StartWissenBildung und WissenschaftAyurveda in Indien: Zwischen Heiltradition, Medizin und Wellness

Ayurveda in Indien: Zwischen Heiltradition, Medizin und Wellness

Ayurveda boomt in Deutschland. Doch wie sieht die Realität im Ursprungsland Indien aus? Zwischen Heiltradition, moderner Medizin, Forschung und Geschäft. Nina Rao und Tina Singh sprechen mit Experten und werfen einen Blick auf die wissenschaftliche Evidenz hinter dem Ayurveda-Boom.

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Symbolbild: KI-generiert / Reubens Stock Photos, Pixabay

Der Swimmingpool ist vielleicht kein schlechter Ausgangspunkt, um über Ayurveda zu sprechen. Manuela Böhme erinnert sich an europäische Patienten, die nach ihrer Ankunft in einer indischen Ayurveda-Einrichtung zunächst wissen wollten, ob es einen Pool gebe. Andere erwarteten tägliches Yoga, lange Spaziergänge oder möglichst das Meer vor der Tür. Für Böhme zeigt sich darin ein Missverständnis: „Ein ayurvedischer Behandlungszyklus ist kein Urlaub.“ Mahlzeiten könnten auf die Therapie abgestimmt, Aktivitäten eingeschränkt, selbst Yogastunden vom Behandlungsverlauf abhängig gemacht werden.

Böhme beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv mit traditionellem Ayurveda und begleitet Menschen, die für ayurvedische Behandlungen nach Indien reisen. Nach eigenen Angaben arbeitet sie eng mit dortigen Ayurveda-Ärzten zusammen und beschäftigt sich mit klassischen Texten und Sanskrit. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch Āyurveda-Therapie: Klischee und Tradition zusammengefasst.

„Ein ayurvedischer Behandlungszyklus ist kein Urlaub.“
– Manuela Böhme

Ihre Beobachtungen werfen eine größere Frage auf: Was ist eigentlich gemeint, wenn heute von Ayurveda gesprochen wird – in Europa ebenso wie in Indien?

Manuela Böhme beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit traditionellem Ayurveda und begleitet Menschen zu ayurvedischen Behandlungen in Indien. Foto: (c) M. Böhme

Mehr als Vata, Pitta und Kapha

In Deutschland begegnet Ayurveda vielen Menschen zunächst in Einzelteilen. Dosha-Tests bestimmen Vata, Pitta oder Kapha, Ashwagandha steht im Regal mit Nahrungsergänzungsmitteln, Massagen werden als ayurvedisch angeboten. Böhme sieht darin eine Verkürzung eines sehr viel umfassenderen Systems.

Dr. Jyoti Arora kommt aus einer anderen Richtung zu einem ähnlichen Befund. Sie ist Chief Dietitian und leitet den Bereich Integrative Dietetics am All India Institute of Ayurveda (AIIA) in Neu-Delhi, einer Einrichtung unter dem indischen Ministry of AYUSH. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich mit Ayurveda und Ernährung sowie deren Verbindung zur modernen Ernährungs- und Stoffwechselforschung.

Arora würde die Trennlinie allerdings nicht einfach zwischen Europa und Indien ziehen. Entscheidend sei vielmehr der Unterschied zwischen Ayurveda als klinischem Gesamtsystem und einzelnen, daraus herausgelösten Anwendungen. Auch in Indien kann Ayurveda zum Wellnessprodukt werden.

Im klinischen Ayurveda stehe vor einer Behandlung zunächst die Untersuchung. Innerhalb des ayurvedischen Systems werden neben der Erkrankung unter anderem Konstitution, aktueller Zustand, Ernährung, Lebensweise, Alter und Krankheitsstadium berücksichtigt. Ein Pflanzenpräparat oder eine bestimmte Anwendung lässt sich isoliert wissenschaftlich untersuchen. Ayurveda als Ganzes repräsentiert eine solche Einzelintervention jedoch nicht.

Was ist „authentischer“ Ayurveda?

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Tradition. Böhme orientiert sich stark an klassischen Texten und überlieferten Traditionslinien. Das bedeutet für sie jedoch keine überall identische Praxis. Behandlung und Anwendung könnten sich je nach Region, Tradition, Jahreszeit oder individuellem Patienten unterscheiden. Entscheidend sei, dass die grundlegenden Prinzipien und die innere Logik des Ayurveda gewahrt blieben.

