Das sogenannte „Schwarze Loch von Kalkutta“ gehört zu den bekanntesten Ereignissen der frühen britischen Präsenz in Indien. Der Vorfall ereignete sich in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1756 nach der Einnahme von Fort William in Kalkutta durch die Truppen des Nawabs von Bengalen, Siraj-ud-Daulah. Die Umstände der Gefangenschaft und die Zahl der Todesopfer sind bis heute Gegenstand historischer Debatten.

Auslöser der Auseinandersetzung waren Spannungen zwischen der Britischen Ostindien-Kompanie und dem Herrscher von Bengalen. Die Kompanie hatte begonnen, die Befestigungen von Fort William auszubauen. Siraj-ud-Daulah betrachtete dies als Missachtung seiner Autorität und ließ gegen die britische Niederlassung vorgehen. Nach kurzer Belagerung fiel das Fort im Juni 1756 in seine Hände.
Die bekannteste Darstellung der folgenden Ereignisse stammt von John Zephaniah Holwell, einem hohen Angestellten der Ostindien-Kompanie. Nach seiner Schilderung wurden 146 Gefangene in einen etwa 24 Quadratmeter großen Arrestraum eingesperrt. Aufgrund der Enge, der Hitze und mangelnder Belüftung seien bis zum Morgen 123 Menschen ums Leben gekommen. Holwells Bericht erschien wenige Jahre später in Druck und fand in Großbritannien große Verbreitung.
Die historische Forschung begegnet diesen Angaben heute mit Zurückhaltung. Mehrere Historiker halten die von Holwell genannten Zahlen für überhöht. Schätzungen gehen teilweise von rund 60 Gefangenen aus; die Zahl der Todesopfer wird in der neueren Literatur häufig deutlich niedriger angesetzt. Unbestritten ist, dass Gefangene unter äußerst schlechten Bedingungen festgehalten wurden und dabei Menschen starben. Die genaue Rekonstruktion des Geschehens bleibt jedoch schwierig.
Auch die Frage nach der Verantwortung des Nawabs wird unterschiedlich beurteilt. Während die britische Erinnerungskultur den Vorfall lange Zeit als Beleg für die Grausamkeit Siraj-ud-Daulahs deutete, vertreten zahlreiche Historiker die Auffassung, dass die Gefangenen nicht auf seine ausdrückliche Anweisung hin in dem Raum eingesperrt wurden. Vielmehr sei die Situation auf Entscheidungen lokaler Wachoffiziere zurückzuführen gewesen.
Der Vorfall entfaltete gleichwohl erhebliche politische Wirkung. In Großbritannien wurde er als Symbol britischen Leidens in Indien wahrgenommen. Die Nachricht von der Einnahme Kalkuttas und den Todesfällen unter den Gefangenen trug zur Unterstützung militärischer Gegenmaßnahmen bei. Bereits Anfang 1757 eroberte Robert Clive die Stadt zurück. Mit dem Sieg über Siraj-ud-Daulah in der Schlacht von Plassey im Juni desselben Jahres begann der Aufstieg der Ostindien-Kompanie zur maßgeblichen Macht in Bengalen.
Im 19. Jahrhundert wurde das „Schwarze Loch von Kalkutta“ zu einem festen Bestandteil der kolonialen Erinnerungskultur. Denkmäler und Gedenktafeln erinnerten an die Opfer. Während der indischen Unabhängigkeitsbewegung gerieten diese Formen des Gedenkens zunehmend in die Kritik. Nationalistische Politiker sahen in ihnen weniger ein Denkmal für die Toten als einen Ausdruck kolonialer Geschichtspolitik. Das zentrale Denkmal wurde 1940 aus dem Stadtzentrum entfernt und auf das Gelände der St.-John’s-Kirche in Kalkutta versetzt, wo es sich noch heute befindet.
Die Diskussion über das „Schwarze Loch von Kalkutta“ hat sich damit längst von der Frage der Opferzahlen gelöst. Im Mittelpunkt steht inzwischen ebenso die Rolle, die das Ereignis in der britischen Darstellung der eigenen Herrschaft in Indien spielte, wie die Frage, auf welche Weise historische Erinnerung politisch genutzt wird.
Die Forschung hat viele Einzelheiten des Geschehens relativiert, ohne dessen historische Bedeutung grundsätzlich zu mindern. Diese liegt heute weniger in der Rekonstruktion der Ereignisse selbst als in ihrer späteren Wirkung. Das „Schwarze Loch von Kalkutta“ zeigt exemplarisch, wie historische Narrative entstehen: aus einem realen Geschehen, dessen politische und kulturelle Bedeutung erst durch Deutung, Erinnerung und Wiederholung geformt wird. Solche Narrative können über Generationen hinweg fortwirken und nicht selten größeren Einfluss entfalten als die historischen Fakten, auf denen sie ursprünglich beruhen.
Quellen:
- Holwell, John Zephaniah (1758): A Genuine Narrative of the Sufferings and Deaths of the Gentlemen who were Confined in the Black Hole, in: The Annual Register, London.
- Gupta, Brijen K. (1966): Sirajuddaullah and the East India Company, 1756–1757: Background to the Foundation of British Power in India, Leiden: E.J. Brill.
- Dirks, Nicholas B. (2006): The Scandal of Empire: India and the Creation of Imperial Britain, Cambridge, MA: Harvard University Press.
- Chatterjee, Partha (2012): The Black Hole of Empire: History of a Global Practice of Power, Princeton, NJ: Princeton University Press.
- App, Urs (2010): The Birth of Orientalism, Philadelphia: University of Pennsylvania Press, S. 297–362.






