Mittvierziger sieht so knuffig aus – am liebsten würde ich ihn in die Pausbacken kneifen. Von der Sonnenterrasse seines Palastes auf circa 1500 Metern über Meer kann der Raja einen Grossteil seines Königreichs überblicken. 289 Quadratkilometer misst Keonthal, und ist damit etwas kleiner als die Insel Malta.

Ehrfurcht bei den Untertanen

Vergeblich halte ich nach einem Gestüt Ausschau. Stattdessen erweist sich Vikram Sen als stolzer Besitzer eines nigelnagelneuen knallroten Kleinwagens. Der kurz aufblitzende Gedanke, der König könnte vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher Mann sein, entpuppt sich schnell als Irrtum. In zackigem Tempo fährt er mich mit seinem roten Flitzer den Hügel hinab zum königlichen Gästehaus. Sobald die Untertanen ihren Raja auf dem Weg dorthin erkennen, halten sie inne und senken ehrerbietig die Köpfe. Selbst nach so vielen Jahren kommt mir das immer noch vor wie bei «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Junga ist winzig, es gibt nur eine geteerte Strasse. 200 Einwohnerinnen und Einwohner, mehr nicht. Die Hauptstadt seines Reichs durchquerte der König also damals in weniger als drei Minuten. Und dennoch: Es ist ein Königreich, ein altes noch dazu. Der Rajputenstaat wurde im 12. Jahrhundert von der Sen-Dynastie gegründet. Raja Veer Vikram bestieg den Thron 2002 als 103. König von Keonthal nach dem Tod seines Vaters. Beim Palastrundgang sehe ich mich verstohlen nach einem Thron um. Nichts. Der Raja deutet auf eine riesige Holztür. Dahinter befindet sich ein Safe, verrät er mir. Sind darin all die Schätze des Königreichs verborgen? Den Code kennt nur einer: der Raja selbst.

Eigene Kühe für das Lassi

«Als Prinzessin führe ich ein sehr einfaches Leben», erklärt mir später seine zwölfjährige Tochter Sunandini. Sie und ihr Bruder besuchen beide ein Internat. Sie liebt Sport und verbringt den ganzen Tag draussen an der frischen Luft. Selbst im Winter werden die Mahlzeiten auf der Sonnenterrasse eingenommen. Abends sitzt die Familie meist gemeinsam am offenen Feuer – die Gasheizung benutzen sie nicht, «weil das offene Feuer gesünder ist». Neben dem Palast halten sie eigene Kühe, die sie mit Milch versorgen. Zum Mittagessen trinken sie Lassi unter dem tiefblauen Himmel, die zurückbleibenden Milchschnauzer betonen ihre kernige Haferflocken-Gesundheit.

Keonthal gehörte ab 1915 zu den Shimla Hill States, eine administrative Verwaltungseinheit der britischen Kolonialherrschaft. Sie umfasste 19 Fürstenstaaten. Die Herrscherhäuser waren allesamt rajputischer Herkunft und behielten eine innere Autonomie. Sie durften eigene Gesetze erlassen, Steuern erheben, lokale Gerichte betreiben und Traditionen aufrechterhalten. Im Gegenzug für den Schutz durch die Briten mussten sie finanzielle Abgaben leisten. Eigene diplomatische Beziehungen zu anderen Ländern oder Fürstentümern ausserhalb der britischen Kontrolle zu pflegen, waren ihnen untersagt.

Die Demokratie ist eingekehrt – aber eine «royale»

Nach der Unabhängigkeit Indiens wurden die Shimla Hill States aufgelöst zur neuen Provinz Himachal Pradesh zusammengeschlossen. Mein demokratisches Herz könnte an dieser Stelle also aufatmen: Seit 1971 sind alle königlichen Privilegien und Titel offiziell abgeschafft. Der Rajputen-Titel Raja oder Mian haben heute nur noch symbolische Bedeutung, Volksvertreter müssen ganz normal gewählt werden.

Doch die alte Idylle von damals wurde längst von der Realität eingeholt. Mein damaliger, herzlicher Gastgeber ist vor einigen Jahren verstorben. Obwohl der alte König tot ist, sitzt die Familie fester im Sattel denn je. An die Stelle meines Gastgebers ist sein inzwischen 29-jähriger Sohn getreten: Khush Vikram Sen, der vor Kurzem für die konservative BJP die Regionalwahlen mit einem Erdrutschsieg gewonnen hat. Seine Feuertaufe auf der politischen Bühne erregt in Indien grosses Aufsehen, denn es gibt familiäre Verstrickungen: Die ältere Generation der Familie Keonthal ist tief mit dem Indian National Congress verwurzelt, der Himachal Pradesh jahrzehntelang politisch prägte. Pratibha Singh (geborene Prinzessin von Keonthal) ist die Schwester des verstorbenen Raja Veer Vikram Sen. Durch ihre Heirat mit dem legendären, sechsmaligen Chief Minister Virbhadra Singh wurde sie zur mächtigsten Frau der Landespolitik. Sie ist die aktuelle Präsidentin der Kongresspartei in Himachal Pradesh.

Während die ältere Verwandtschaft den schwindenden Einfluss der Kongresspartei repräsentiert, setzt der junge König Khush Vikram Sen auf die derzeit indienweit dominierende BJP, um seine eigene Zukunft aufzubauen.

Nach zwanzig Jahren zurück an der Macht

Vielleicht war es naiv zu glauben, ein Königreich verschwinde mit der Abschaffung seiner Krone. Doch 2006 wirkte es so: Ein hübsches Stück Vergangenheit, das zwischen Pinienwäldern und Himalayagipfeln überlebt hatte. Zwanzig Jahre später zeigt sich: Verschwunden ist sie nie. Die Titel mögen abgeschafft sein, doch die Macht hat lediglich ihre Form gewechselt. Als Schweizerin erstaunt mich das. Heute denke ich manchmal, dass der wertvollste Schatz gar nie hinter jener Holztür lag. Es war der Name der Familie selbst – ein Erbe, das auch nach dem Ende des Königreichs seinen Wert nicht verloren hat. Die Hüter von Junga fanden ihren Weg zurück an die Hebel der Macht.


Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger ist seit Februar 2026 wieder Kolumnistin für theinder.net. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung). Ein perfekter Brückenbau zwischen Europa und Indien.

Alle bisherigen Beiträge von Edita Truninger finden Sie hier.

Edita Truninger
Edita Truninger
Edita Truninger ist Schriftstellerin und Journalistin und wohnt in Thalwil bei Zürich. Sie ist Autorin von zwei Reiseromanen: Einer ist am Flughafen Zürich angesiedelt, der andere in Ägypten. Als Reporterin ist sie auch für die Neue Zürcher Zeitung sowie für renommierte Reisemagazine unterwegs. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt. 2008 veröffentlichte sie die siebenteilige Kolumne "Ewaabai" für theinder.net. Zuvor verbrachte sie sieben Monate in Indien. Nach der Rückkehr in die Schweiz fasste sie den Entschluss, mit der neuen Kolumne "Chalo, Auntie!" ihrem Schreiben mehr Raum zu geben.

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