„Aakhri Sawal“ präsentiert sich als Einladung zum Dialog über die RSS und ihre umstrittene Rolle in der indischen Geschichte. Doch gelingt dem Film tatsächlich eine ausgewogene Auseinandersetzung – oder bestätigt er am Ende vor allem die Sichtweise seiner Protagonisten?

Filme über die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) bewegen sich zwangsläufig auf vermintem Terrain. Die Organisation gilt ihren Anhängern als Motor gesellschaftlichen Engagements und kultureller Selbstbehauptung, während Kritiker sie als einen zentralen Akteur des hindu-nationalistischen Projekts in Indien betrachten. Abhijeet Mohan Warangs „Aakhri Sawal“ (dt. „Die letzte Frage“ bzw. „Die alles entscheidende Frage“) tritt mit dem Anspruch an, verbreitete Vorurteile über die RSS durch einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen einem Professor und seinem ehemaligen Schüler zu hinterfragen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der Film eine Position bezieht – das tut er offensichtlich –, sondern ob er seinen Anspruch auf ernsthaften Dialog und Differenzierung einlösen kann.
Die Handlung konzentriert sich auf Professor Gopal Nadkarni (Sanjay Dutt), einen RSS-nahen Akademiker, der von seinem ehemaligen Doktoranden Vicky Hegde öffentlich mit fünf kontroversen Fragen zur Geschichte und Rolle der Organisation konfrontiert wird. Aus einem akademischen Konflikt entwickelt sich ein nationales Medienspektakel. Themen wie Gandhis Ermordung, die Notstandszeit unter Indira Gandhi, die Babri-Moschee oder politische Gewalt in Kerala werden zu zentralen Streitpunkten einer ideologischen Auseinandersetzung.
Auf den ersten Blick bemüht sich der Film um eine dialogische Struktur. Tatsächlich erhält die Gegenseite Raum, Fragen zu stellen, und die Inszenierung betont immer wieder den Unterschied zwischen konstruktivem „Samvaad“ (Dialog) und destruktivem „Vivaad“ (Streit). Einige Kritiker haben darin einen ernsthaften Versuch gesehen, die Geschichte der RSS aus einer Perspektive zu erzählen, die im Mainstream oft unterrepräsentiert sei. Der Film verweist auf Hilfsaktionen der Organisation, ihre Selbstbeschreibung als Dienstgemeinschaft und die ideellen Grundlagen ihrer Nationenvorstellung. Auch extremistische Randerscheinungen werden zumindest punktuell angesprochen.
Gerade dort, wo Aakhri Sawal seinen Anspruch auf Differenzierung besonders deutlich einlösen müsste, werden jedoch die Grenzen des Projekts sichtbar. Die zentralen Antworten auf die fünf Fragen wirken häufig selektiv. Historische Kontroversen werden zwar angesprochen, aber selten in ihrer ganzen Komplexität entfaltet. Statt widersprüchliche Fakten nebeneinander stehen zu lassen oder Gegenargumente ernsthaft auszuleuchten, präsentiert der Film meist eine RSS-freundliche Lesart, auf die nur schwache oder gar keine Repliken folgen. Aus Sicht dieser Rezensentin wirkt das Ergebnis daher weniger wie eine offene Debatte als wie eine weitgehend kontrollierte Verteidigungsperspektive.
Besonders problematisch ist die Zeichnung der Gegenspieler. Während Nadkarni als besonnener, moralisch integrer Intellektueller erscheint, geraten linke Professoren, Oppositionspolitiker oder studentische Aktivisten häufig zu Karikaturen. Sie wirken manipulierend, überzeichnet oder opportunistisch. Dadurch entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht: Die Seite der RSS erhält Tiefe, Würde und historische Legitimation; ihre Kritiker werden oftmals auf Klischees reduziert. Wo echte Ambivalenz entstehen könnte, entscheidet sich der Film meist für moralische Eindeutigkeit.
Gerade deshalb fällt es schwer, Aakhri Sawal als wirklich ausgewogenen Beitrag zu bezeichnen. Der Film versucht zwar sichtbar, den Gestus des Dialogs zu kultivieren, doch die argumentative Architektur bleibt überwiegend asymmetrisch. Seine stärksten Momente entstehen nicht durch die präsentierten Antworten, sondern durch die Fragen selbst – durch die Erinnerung daran, dass die Geschichte der RSS weiterhin umkämpft ist und unterschiedliche Interpretationen zulässt.
Als Kinoerlebnis profitiert der Film erheblich von Sanjay Dutts Präsenz. Er verleiht seiner Figur Autorität und emotionale Glaubwürdigkeit. Auch Namashi Chakraborty hält in den zentralen Konfrontationen überzeugend dagegen. Weniger gelungen ist die Tendenz zur Überdramatisierung: Pathosgeladene Musik, lange Monologe und die starke Polarisierung der Figuren untergraben häufig die intellektuelle Spannung, die das Drehbuch eigentlich anstrebt.
Letztlich ist Aakhri Sawal kein unverhohlener Propagandafilm, aber auch keine wirklich offene Untersuchung seines Gegenstands. Er bewegt sich in einem Zwischenbereich: Er möchte als differenzierter Dialog erscheinen, argumentiert jedoch überwiegend aus einer RSS-freundlichen Perspektive. Seine Ambition, Gesprächsräume zu öffnen, ist erkennbar und teilweise respektabel. Sein größtes Defizit besteht darin, dass er den stärksten Gegenargumenten selten dieselbe argumentative Kraft zugesteht wie den eigenen Positionen.
Wer einen ausgewogenen historischen Diskurs über die RSS sucht, wird den Film wahrscheinlich als unzureichend empfinden. Wer verstehen möchte, wie sich die Organisation selbst und ihre Sympathisanten heute darstellen möchten, findet hingegen einen aufschlussreichen – wenn auch dramaturgisch oft vereinfachenden – Beitrag. In diesem Spannungsfeld liegt die eigentliche Bedeutung von Aakhri Sawal: weniger als Antwort auf die RSS-Frage als als Dokument darüber, wie diese Frage im heutigen Indien verhandelt wird.






