StartLeben & KulturStilBata: Die indische Marke, die keine ist

Bata: Die indische Marke, die keine ist

Bata gilt in Indien fast als einheimische Marke, dabei stammt der Schuhkonzern aus dem mährischen Zlín. Sein Aufstieg begann im kolonialen Indien – und erzählt auch von gesellschaftlichen Hierarchien, einer Firmenstadt und einem Arbeitskampf, der 1939 gewaltsam eskalierte.

Foto: „Taxi parked in front of a Bata store“ von AnirvanCC BY-NC 2.0

Wer in Indien Bata sagt, muss die Marke nicht erklären. Ihre Filialen gehören seit Jahrzehnten zum Straßenbild, ihre Schuhe zur Erinnerung vieler Familien. Weiße Canvas-Schuhe für die Schule, Sandalen für den Alltag, das erste ordentliche Paar fürs Büro: Bata war da. Dass der Name nicht indisch ist, wissen erstaunlich viele Inder nicht.

Die Geschichte beginnt 1894 im mährischen Zlín, damals Österreich-Ungarn. Dort gründeten die Geschwister Tomáš, Antonín und Anna Baťa eine Schuhfabrik. Tomáš Baťa machte daraus einen Industriekonzern, der auf standardisierte Produktion, niedrige Preise und eigene Geschäfte setzte. Schuhe sollten kein Luxusgut mehr sein.

Indien war dafür ein vielversprechender Markt. Zugleich machten Einfuhrzölle die Produktion vor Ort attraktiv. 1931 wurde in Kalkutta die Bata Shoe Company gegründet, ein Jahr später begann die Fertigung in Konnagar am Hugli. Maschinen und Fachkräfte kamen aus der Tschechoslowakei, indische Mitarbeiter wurden zur Ausbildung nach Zlín geschickt.

Konnagar wurde bald zu klein. Südlich von Kalkutta kaufte das Unternehmen Land und begann 1934 mit dem Aufbau einer wesentlich größeren Anlage. Es blieb nicht bei einer Fabrik. Um sie herum entstand eine ganze Siedlung.

Sie hieß Batanagar.

Eine Firma baut sich eine Stadt

Der Name verrät bereits den Anspruch. Batanagar war nicht einfach ein Ort, an dem Schuhe hergestellt wurden. Bata errichtete Wohnungen, Schulen, medizinische Einrichtungen, Geschäfte und Sportanlagen. Fabrik und Wohnort, Arbeit und Freizeit sollten zusammengehören.

Das Konzept kam aus Zlín. Bata baute solche Unternehmensstädte auch anderswo; zwischen Europa, Asien und Amerika entstand ein Netz industrieller Siedlungen. Batanagar war dessen indische Variante. Die örtlichen Verhältnisse zwangen das Unternehmen allerdings immer wieder zur Anpassung. Das europäische Modell ließ sich nicht einfach nach Bengalen verpflanzen.

Für viele Beschäftigte bot die neue Stadt Leistungen, die im industriellen Indien keineswegs selbstverständlich waren. Doch die Fürsorge hatte eine Kehrseite. Bata war Arbeitgeber, Vermieter und Sozialversorger zugleich. Wer in Batanagar arbeitete, bewegte sich auch nach Feierabend in einer Welt, die der Arbeitgeber entworfen hatte.

Die Forschung spricht von industriellem Paternalismus oder „welfare capitalism“. Das trifft den Widerspruch recht gut: Sozialleistungen und Kontrolle schlossen einander nicht aus, sie bedingten sich zum Teil. Die Firma kümmerte sich um ihre Beschäftigten und beanspruchte im Gegenzug Loyalität, Disziplin und Einfluss auf deren Lebensführung.

Dabei war Bata im kolonialen Indien ein eigentümlicher Fall. Die Tschechoslowakei war keine Kolonialmacht. Bata gehörte weder zur britischen Verwaltung noch zu jenen britischen Unternehmen, die sich seit Jahrzehnten in Handel, Plantagenwirtschaft oder Rohstoffgewinnung eingerichtet hatten.

Anfangs wurde den Tschechen von Teilen der europäischen Gesellschaft Kalkuttas sogar vorgeworfen, nicht genügend Abstand zu Indern zu halten. Nach Erkenntnissen der historischen Forschung drohte dem Unternehmen zeitweise ein gesellschaftlicher Boykott durch Europäer. Der Abstand zwischen tschechoslowakischen und indischen Gehältern erschien manchen von ihnen zu gering.

