Indien gilt seit Jahrzehnten als „Apotheke der Welt“. Doch das Geschäftsmodell, das wesentlich auf der Produktion kostengünstiger Generika beruht, gerät unter Druck. Unternehmen und Regierung setzen deshalb zunehmend auf Biotechnologie, komplexere Arzneimittel und eigene Forschung. Der Übergang ist allerdings schwieriger, als manche industriepolitische Ankündigung vermuten lässt.

Indien gehört zu den wichtigsten Standorten der globalen Pharmaindustrie. Vor allem bei Generika hat sich das Land eine Stellung erarbeitet, die weit über den heimischen Markt hinausreicht. Kostengünstige Medikamente indischer Hersteller spielen insbesondere bei der Versorgung von Schwellen- und Entwicklungsländern eine zentrale Rolle. Auch in Europa und den USA sind indische Unternehmen längst fester Bestandteil der pharmazeutischen Lieferketten.
Doch gerade dieses Erfolgsmodell stößt zunehmend an Grenzen. Im klassischen Generikageschäft sind die Margen unter Druck geraten, während regulatorische Anforderungen und Produktionskosten steigen. Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Indiens pharmazeutische Unabhängigkeit weniger ausgeprägt ist, als der Begriff „Apotheke der Welt“ vermuten lässt. Bei pharmazeutischen Wirkstoffen und wichtigen Vorprodukten besteht weiterhin eine erhebliche Abhängigkeit von China.
Die indische Regierung versucht deshalb, einen größeren Teil der Wertschöpfung ins eigene Land zu holen. Programme wie die Production Linked Incentive (PLI) Scheme sollen Investitionen in die heimische Herstellung von Wirkstoffen und pharmazeutischen Ausgangsmaterialien fördern. Dahinter stehen sowohl wirtschaftliche als auch strategische Überlegungen. Die Erfahrungen mit unterbrochenen Lieferketten während der Pandemie haben deutlich gemacht, welche Risiken entstehen, wenn wesentliche Produktionsschritte auf wenige Länder konzentriert sind.
Eine schnelle Abkopplung von China ist dennoch kaum realistisch. Chinesische Hersteller verfügen bei zahlreichen Ausgangsstoffen über etablierte Produktionsstrukturen und erhebliche Skalenvorteile. Indische Unternehmen können entsprechende Kapazitäten aufbauen, müssen dabei aber mit höheren Kosten und teilweise auch technologischen Hürden rechnen. Mehr pharmazeutische Souveränität dürfte deshalb eher das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses sein als eines kurzfristigen industriepolitischen Programms.
Parallel dazu verändert sich die strategische Ausrichtung der Branche. Neben Generika gewinnen Biopharmazeutika, Biosimilars und andere komplexe Arzneimittel an Bedeutung. Unternehmen wie Biocon haben bereits gezeigt, dass indische Hersteller auch in anspruchsvolleren Segmenten international konkurrenzfähig sein können. Andere große Pharmakonzerne investieren verstärkt in Forschung, Entwicklung und spezialisierte Therapien.
Damit verändert sich auch die Frage, woran der Erfolg der indischen Pharmaindustrie künftig gemessen wird. Jahrzehntelang bestand eine ihrer größten Stärken darin, bekannte Wirkstoffe effizient und zu vergleichsweise niedrigen Kosten herzustellen. Im Geschäft mit innovativen Arzneimitteln reicht das nicht aus. Eigene Wirkstoffentwicklung erfordert langfristige Forschungsprogramme, hohe Investitionen und eine Infrastruktur, in der akademische Forschung, Biotechnologieunternehmen, Kliniken und Kapitalgeber enger zusammenarbeiten.
Hinzu kommt ein Problem, das sich nicht mit Investitionen allein lösen lässt: die Qualitätssicherung. Fälle verunreinigter Arzneimittel und Beanstandungen durch internationale Aufsichtsbehörden haben dem Ruf einzelner indischer Hersteller geschadet. Die verschärften Anforderungen des überarbeiteten „Schedule M“ sollen die Produktionsstandards stärker an internationale Good-Manufacturing-Practice-Anforderungen heranführen. Für große Unternehmen ist das grundsätzlich zu bewältigen. Für viele kleinere Hersteller können die notwendigen Investitionen in Anlagen, Dokumentation und Qualitätskontrolle dagegen erheblich sein.
Genau hier zeigt sich ein grundlegender Zielkonflikt. Indien möchte einerseits seine große und kostengünstige pharmazeutische Produktionsbasis erhalten, andererseits aber in technologisch anspruchsvollere Bereiche vorstoßen. Höhere Qualitätsstandards, mehr Forschung und größere regulatorische Anforderungen erhöhen zunächst die Kosten. Der bisherige Wettbewerbsvorteil niedriger Preise lässt sich daher nicht ohne Weiteres auf innovative Medikamente übertragen.
Auch der Aufbau eigener Forschung braucht Zeit. Indien verfügt über eine große Zahl gut ausgebildeter Naturwissenschaftler und eine etablierte pharmazeutische Industrie. Dennoch ist der Abstand zu den führenden Forschungsstandorten in den USA und Europa bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe weiterhin erheblich. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, aus wissenschaftlicher Kompetenz häufiger eigene Arzneimittel und Technologien hervorzubringen, statt Innovationen vor allem in späteren Entwicklungs- und Produktionsstufen zu übernehmen.
Die Bezeichnung „Apotheke der Welt“ dürfte Indien deshalb noch lange begleiten. Sie beschreibt einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes und sollte nicht vorschnell für überholt erklärt werden. Gleichzeitig reicht sie zunehmend nicht mehr aus, um die Ambitionen der Branche zu erfassen.
Indiens Pharmaindustrie befindet sich weniger vor einem vollständigen Bruch mit ihrem bisherigen Geschäftsmodell als vor dessen Erweiterung. Generika werden wichtig bleiben. Daneben soll jedoch eine Industrie entstehen, die bei Biosimilars, Biopharmazeutika und langfristig auch bei eigenen Wirkstoffentwicklungen international eine größere Rolle spielt. Ob dieser Übergang gelingt, wird nicht allein von staatlichen Förderprogrammen oder Investitionssummen abhängen. Entscheidend werden verlässliche Qualitätsstandards, langfristige Forschungsstrukturen und die Fähigkeit sein, aus industrieller Größe tatsächlich technologische Eigenständigkeit entstehen zu lassen.







