StartHintergrundKolumnenChalo, Auntie! oder: "Der Wut-TÜV"

Chalo, Auntie! oder: „Der Wut-TÜV“

Ein Satire-Seminar zeigt Frauen, wie sie ihre jahrzehntelang unterdrückte Wut endlich zulassen – laut, befreiend und mit Schutzbrille. Edita Truninger dreht den Spieß um und rechnet in ihrer pointierten „Chalo, Auntie!“-Kolumne humorvoll mit patriarchalen Rollenerwartungen ab.

Illustration: KI-generiert, E. Truninger

-Ich begrüße Sie herzlich zum Wutseminar. Ich heiße Elvira und bin Ihre Wut-Coachin. Bevor wir mit einigen Lockerungsübungen beginnen, gehe ich noch rasch die Teilnehmerliste durch … ähm die TeilnehmerINNENliste. Wieder mal eine reine Frauenrunde hier. Oder etwa doch nicht – da hinten: Wie ist Ihr Name?

-Sascha Wiederkehr.

-Sascha Wiederkehr … hmmm … ach ja, hier. Auf meiner Liste steht, dass Sie sich für den Aggressionsmanagement-Kurs angemeldet haben. Wohl wieder von einem Gericht dazu verdonnert worden. Das hier ist der Wut-Zulassungskurs.

-Bitte?

-Sie sind falsch. Wir machen hier den Wut-TÜV. Ich bringe Frauen bei, ihre Wut rauszulassen. Für Sie also Zimmer 205. Viel Spaß.

Nochmals von vorn: Herzlich Willkommen, liebe Fridas, Christines, Sunitas, Priyas und wie Sie alle heißen. Bitte entschuldigen Sie die leichte Verzögerung. Ich freue mich, Ihre Begleiterin zu sein, wenn es wieder heißt: «Wie komme ich meiner gerechten Wut auf die Spur?» Die Bezeichnung Wutseminar ist leider etwas beschönigend. In Wahrheit ist es eher eine Art Fitness-Bootcamp. Und es gibt viel zu lernen, meine Damen. Tellerschmeißen, Türenknallen, Möbelwerfen, Autolackzerkratzen und Mercedesstern-Abknicken. Natürlich alles im Bereich des Legalen.

Gründe für gerechten Zorn gibt es genug. Werden Sie im öffentlichen Raum täglich verbal attackiert und begrabscht? Erleben Sie in Ihrer Ehe Gewalt und werden dabei nicht mal vom Staat geschützt? Flößt man Ihnen K.o.-Tropfen ein, um Sie gefügig zu machen und filmt sie dabei, wie Sie geschändet werden? Ganz ehrlich, meine Frauen: Ich bin etwas erstaunt, wie ruhig wir hier sitzen. Dass wir nicht alle Galle spucken, uns die Nägel ins Fleisch bohren, den Tätern die Augen auskratzen.

Ich stachle Sie nicht zur Wut auf. Sie ist schon da. Das Patriarchat hat uns nur beigebracht, sie herunterzuschlucken. Ab heute wird Herabsetzung nicht mehr weggelächelt. Bei mir sind Sie dabei goldrichtig. Cholerischer Vater. Zwei Scheidungen. Ein Ex mit Doppelleben. Meine Wut ist feldgetestet. Und ich kann Ihnen sagen: Ich habe sie so satt, die bange Frage: Was werden wohl die Verwandten denken? I give a fuck, weil es einzig und allein mein Leben ist. Und wissen Sie was? Ich liebe meine Wut! Sie ist das echteste, was ich bieten kann. Generationen von Frauen vor uns haben ihre Bedürfnisse zurückgestellt, bis sie dabei fast selbst verschwanden. Damit ist jetzt SCHLUSS! Erheben wir die Stimme, nehmen wir Raum ein!  

Ich sehe da und dort bereits die ersten geröteten Augen. Nehme die ersten Schniefer wahr. Lassen Sie es raus. Heulen Sie, schreien Sie, fluchen Sie, verwünschen Sie jene, die Ihnen das alles angetan haben. Und wenn sich bei Ihnen noch nichts regt: Verwurzeln Sie sich mit beiden Füssen fest im Boden. Schließen Sie die Augen. Spüren Sie in den Bauchraum. Dort schwelt sie, manchmal jahrelang im Stillen, die Wut, und irgendwann entlädt sie sich wie ein Vulkan oder ein Feuerwerk.

Sie fragen, was Ihnen der Zorn bringt?