Das blieb nicht ohne Folgen. Der tschechoslowakische Konsul Jozef Lusk empfahl, die Bezüge europäischer Mitarbeiter deutlich anzuheben. Ein indischer Arbeiter könne zwölf bis fünfzehn Rupien verdienen; für einen tschechischen Beschäftigten seien dagegen 120 bis 150 Rupien angemessen, damit dieser seinen Platz in der europäischen Gesellschaft Kalkuttas behaupten könne. Ob Bata diese Empfehlung genau so umsetzte, lässt sich nicht sicher nachweisen. Die Episode zeigt aber, unter welchem gesellschaftlichen Druck das Unternehmen stand.

Auch räumlich entstanden Unterschiede zwischen europäischen und indischen Beschäftigten. Bata hatte die koloniale Ordnung nicht geschaffen. Es fand sich jedoch in ihr zurecht.

Ein besonderer Markt

Hinzu kam eine indische Besonderheit, die bei Schuhen schwer zu übersehen ist. Leder war auf dem Subkontinent nie nur ein Rohstoff. Der Umgang mit Tierkadavern, Häuten, Gerberei und Schuhherstellung war über Jahrhunderte mit Kaste, Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit und der Ausgrenzung bestimmter Berufsgruppen verbunden.

Die industrielle Schuhproduktion veränderte diese Ordnung zumindest teilweise. Bata stellte Arbeiter direkt ein, bildete sie nach eigenen Produktionsmethoden aus und löste die Herstellung damit ein Stück weit aus den traditionellen Strukturen des Schuhmacherhandwerks. Für den Kunden verschwand zugleich ein großer Teil der Herstellung hinter Fabriktor, Markennamen und Ladentheke.

Daraus sollte man allerdings keine Sozialrevolution machen. Aus den verfügbaren Quellen lässt sich nicht ableiten, welchen Kasten die Arbeiter Batanagars überwiegend angehörten. Die Fabrik konnte die traditionelle gesellschaftliche Codierung der Lederarbeit abschwächen, ohne das Kastensystem abzuschaffen.

Wirtschaftlich war das Modell erfolgreich. Eine Untersuchung der Leder- und Schuhindustrie Bengalens beschrieb Batanagar bereits als mit Abstand bedeutendste moderne Schuhfabrik der Region. Mehr als 3.000 Männer arbeiteten dort. Bata war damit nicht länger ein europäischer Händler, der Schuhe nach Indien brachte, sondern ein indischer Massenproduzent mit ausländischem Eigentümer.

Der Aufstand gegen die Firmenordnung

Wie weit Anspruch und Wirklichkeit in Batanagar auseinanderliegen konnten, zeigte sich 1939.

Anfang Januar legten Tausende Arbeiter die Arbeit nieder; binnen weniger Tage beteiligten sich rund 6.000 Beschäftigte. Ihre Forderungen sind aufschlussreicher als jede spätere Unternehmenschronik. Sie verlangten dauerhafte Arbeitsverhältnisse, einen Mindestlohn, einen Provident Fund, niedrigere Mieten, kostenlose medizinische Versorgung, Krankheitsregelungen und die Anerkennung ihrer Gewerkschaft. Muslimischen Beschäftigten sollte ausreichend Zeit für das Gebet eingeräumt werden. Und die Arbeiter wollten das Recht, Freunde und Verwandte in ihren Unterkünften zu empfangen.

Es ging also nicht nur um Rupien. Zur Debatte stand, wie weit die Macht des Unternehmens reichen durfte.

Bata hatte Wohnungen gebaut und leitete daraus Regeln für deren Bewohner ab. Die Arbeiter nahmen die sozialen Leistungen in Anspruch, bestritten aber zunehmend den damit verbundenen Anspruch auf Kontrolle. Gerade darin lag die Schwäche des paternalistischen Modells: Wer für seine Beschäftigten beinahe alles organisiert, wird irgendwann auch für beinahe alles verantwortlich gemacht.

Am 9. Januar 1939 eskalierte der Konflikt. Nach der Festnahme eines Gewerkschaftsfunktionärs kam es zu Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Polizei. Die Polizei eröffnete das Feuer; mehrere Menschen wurden verletzt.

Nach rund zwei Wochen wurde der Arbeitskampf beigelegt. Bata machte Zugeständnisse. Die Mieten wurden teilweise gesenkt, medizinische Leistungen verbessert. Noch im selben Jahr begann der Bau neuer Arbeiterunterkünfte mit Strom, Wasserversorgung und sanitären Anlagen; 1941 investierte das Unternehmen weiteres Geld in Wohnungen.

