StartHintergrundKolumnenWas leisten Inder für Deutschland – und was leistet Deutschland für sie?

Was leisten Inder für Deutschland – und was leistet Deutschland für sie?

Von den ersten indischen Krankenschwestern bis zu den heutigen IT-Spezialisten: Wie haben Menschen indischer Herkunft Deutschland wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell geprägt? Jose Punnamparambil und Bijon Chatterji betrachten aus zwei Generationenperspektiven, was Inder für Deutschland leisten – und was Deutschland ihnen bietet.

Sechs Jahrzehnte indischer Migration nach Deutschland: Von den ersten Pflegekräften bis zu Wissenschaftlern, Studierenden und IT-Fachkräften – zwei Generationen stehen sinnbildlich für den Wandel und die vielfältigen Beiträge der indischen Gemeinschaft zur deutschen Gesellschaft. KI-generierte Symbolillustration.

Vor fast drei Jahrzehnten konnte man noch ernsthaft die Frage stellen, ob die in Deutschland lebenden Inder zum Wohlstand des Landes beitragen oder womöglich die Steuerzahler belasten. Die indische Gemeinschaft war klein und wurde in der Öffentlichkeit vor allem mit Krankenschwestern, Ordensschwestern und einigen Akademikern verbunden.

Heute stellt sich diese Frage anders. Ende 2025 lebten mehr als 300.000 Menschen mit indischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Eingebürgerte Deutsche indischer Herkunft und deren Nachkommen sind darin nicht enthalten.

Wir beide gehören zu unterschiedlichen Generationen dieser Geschichte. Der eine kam 1966 aus Indien nach Deutschland. Damals waren Reisen beschwerlich, Telefonate teuer und indische Gemeinschaften hierzulande noch klein. Der andere wurde 1978 in Deutschland als Sohn indischer Eltern geboren. Für ihn war Deutschland von Anfang an Heimat, während Indien Teil seiner Herkunft und kulturellen Prägung blieb.

Zwischen diesen beiden Erfahrungen liegen nur zwölf Jahre, aber zwei unterschiedliche Perspektiven: die des Einwanderers, der sich eine neue Heimat aufbaut, und die seines in Deutschland geborenen Nachfolgers. Heute kommen weitere Generationen hinzu, während zugleich Tausende junge Menschen aus Indien ein neues Leben in Deutschland beginnen.

Von der Krankenschwester zum IT-Spezialisten

Seit den 1960er und 1970er Jahren kamen indische Krankenschwestern, viele aus Kerala, sowie Ordensschwestern nach Deutschland. Andere studierten an deutschen Hochschulen und blieben in Forschung und Industrie. Sie kamen in ein Land, das ihre Arbeitskraft benötigte, sich selbst aber noch lange nicht als Einwanderungsland verstand.

Viele haben Deutschland mitgetragen, ohne dass darüber viel gesprochen wurde. Sie pflegten Kranke, arbeiteten in Unternehmen, zahlten Steuern und gründeten Familien. Aus einem zunächst befristeten Aufenthalt wurde für viele ein ganzes Leben.

Heute ist indische Zuwanderung stark von Bildungs- und Fachkräftemigration geprägt. Im Wintersemester 2024/25 studierten rund 59.000 Menschen aus Indien an deutschen Hochschulen. Indien ist damit das wichtigste Herkunftsland internationaler Studierender. Auch in akademischen MINT-Berufen, der Informationstechnologie und im Ingenieurwesen sind indische Fachkräfte stark vertreten.

Das zeigt sich beim Einkommen. Nach einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft lag das monatliche Medianentgelt sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigter indischer Staatsangehöriger 2024 bei 5.393 Euro, gegenüber 4.177 Euro bei deutschen Beschäftigten. Unter den untersuchten ausländischen Staatsangehörigkeiten lagen die indischen Beschäftigten an der Spitze.

Diese Zahlen beschreiben allerdings nicht den Wohlstand einer gesamten Bevölkerungsgruppe. Sie spiegeln vor allem die hohe Qualifikation vieler indischer Arbeitsmigranten wider. Entsprechend hohe Einkommen gehen in der Regel mit hohen Steuer- und Sozialabgaben einher, auch wenn sich daraus kein fiskalischer Gesamtbeitrag berechnen lässt.

Mehr als Arbeitskraft und Steuern

Doch was wäre eine Gesellschaft, die den Wert eines Menschen vor allem danach beurteilt, wie viel Einkommensteuer er zahlt?

Menschen bringen nicht nur berufliche Qualifikationen mit, sondern auch Erfahrungen, Überzeugungen und Vorstellungen vom Zusammenleben. Indien ist seit Jahrhunderten von einer großen religiösen, sprachlichen und kulturellen Vielfalt geprägt. Das Zusammenleben unterschiedlicher Gemeinschaften war und ist keineswegs immer friedlich. Dennoch können Erfahrungen aus einer solchen Vielfaltgesellschaft für Deutschland wertvoll sein.

Rücksichtnahme, Toleranz und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Lebensweisen umzugehen, sind für jede pluralistische Gesellschaft wichtig. Das sind selbstverständlich keine Eigenschaften, die allen Indern eigen wären. Doch kulturelle Erfahrungen können neue Sichtweisen eröffnen.

Auch das Verhältnis des Menschen zur Natur bietet Anregungen. In verschiedenen hinduistischen Traditionen wird der Mensch als Teil einer größeren Ordnung des Lebens verstanden, nicht als uneingeschränkter Herrscher über die Natur. Daraus ergeben sich Vorstellungen von Verantwortung gegenüber Tieren, Pflanzen und der Umwelt.