Arora verwendet den Begriff „authentisch“ vorsichtiger. Ayurveda habe zwar einen erkennbaren gemeinsamen Kern, sei aber auch historisch kein vollkommen einheitliches System gewesen. Schon die großen klassischen Texte setzten unterschiedliche Schwerpunkte; hinzu kamen regionale Traditionen, lokale Heilpflanzen und verschiedene therapeutische Praktiken.

Die Unterschiede sind bemerkenswert, aber kein fundamentaler Gegensatz. Böhme betont stärker die Kontinuität der Tradition, Arora deren historisch gewachsene Vielfalt. Auch für Arora kann allerdings nicht beliebig alles als Ayurveda gelten: Die grundlegenden Prinzipien und die klinische Logik müssten erkennbar bleiben.

Die Vorstellung vom irgendwo in Indien unverändert konservierten „echten Ayurveda“ erweist sich damit selbst als Vereinfachung.

Panchakarma: drei Monate oder drei Wochen?

Besonders sichtbar wird die Spannung beim Panchakarma. International wird der Begriff häufig für ein- oder zweiwöchige „Detox“-Programme verwendet. Nach Böhmes Erfahrung und nach Gesprächen mit ihrem Lehrer Dr. N.N. Devan Namboothri, kann ein umfassender traditioneller Panchakarma-Behandlungszyklus etwa drei Monate umfassen.

Dr. Arora möchte sich hingegen nicht auf einen solchen Zeitraum festlegen. Entscheidend seien Indikation, Zustand des Patienten, eingesetzte Verfahren und individueller Verlauf. Eine allgemeingültige Dauer für Panchakarma gebe es nicht. Noch zurückhaltender ist sie beim Begriff „Detox“. Panchakarma wird im Ayurveda dem Konzept der shodhana, einer reinigenden oder eliminierenden Therapie, zugeordnet. Daraus lasse sich jedoch nicht ohne Weiteres die biomedizinische Behauptung ableiten, bestimmte „Toxine“ würden aus dem Körper entfernt. Dafür müsste zunächst gezeigt werden, um welche Substanzen es sich handelt und dass sie tatsächlich ausgeschieden werden.

Die Unterscheidung ist wichtig: Ein Konzept kann innerhalb eines traditionellen Medizinsystems eine bestimmte Bedeutung besitzen, ohne damit bereits einen naturwissenschaftlich nachgewiesenen Mechanismus zu beschreiben.

Behandlung oder Wellness?

Ähnlich wichtig ist die Frage, woran eine medizinisch ausgerichtete Einrichtung zu erkennen ist. Feste Behandlungspakete stehen zu dem Anspruch einer individuellen Therapie in einem gewissen Spannungsverhältnis. Erst sollte der Patient untersucht, dann die Therapie festgelegt und im Verlauf angepasst werden.

Arora stellt weniger auf das äußere Erscheinungsbild einer Einrichtung als auf ihre medizinischen Strukturen ab: qualifizierte und registrierte Ärzte, dokumentierte Untersuchungen und Verlaufskontrollen, klare Indikationen und Gegenanzeigen, Qualitäts- und Sicherheitsstandards sowie die Möglichkeit, bei Komplikationen an andere medizinische Einrichtungen zu überweisen.

Wellness ist dabei nicht automatisch Etikettenschwindel. Ein Resort kann Massagen, Yoga, Ernährung und Erholung anbieten. Entscheidend ist, dass der Unterschied zur medizinischen Behandlung erkennbar bleibt. Arora formuliert es knapp: Wellness könne um ein Erlebnis herum standardisiert werden, Behandlung müsse sich am einzelnen Patienten orientieren.

Wenn der Gast das Angebot verändert

Die Grenze wird durch den internationalen Ayurveda-Tourismus zusätzlich unscharf. Böhme kennt eine Einrichtung seit rund 15 Jahren, die inzwischen überwiegend westliche Gäste behandelt. Nach ihrer Wahrnehmung müssen dort auch erfahrene Ärzte zunehmend auf feste Vorstellungen der Besucher reagieren. Bei manchen habe sie darüber „einen gewissen Unmut und eine Müdigkeit“ wahrgenommen – ausdrücklich eine persönliche Beobachtung.

Dass der internationale Markt Ayurveda verändert, ist allerdings nicht nur anekdotisch belegt. Srinivasan Kannan vom Achutha Menon Centre for Health Science Studies in Thiruvananthapuram und Margret Frenz von der University of Oxford untersuchten Ayurveda-Resorts im südindischen Kerala. Interviews mit dortigen Praktikern zeigten, dass Marktüberlegungen die Präsentation von Ayurveda gegenüber internationalen Kunden verändert haben.