Die soziale Geschichte Batanagars lässt sich deshalb weder als Wohltätigkeit noch als Ausbeutungsgeschichte allein erzählen. Bata stellte Leistungen bereit, die für viele Arbeiter einen realen Fortschritt bedeuteten. Zugleich mussten Beschäftigte einige ihrer Rechte und Verbesserungen gegen das Unternehmen durchsetzen.

Wie Bata seine Herkunft verlor

Der Konflikt von 1939 stoppte den Aufstieg nicht. Im selben Jahr verfügte Bata bereits über 86 Geschäfte in Indien. Entscheidend war nicht nur der Preis der Schuhe. Das Unternehmen hatte begonnen, sich dem Land anzupassen.

Darin unterschied sich Bata von vielen europäischen Unternehmen im Raj. Es ging nicht in erster Linie darum, indische Rohstoffe zu gewinnen und anderswo zu verkaufen. Bata produzierte in Indien für indische Verbraucher. Fabriken, Beschäftigte, Händler und Kunden banden das Unternehmen immer stärker an den Subkontinent. Die Forschung beschreibt diesen Prozess als eine fortwährende wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration.

Dann kam 1947.

Die Teilung Indiens zerschnitt auch das Netz des Unternehmens. Batapur bei Lahore lag fortan in Pakistan, während Batanagar und andere Standorte in Indien verblieben. Bata passte sich erneut an. Die politische Ordnung, innerhalb derer das Unternehmen groß geworden war, verschwand; die Firma blieb.

Das ist für die Geschichte entscheidend. Bata war im kolonialen Indien groß geworden, war aber nicht auf das Kolonialreich angewiesen. Nach der Unabhängigkeit wurde das Management zunehmend indianisiert. Aus einem europäischen Unternehmen in Indien wurde Schritt für Schritt ein Unternehmen, das von seinen Kunden kaum noch als europäisch wahrgenommen wurde.

Jawaharlal Nehru kannte Bata bereits aus der Vorkriegszeit. 1938 hatte er mit seiner Tochter Indira Zlín besucht. Als Premierminister des unabhängigen Indien kam er im Dezember 1957 nach Batanagar und besichtigte Fabrik, Wohnungen und soziale Einrichtungen. Anschließend würdigte er Effizienz und moderne Produktionsmethoden des Unternehmens.

1973 wurde aus der Bata Shoe Company schließlich die börsennotierte Bata India Limited. Doch gesellschaftlich war dieser Schritt fast nur noch die Bestätigung einer Entwicklung, die längst stattgefunden hatte.

Denn Batas vielleicht wichtigstes Produkt in Indien war denkbar unspektakulär: der Schulschuh.

Millionen Kinder trugen Bata. Eltern kauften dort, weil ihre eigenen Eltern dort gekauft hatten. Die Marke besetzte nicht zuerst die Welt von Mode und Status, sondern die wiederkehrenden Anschaffungen des Alltags. Aus Konsum wurde Gewohnheit, aus Gewohnheit Erinnerung.

Selbst die wirtschaftliche Liberalisierung seit den neunziger Jahren hat diese Verbindung nicht ganz beseitigt. Internationale Sportmarken und neue indische Anbieter machten aus Schuhen stärker ein Modeprodukt. Bata musste sich verändern und verlor einen Teil seiner alten Selbstverständlichkeit. Die Marke blieb.

Vielleicht erklärt gerade das, weshalb so viele Inder Bata bis heute für indisch halten? Die Herkunft einer Marke wird irgendwann nebensächlich, wenn sie lange genug Bestandteil des eigenen Lebens gewesen ist.

Doch zur Erinnerung an Schulschuhe und Sandalen gehört eine zweite Geschichte. Bata kam in ein koloniales Indien, in dem europäische und indische Beschäftigte unterschiedliche gesellschaftliche Positionen einnahmen. Es baute eine Stadt, kümmerte sich um seine Arbeiter und kontrollierte zugleich Teile ihres Lebens. Es stieß auf Widerstand, musste nachgeben und passte sich schließlich auch an ein unabhängiges Indien an.

1973 erhielt das Unternehmen schließlich auch gesellschaftsrechtlich den Namen, unter dem es seine Kunden längst kannten: Bata India Limited. Dass die Marke aus der Tschechoslowakei kam, war zu diesem Zeitpunkt für Millionen indischer Kunden kaum noch von Bedeutung. Sie kauften bei Bata ihre Schuhe. Woher Bata kam, war eine andere Frage.

Quellen

Tina Singh
Tina Singh
Tina schrieb ihren ersten Artikel für theinder.net bereits 2005 und interessiert sich für gesellschaftliche Themen, Musik und Reisen. Heute ist sie im Touristikbereich tätig.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Verwandte Artikel

Zuletzt kommentiert

- Anzeige -spot_img