Wo Tränen und Kummer Sie niederdrücken, befeuert Sie Ihr Zorn. Sie schenkt Ihnen einen überwältigenden Energieschub, um nur noch Taten sprechen zu lassen. Ich muss schon sagen: Den Frauen die Wut zu verbieten, war ein geschickter Schachzug des Patriarchats. Doch damit ist es jetzt vorbei. Das Zeitalter der angepassten Frau ist Geschichte.

Was sagen Sie? Dass es schon genug Wutbürger und Leid in der Welt gibt? Da haben sie völlig recht. Deshalb machen wir den Wut-TÜV ja auch hier, in einem geschützten Rahmen. Wir haben alle Vorkehrungen getroffen und eine vorteilhafte Zusammenarbeit mit Ikea ausgehandelt. Helme, Brillen und Schutzanzüge liegen bereit. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, kann zum Wurfgeschoss werden. Aber Vorsicht: Unterdrückte Wut kann besonders heftig sein. Deshalb ist es gut, wenn Sie Ihre Urwut unter kontrollierten Bedingungen an die Oberfläche locken. Will sie sich nicht zeigen, kitzeln wir sie ein wenig heraus.

Ich bin mit allen Wassern gewaschen.
   
Ich verletze Ihren Stolz.
Ich überschreite Ihre Grenzen.
Und zuletzt trample ich noch auf Ihrer Würde herum.

Ahhhh, sehr gut dort hinten. Dieser Schrei kam von ganz weit unten. Ich nehme ihn mit viel Wohlwollen zu Kenntnis. Auch wenn es Ihnen Ihre Glaubenssätze verbieten wollen: Ihr Zorn steht Ihnen zu. Und er steht Ihnen. Kommen Sie ruhig näher! Treten Sie an den Spiegel und begutachten Sie die wunderschöne Zornesfalte, die sich bei genauerem Hinsehen zwischen Ihren Augenbrauen erahnen lässt. Machen Sie es wie ich: Cremen Sie sie jeden Abend mit Kamelmilchfett ein, damit sie schön geschmeidig bleibt. Und lassen Sie den kostbaren Zorn ja nicht verpuffen! Er ist ein Wunderwerkzeug. Er verrät Ihnen, wie viel Sie sich wert sind.

Rumms!

Sehr gut, das läuft ja wie geschmiert. Die Kosten für den zerbrochenen Spiegel rechne ich gleich mit den Kursgebühren ab.

Also, meine Frauen: Atmen Sie lang aus und beim Einatmen zählen wir gemeinsam: Eins, zwei, drei …und beim Ausatmen stellen Sie sich bitte vor, Sie hätten allen verziehen.

Wie fühlt sich das an?

Genau.

Falsch.

Klirren und Scheppern

Aua. Ich wusste gar nicht, wie hart so ein Tischbein sein kann.

Sascha Wiederkehr steckt den Kopf zur Tür herein.

-Verzeihung, Frau Elvira?

-Was?

-Der Aggressionsmanagement-Kurs wurde abgesagt. Darf ich bei Ihnen mitmachen?

-RAUS!!!

-Wo sind wir stehengeblieben? Ach ja, bei der Aufbäumung.

Ärmel hoch. Schutzbrillen auf.

Wut ist ansteckender, als Sie denken.


Anm. d. Red.: Die Schriftstellerin Edita Truninger ist seit Februar 2026 als Kolumnistin für theinder.net tätig. Ihre Kolumne „Chalo, Auntie!“ zeichnet sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt (Pressemitteilung). Ein perfekter Brückenbau zwischen Europa und Indien, und ganz im Feuilleton zuhause.

Alle bisherigen Beiträge von Edita Truninger finden Sie hier.

Edita Truninger
Edita Truninger
Edita Truninger ist Schriftstellerin und Journalistin und wohnt in Thalwil bei Zürich. Sie ist Autorin von zwei Reiseromanen: Einer ist am Flughafen Zürich angesiedelt, der andere in Ägypten. Als Reporterin ist sie auch für die Neue Zürcher Zeitung sowie für renommierte Reisemagazine unterwegs. Ihre Kolumnen zeichnen sich durch scharfsinnige Beobachtungen, eine federnde Erzählweise und eine charmante Ironie aus, die den Alltag in neuem Licht erscheinen lässt. 2008 veröffentlichte sie die siebenteilige Kolumne "Ewaabai" für theinder.net. Zuvor verbrachte sie sieben Monate in Indien. Nach der Rückkehr in die Schweiz fasste sie den Entschluss, mit der neuen Kolumne "Chalo, Auntie!" ihrem Schreiben mehr Raum zu geben.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Verwandte Artikel

Zuletzt kommentiert

- Anzeige -