Dass Indien selbst erhebliche Umweltprobleme hat, zeigt die Widersprüche zwischen philosophischen Idealen und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dennoch können solche Vorstellungen zum Nachdenken anregen, gerade in einer Zeit, in der auch Deutschland über Nachhaltigkeit und den Umgang mit natürlichen Ressourcen diskutiert.

Kulturelle Bereicherung besteht somit nicht nur aus Musik, Tanz, Literatur oder Essen. Sie kann auch bedeuten, eigene Gewissheiten zu hinterfragen und voneinander zu lernen.

Warum kommen sie – und warum sollen sie bleiben?

Deutschland wirbt inzwischen gezielt um Fachkräfte aus Indien. Die Bevölkerung altert, in vielen Branchen fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Doch auch Deutschland muss sich fragen, was es den Menschen bietet, die es gewinnen möchte.

Ein junger indischer Ingenieur oder eine Wissenschaftlerin kann sich ebenso für Kanada, Australien oder Großbritannien entscheiden. Wer nach Deutschland kommt, trifft dagegen häufig auf komplizierte Verwaltungsverfahren, Sprachbarrieren und einen schwierigen Wohnungsmarkt. Manchmal kommt die Erfahrung hinzu, wegen eines ausländisch klingenden Namens anders behandelt zu werden.

Es genügt deshalb nicht, Menschen zu erklären, dass ihre Arbeitskraft gebraucht wird. Sie müssen auch die Möglichkeit haben, sich hier eine Zukunft aufzubauen.

Dabei geht es um mehr als beruflichen Erfolg. Ein Mensch kann arbeiten, Steuern zahlen, Deutsch sprechen und einen deutschen Pass besitzen – und trotzdem immer wieder gefragt werden: „Woher kommen Sie eigentlich?“

Für den einen von uns war die Antwort zunächst einfach. Wer in Indien geboren wurde, hat eine eigene Erinnerung an das Land, das er verlassen hat. Über Jahrzehnte kann Deutschland zur zweiten Heimat werden, ohne dass die erste ihre Bedeutung verliert.

Für den anderen stellt sich diese Frage anders. Wer in Deutschland geboren wurde, ist nicht nach Deutschland gekommen. Er ist schon da. Indien gehört zur eigenen Familiengeschichte, aber Deutschland ist nicht erst später zur Heimat geworden.

Daneben steht heute der junge Student aus Delhi oder Pune, der vielleicht erst vor wenigen Monaten angekommen ist und noch nicht weiß, ob er eines Tages bleiben möchte. Diese unterschiedlichen Erfahrungen zeigen, dass Integration nicht nur eine Frage von Sprache, Arbeit oder Staatsangehörigkeit ist. Sie hängt auch davon ab, ob Menschen sich als Teil der Gesellschaft fühlen können und als solcher anerkannt werden.

Eine Erfolgsgeschichte ohne Heldenmythos

Es wäre verführerisch, aus den Zahlen eine einfache Erfolgsgeschichte zu machen: Inder sind gut ausgebildet, verdienen viel, zahlen Steuern und integrieren sich problemlos.

So einfach ist es nicht. Auch unter Menschen indischer Herkunft gibt es soziale Unterschiede, enttäuschte Hoffnungen, prekäre Beschäftigung und Erfahrungen von Ausgrenzung. Niemand sollte seine Zugehörigkeit dadurch rechtfertigen müssen, dass er wirtschaftlich besonders nützlich ist.

Dennoch zeigt der Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eine bemerkenswerte Entwicklung. Aus einer kleinen Einwanderergruppe ist eine vielfältige Gemeinschaft geworden. Die Kinder und Enkel früherer Einwanderer sind längst Teil der deutschen Gesellschaft, während mit der heutigen Bildungs- und Fachkräftemigration ein neues Kapitel beginnt.

Deutschland hat von diesen Menschen viel bekommen: Arbeitskraft, Wissen, Steuern, kulturelle Anregungen und neue gesellschaftliche Perspektiven. Es hat ihnen zugleich Ausbildung, berufliche Möglichkeiten, Sicherheit und für viele eine Heimat gegeben.

Das ist keine Wohltätigkeit auf der einen und keine Dankesschuld auf der anderen Seite. Es ist ein Verhältnis, von dem beide profitieren können und das über den wirtschaftlichen Nutzen hinauswachsen muss.

Vielleicht wird deshalb die Frage „Was leisten Inder für Deutschland?“ eines Tages genauso merkwürdig klingen wie die Frage, was Bayern, Hamburger oder Menschen mit polnischen Großeltern für Deutschland leisten.

Dann wären Menschen indischer Herkunft nicht mehr eine Gruppe, deren Nutzen für dieses Land erklärt werden muss.

Sondern einfach ein Teil davon.

Quellen und weiterführende Literatur

Redaktioneller Hinweis: Die persönlichen biografischen Angaben zu Jose Punnamparambil und Bijon Chatterji beruhen auf den Angaben der Autoren. Wertende Aussagen über kulturelle Bereicherung und gesellschaftliche Zugehörigkeit sind als Autorenpositionen zu verstehen, nicht als empirisch nachgewiesene Eigenschaften indischer Migranten.

Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil
Jose Punnamparambil (*1936 in Kerala) ist ein deutsch-indischer Journalist, Übersetzer und Kulturvermittler, der seit 1966 in Deutschland lebt. Mit seiner Zeitschrift "Meine Welt" und zahlreichen Übersetzungen indischer Literatur fördert der Bundesverdienstkreuzträger den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland und Indien bereits seit Jahrzehnten.

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