StartHintergrundKolumnenChalo, Auntie! oder: "Der Indian Wobble - das Ja auf Widerruf"

Chalo, Auntie! oder: „Der Indian Wobble – das Ja auf Widerruf“

Der Indian Wobble – ein ewiger Quell der Verwirrung zwischen Indien und Europa. Edita Truninger fragt sich, ob darin vielleicht eine Kunst steckt, die wir Europäer noch lernen müssen: das Ja auf Widerruf.

„Ja oder nein, das ist hier die Frage. Oder einfach nur ein ja auf Widerruf“, Foto KI-generiert.

Als ich damals zum ersten Mal nach Indien flog, war es schon beinah Frühling. Doch es schneite und schneite, bis sich der Baum im Garten unter den Schneemassen bog. Auf der vereisten Strasse schafften es meine Mutter und ich gerade noch rechtzeitig zum Flughafen. Dort nahmen wir Abschied voneinander. Es brach uns beiden das Herz. Damals fragte ich mich bang: Kann man Mutigsein lernen?

Heute bin ich so viel älter und stelle mir eine andere Frage, die jedoch den gleichen Ursprung hat: Kann man das Neinsagen lernen? Im Moment übe ich es gerade intensiv. Ich übe es, bis mir die Ohren wackeln. Und es gibt Tausende von Übungsfeldern! Das private Umfeld, die Arbeit, Haustiere: Bei meinen nach Futter bettelnden Katern Mikesch und Merlin kriege ich es schon ganz gut hin. Aber die beiden lieben mich ja auch heiss.

Überall sonst bin ich mir dessen nicht ganz so sicher, und offenbar ist es mir wichtig, geliebt zu werden. Es wäre so viel einfacher, wenn es einen Ruf als Arschloch zu verteidigen gäbe. Ich käme weiter im Leben.

Was das Üben schwierig macht: Es gibt so viele unterschiedliche Neins. Bei meinem Partner fällt es mir am leichtesten, weil ich unsere Bindung für unverbrüchlich halte. Je unsicherer ich mich mit einer Person gebunden fühle, desto schwerer fällt mir das Nein. Doch gerade dämmert mir, dass es auch unterschiedliche Formen von Ja gibt:

Ein Ja in der Schweiz fühlt sich schnell an wie ein Vertrag. Ein späteres Nein wird als Unehrlichkeit interpretiert. Oha. Dabei bin ich doch nur eine leidige Peoplepleaserin! In Indien lässt man da mehr Milde walten. Und man hat ganz andere Ausdrucksformen dafür: den «Indian wobble». Das ist ein uneindeutiges Wackeln mit dem Kopf, ein Zwicken aus dem Hals heraus. Und grundsätzlich – theoretisch – bedeutet dieses Wackeln Zustimmung.

Westlich geprägte Menschen sind vom Indian wobble oft sehr irritiert. Für sie sieht es aus wie ein Nein, das nicht in den Kontext passt. Nun frage ich mich: Ist das einfach eine kulturelle Eigenart, so wie der Daumen nach oben nicht in jedem Land für «okay» steht? Oder hat das Wackeln eben doch einen tieferen Sinn? Das Ja, das wie ein Nein aussieht, könnte auch bedeuten: Ich kann dir eine Zusicherung machen, sofern mir nichts dazwischenkommt. Ist der Indian wobble also nichts anderes als ein Ja, das bereits ein mögliches Nein enthält – ein Ja auf Widerruf?

Wenn dem wirklich so ist, muss ich sagen: Respekt. Rund um eine Schwäche, die ich einfach nicht loswerde, haben die Inder ein ganzes Kommunikationssystem gebaut. Und gerade beginne ich zu ahnen, dass mein eigentliches Problem gar nicht mein fehlendes Nein ist.

Auch wenn es an Selbstbetrug grenzt: Vielleicht ist mein sehr schweizerisches Verständnis von Ja das Problem. Etwas mehr Wobbling würde uns allen so guttun. Käme eine Fee vorbeigeflogen und würde mir anbieten, die Leute zu verwobbeln: Ich würde sofort ein Ja in die Luft zeichnen. Und das ganz ohne mit dem Kopf zu wackeln.


Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger ist seit Februar 2026 als Kolumnistin für theinder.net tätig. Ihre Kolumne „Chalo, Auntie!“ zeichnet sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung). Ein perfekter Brückenbau zwischen Europa und Indien, und ganz im Feuilleton zuhause.

Alle bisherigen Beiträge von Edita Truninger finden Sie hier.

Edita Truninger
Edita Truninger
Edita Truninger ist Schriftstellerin und Journalistin und wohnt in Thalwil bei Zürich. Sie ist Autorin von zwei Reiseromanen: Einer ist am Flughafen Zürich angesiedelt, der andere in Ägypten. Als Reporterin ist sie auch für die Neue Zürcher Zeitung sowie für renommierte Reisemagazine unterwegs. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt. 2008 veröffentlichte sie die siebenteilige Kolumne "Ewaabai" für theinder.net. Zuvor verbrachte sie sieben Monate in Indien. Nach der Rückkehr in die Schweiz fasste sie den Entschluss, mit der neuen Kolumne "Chalo, Auntie!" ihrem Schreiben mehr Raum zu geben.

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