Arora warnt dennoch davor, jede Anpassung als Kommerzialisierung abzutun. Verständlichere Kommunikation, bessere Hygiene, angemessene Unterbringung oder die Abstimmung mit bereits bestehenden medizinischen Behandlungen können durchaus Fortschritte sein. Problematisch werde es dort, wo nicht mehr die Untersuchung das Programm bestimmt, sondern das verkäufliche Programm die Behandlung.

Komfort oder eine ansprechende Umgebung stehen dem nicht entgegen. Problematisch wird es dort, wo medizinische Entscheidungen an die Erwartungen zahlender Gäste angepasst werden und nicht mehr der therapeutischen Logik folgen.

Ohnehin wäre es zu einfach, den Wandel allein westlichen Gästen zuzuschreiben. Die indische Regierung fördert AYUSH-Angebote selbst im Rahmen des sogenannten Medical Value Travel und führte 2023 dafür eine eigene AYUSH-Visakategorie für ausländische Patienten ein. Ayurveda ist damit längst auch Gegenstand indischer Gesundheits-, Tourismus- und Wirtschaftspolitik.

Das ist weder ein Gütesiegel noch ein Argument gegen Ayurveda. Es beschreibt zunächst den Markt, in dem sich die alte Heiltradition heute bewegt.

Wie Ayurveda-Ärzte in Indien ausgebildet werden

Ein weiterer Unterschied zur deutschen Wahrnehmung liegt im Ausbildungswesen. Ayurveda ist in Indien ein staatlich geregelter Heilberuf. Der grundlegende medizinische Abschluss ist der Bachelor of Ayurvedic Medicine and Surgery (BAMS). Die Ausbildung dauert fünfeinhalb Jahre einschließlich eines einjährigen Pflichtpraktikums; anschließend sind Spezialisierungen über MD- oder MS-Studiengänge möglich. Die National Commission for Indian System of Medicine setzt Standards für Ausbildung und Qualifikationen.

Für Patienten, die zur Behandlung nach Indien reisen, ist das eine wichtige Orientierung. Qualifikation und Registrierung des behandelnden Ayurveda-Arztes können ebenso geprüft werden wie eine angegebene Spezialisierung.

Zwei Dinge dürfen dabei nicht verwechselt werden: Staatliche Regulierung sagt zunächst etwas über Ausbildung und Berufsausübung aus. Ob eine bestimmte Behandlung nachweislich hilft, ist eine wissenschaftliche Frage.

Dr. Jyoti Arora ist Chief Dietitian und leitet den Bereich Integrative Dietetics am All India Institute of Ayurveda (AIIA) in Neu-Delhi. Foto: (c) J. Arora

Was weiß die Forschung?

Arora beschreibt die klinische Evidenz für Ayurveda als wachsend, aber heterogen. Die Frage „Wirkt Ayurveda?“ hält sie schon deshalb für wenig sinnvoll, weil Ayurveda keine einzelne Therapie ist. Untersucht werden müssten konkrete Interventionen bei konkreten Erkrankungen.

Eine große systematische Übersichtsarbeit unter Leitung von Kaushik Chattopadhyay von der Division of Epidemiology and Public Health der University of Nottingham und dem dortigen Centre for Evidence-Based Healthcare verdeutlicht das Problem. Das internationale Team wertete die Forschung zu ayurvedischen Arzneimitteln bei Typ-2-Diabetes aus. Beteiligt waren neben mehreren britischen Einrichtungen auch das All India Institute of Medical Sciences in Neu-Delhi und das J B Roy State Ayurvedic Medical College and Hospital in Kolkata.

Die Forscher identifizierten 199 randomisierte Studien mit insgesamt 21.191 Teilnehmern zu 98 ayurvedischen Arzneimitteln. Für verschiedene Präparate fanden sich Hinweise auf eine Verbesserung der Blutzuckerkontrolle. Die große Zahl der Studien darf allerdings nicht mit entsprechend hoher Evidenz gleichgesetzt werden: Methodik und Berichterstattung waren vielfach unzureichend. Die Autoren sehen Hinweise auf einen Nutzen einzelner Präparate, fordern aber deutlich bessere randomisierte Studien.

Das liegt nicht weit von Aroras Einschätzung entfernt. Die Forschung ist umfangreicher, als ein pauschales Urteil vermuten ließe; ihre Qualität ist aber keineswegs durchgehend so gut, dass daraus Aussagen über Ayurveda insgesamt abgeleitet werden könnten.

Weder „Ayurveda wirkt“ noch „Ayurveda wirkt nicht“ führt deshalb besonders weit. Entscheidend sind Verfahren, Indikation und Qualität der Daten.

