Dankbarkeit. Das war es, was all die eigens aus allen Teilen Indiens angereisten Filmdirektoren, Schauspieler und Crewmitglieder bei diesem 23. Indian Film Festival 2026 in den Innenstadtkinos am pulsierenden Schlossplatz mitten in Stuttgart vereinte. Ein Erfahrungsbericht von Pascal Gras.

Mehr als nur Bollywood: Der Fokus auf Südindien
Sie alle waren angereist, um während dieser vier Tage ihre Filme beim größten Indischen Film Festival Europas zu präsentieren. Wer jetzt denkt, dass das ja nur Bollywood-Kitsch mit viel Tanz ist, der irrt gewaltig. Das Indian Film Festival Stuttgart startete vor 23 Jahren zwar mit Bollywood-Kino, doch längst gibt es jedes Jahr einen Fokus auf eine spezifische Region Indiens. Dieses Jahr war es Mollywood, also die Filmkunst Südindiens.
Der Direktor des Festivals, Oliver Mahn, und sein Team screenen jedes Jahr hunderte, wenn nicht sogar tausende brandneue Filme und wählen dabei nur die Allerbesten aus. Und das merkt man: Heraus kommt ein Mix aus verschiedenen Genres (Spielfilme, Dokus und Kurzfilme), der zutiefst berührt und beeindruckt.
Von Dschungel-Thrillern bis zu emotionalen Dramen

Da wäre etwa ein in den düsteren Regenwäldern Südindiens spielender, extrem bildgewaltiger Thriller mit dramatischen Wendungen über einen gesuchten Straftäter, der als Hundetrainer einen jungen Mann derart manipuliert, dass dieser zum „perfekten Hund“ wird. Hört sich kitschig und realitätsfern an? Ist es aber keinesfalls, da es überraschend tiefgründig um psychologische Manipulation geht.
Oder da wäre ein Drama über schwere Polizeigewalt aus der Perspektive eines Polizisten, der zum Whistleblower wird. Klingt nach schwerer Kost? Mitnichten. Dieser Film wurde vom deutschen Publikum zum besten Film des Festivals gewählt – sehr emotional und mit toller schauspielerischer Leistung inklusive Rambo-Vibes.
Auch ein Drama über eine Mutter, die ihren mittlerweile erwachsenen Sohn in den Bars von Kalkutta sucht, nachdem sie ihn gezwungenermaßen zur Adoption freigeben musste, zeigt Filmkunst par excellence. Sehr tiefgründig und emotional geht es hier nicht nur um die Haupthandlung, sondern laut Filmdirektorin Chaiti Ghoshal ebenfalls um das Einfangen des gesamten Vibes und der besonderen Stimmung von Kalkutta. Der Hauptdarsteller Amartya Ray wurde im Übrigen mit dem Shootingstar-Award des Festivals ausgezeichnet.
Humor und Herzenswärme für die ganze Familie
Auch Familien und Freunde von Humor kamen beim IFF nicht zu kurz: Am Sonntag gab es einen „Familienblock“, in dem u. a. ein Film über die Freundschaft von drei indischen Kindern im Alter von 12 Jahren gezeigt wurde, die aus unterschiedlicheren Familien nicht kommen könnten: Der Eine hat extrem reiche Eltern, der Andere lebt in einem Slum und die Dritte im Bunde hat streng muslimische Eltern, die nicht wollen, dass ihre Tochter Cricket spielt.
Der Junge aus dem Slum will einen Pool haben, um der Hitze zu entfliehen – also versucht die ganze Bande, für ihn einen Pool zu bauen. In diesem Film, der ebenfalls ausgezeichnet wurde, werden Humor und das harte Leben in den Slums Neu-Delhis auf eine Art zusammengefügt, die ihresgleichen sucht. Das spiegelte sich im laut aufbrandenden Applaus wider.
Ein Festival ohne Attitüden: Nahbar und familiär
Das Indian Film Festival in Stuttgart entführt den Zuschauer für einige Tage in eine andere Welt – in den Dschungel und in die unglaubliche Kultur verschiedener Regionen Indiens. Und dies nicht nur im Kino selbst, sondern auch am Roten Teppich mit aufgestellten Palmen in der Gloria-Passage sowie Gästen, die prunkvolle Saris mit goldenen Ornamenten tragen.
Darüber hinaus ist es ein Festival der Warmherzigkeit: Man kann problemlos mit Filmdirektoren und Schauspielern ins Gespräch kommen, auch ohne Presseakkreditierung. Diese nehmen sich Zeit und freuen sich enorm, mit den deutschen Zuschauern persönlich auf Englisch zu reden. Es handelt sich um kein Festival der Attitüden oder der Abgehobenheit, es herrscht vielmehr eine auffallend freundliche, lockere und familiäre Atmosphäre. Dies betonten in den Interviews im Übrigen all die indischen Gäste: Die Warmherzigkeit, welche ihnen von den Deutschen beim 23. Indian Film Festival entgegengebracht wurde.
Ausblick
Wer brandneue, unglaublich gut gemachte indische Filme unterschiedlicher Genres fernab vom schrillen Bollywood-Genre in entspannter Atmosphäre sehen möchte, der hat vom 22. bis 25. Juli 2027 in Stuttgart wieder Gelegenheit dazu.