Natürlich bedeutet nicht risikofrei

Das gilt ebenso für die Sicherheit ayurvedischer Arzneimittel. Arora hält Sorgen über Blei, Quecksilber oder Arsen für berechtigt, warnt aber vor einer Verallgemeinerung. Einige herbomineralische Präparate enthalten traditionell bewusst verarbeitete mineralische oder metallische Bestandteile; in anderen Fällen spielen Verunreinigungen oder Fehler bei Herstellung und Qualitätskontrolle eine Rolle.

Sanchari Mukhopadhyay und Kollegen vom National Institute of Mental Health and Neurosciences (NIMHANS) in Bengaluru werteten für eine systematische Übersichtsarbeit publizierte Fälle von Schwermetallvergiftungen im Zusammenhang mit Ayurveda- und Siddha-Präparaten aus. Sie identifizierten 220 Fälle aus zwei Jahrzehnten, darunter 156 mit Blei und 47 mit Quecksilber. Bei 113 von 135 untersuchten Arzneimittelproben lagen die Schwermetallwerte über den zulässigen Grenzen.

Daraus folgt nicht, dass ayurvedische Arzneimittel generell toxisch sind. Wohl aber, dass „natürlich“ kein Synonym für „harmlos“ ist. Herkunft, Herstellung, Qualitätskontrolle und fachkundige Verordnung spielen auch hier eine Rolle.

Wie indisch ist das Vertrauen in den Arzt?

Einen deutlicheren Unterschied gibt es schließlich bei der Frage nach Arzt und Patient. Böhme erlebt europäische Patienten häufig als erklärungsbedürftiger. Sie wollten wissen, warum etwas geschehe, bevor sie sich darauf einließen. In manchen indischen Behandlungssettings habe sie dagegen eine stärkere Erwartung erlebt, zunächst dem Arzt und seiner Erfahrung zu vertrauen.

Arora hält die daraus abgeleitete Gegenüberstellung – Europäer wollen Erklärungen, Inder vertrauen dem Arzt – für zu einfach. Auch das indische Gesundheitswesen lege zunehmend Wert auf Aufklärung, Einwilligung und Beteiligung des Patienten. Vertrauen sei wichtig, aber es sollte, wie sie sagt, „informed trust“ sein.

„Vertrauen ist wichtig – am besten jedoch ein Vertrauen, das auf Wissen und Information basiert.“
– Dr. Jyoti Arora, All India Institute of Ayurveda

Das eine widerlegt das andere nicht. Böhme beschreibt Situationen, die sie erlebt hat. Arora warnt davor, daraus eine allgemeine Aussage über eine indische Mentalität zu machen. Gerade dieser Unterschied ist aufschlussreich.

Weder Wellnessmärchen noch starres Traditionsbild

Vielleicht liegen die verbreitetsten Missverständnisse über Ayurveda an zwei entgegengesetzten Enden.

Das eine reduziert Ayurveda auf Massage, Yoga, Kräuter und Doshas. Das andere sucht in Indien nach einer reinen, vollkommen einheitlichen Lehre, die seit Jahrhunderten unverändert überliefert worden sei.

Das heutige Ayurveda passt in keines dieser Bilder. Es ist historische Heiltradition und staatlich reguliertes Medizinsystem, Forschungsgegenstand und wirtschaftlicher Faktor. Es kennt regionale Unterschiede und moderne Ausbildungsstandards, Kliniken ebenso wie Wellnessresorts. Für manche Anwendungen gibt es klinische Daten, bei anderen bleibt die Evidenz schwach. Auch Nebenwirkungen und Qualitätsprobleme gehören zum Bild.

Gerade dort, wo europäische Erwartungen auf die indische Wirklichkeit treffen, werden diese Spannungen sichtbar. Zugleich zeigt die heutige indische Perspektive, dass auch die Suche nach dem vermeintlich unverfälschten Ayurveda eine Vereinfachung sein kann.

Und so ist am Ende vielleicht auch der Swimmingpool kein brauchbares Qualitätskriterium. Eine Ayurveda-Klinik wird nicht dadurch unseriös, dass sie einen besitzt. Die Frage danach verrät aber einiges darüber, was der Reisende in Indien zu finden hofft.

Quellen und weiterführende Literatur

Tina Singh
Tina Singh
Tina schrieb ihren ersten Artikel für theinder.net bereits 2005 und interessiert sich für gesellschaftliche Themen, Musik und Reisen. Heute ist sie im Touristikbereich tätig.

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