Der frisch mit dem GIBC Award ausgezeichnete Autor Anant Kumar beweist erneut sein feines Gespür für Humor und Menschlichkeit. In seinem neuen Essay „Mit dem Geisterzug ins Sonnenparadies“ wird eine Bahnodyssee zu einer ebenso erheiternden wie berührenden Reise voller skurriler Begegnungen und leiser Lebensweisheiten.

„J’expédie les trains qui les emportent, tantôt vers la droite, tantôt vers la gauche.“
(„Ich lasse die Züge abfahren, die sie bald nach rechts, bald nach links fortbringen.“)
Le Petit Prince
„Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“
Max Frisch
Der erste Anschluss nach Düsseldorf gegen 19 Uhr fiel aus. Geärgert, aber noch voller Vorfreude auf meinen Flug am nächsten Nachmittag, ging ich zum Infoschalter im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe.
Die junge DB-Mitarbeiterin, eine ausgesprochen freundliche Dame, wurde bei meiner Frage auffallend nervös. Mit einer Empathie, als wäre sie selbst Reisende, sagte sie:
„Schlecht! Sehr schlecht! Es sieht sehr schlecht aus!“
„Ja, wirklich?“
„Ja. Es sieht nicht gut aus. Sehr schlecht!“
Jetzt schlich sich auch bei mir eine gewisse Mulmigkeit ein. Zwar hatte ich noch fast achtzehn Stunden bis zum Abflug. Doch laut den Durchsagen sollten nach und nach sämtliche Züge in Richtung Ruhrgebiet ausfallen. Plötzlich begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, wie man eine Nacht auf einem Bahnsteig verbringt.
Was mich tröstete, war die hohe Zahl der Mitgestrandeten. Die Geschäfte waren geschlossen. Der Bahnhof war beinahe tot. Lebendig waren nur Hunderte Menschen in derselben Notlage. Fremde blickten gemeinsam auf dieselben Anzeigetafeln, als könnten sie durch bloßes Anschauen die Realität verändern.
Das erste Glück jener pechschwarzen Nacht begegnete mir in Gestalt eines etwa fünfunddreißigjährigen Herrn, dessen Auto in Altenbeken stand. Er war gepflegt, gebildet und bemerkenswert gelassen.
„Möchten Sie ein Stückchen?“, fragte er und hielt mir sein Gebäck hin. „Ist allerdings süß.“
„Ja, gerne.“
Es war nur eine halbe Süßigkeit. Aber in jener Nacht schmeckte sie wie ein Festmahl.
Wir saßen beinahe zwei Stunden zusammen und beobachteten die Anzeigetafel. Plötzlich erschien dort tatsächlich ein Zug nach Hamm.
Wie wir uns freuten!
„Dann kommen wir heute wenigstens noch aus Kassel heraus.“
Doch das Glück hielt nicht lange.
Die Anzeige blieb zunächst stehen, verschwand dann ohne Erklärung. Neue Durchsagen folgten. Neue Verspätungen. Neue Ausfälle. Der Mann verglich immer wieder die Anzeige mit seiner Bahn-App. Nichts passte zusammen.
Schließlich sagte er mit trauriger Stimme:
„Ich komme heute nicht mehr weg.“
Auch ich fiel wieder in jene depressive Stimmung, die wohl jeder Bahnreisende kennt, wenn Hoffnung und Enttäuschung sich im Halbstundentakt ablösen.
Kurz vor Mitternacht kündigte eine Durchsage einen extrem verspäteten Zug aus Düsseldorf an. Ich fasste einen einfachen Plan. Selbst wenn der Zug nirgendwo mehr hinfahren sollte – wenigstens könnte ich dort vielleicht eine funktionierende Toilette finden.
Doch dann geschah etwas Merkwürdiges.
Als der Zug einfuhr und die erschöpften Fahrgäste fluchend ausstiegen, wechselte plötzlich die Anzeige am Wagen.
Kassel-Wilhelmshöhe – Hamm.
Mit meinen drei Gepäckstücken sprang ich hinein.
„Nur ein echter Krieg kann mich jetzt noch daran hindern, meinen Flieger zu erreichen“, sagte ich mir als Shiva-Verehrer.
Die erste Toilette war verschlossen.
Auf der Suche begegnete ich dem Lokführer.
„Entschuldigen Sie – wissen Sie, ob die nächste Toilette funktioniert?“
Er sah mich müde an.
„Ich weiß nicht einmal, wie viele Toiletten dieser Zug überhaupt hat.“
Eine ehrliche Antwort.
Im nächsten Wagen fand ich schließlich eine geöffnete.
Und der Zug fuhr.
Vor allem: Er fuhr weiter.
Mit jedem Kilometer wurde das Gemurmel im Wagen freundlicher. Niemand sprach über Pünktlichkeit. Alle freuten sich einfach darüber, dass sich überhaupt etwas bewegte.
Gegen Morgen erreichten wir Hamm.
Der Bahnhof beeindruckte mich durch seine historische Architektur. Gleichzeitig fiel mir auf, dass sich in der Halle und auf dem Vorplatz viele Menschen aufhielten, die sichtlich alkoholisiert wirkten. Die Nacht hatte ihre eigene Gesellschaft hervorgebracht.
Ich hatte nun eine Stunde Aufenthalt bis zum letzten Zug zum Düsseldorfer Flughafen.
Der Zug stand bereits am Bahnsteig.
Um ganz sicherzugehen, fragte ich zwei Bahnmitarbeiter in blauer Uniform.
„Entschuldigen Sie – fährt dieser Zug zum Flughafen Düsseldorf?“
Der eine antwortete ohne zu zögern:
„Nein. Der geht in die Abstellung.“
„Der nächste kommt später.“
Ich blickte auf die Anzeige am Wagen.
Dort stand eindeutig:
Hamm – Düsseldorf Flughafen – Düsseldorf.
Nun begann auf dem Bahnsteig ein beinahe kafkaeskes Gespräch zwischen völlig fremden Menschen.
„Der fährt.“
„Nein.“
„Der Bahnmitarbeiter hat Nein gesagt.“
„Aber auf der Anzeige steht Flughafen.“
„Vielleicht wird sie gleich geändert.“
„Oder doch nicht?“
Immer mehr Reisende kamen hinzu.
Jeder wusste etwas.
Niemand wusste etwas Genaues.
Schließlich stiegen die ersten trotzdem ein.
Nach kurzem Zögern folgte ich ihnen.
Der Wagen füllte sich rasch.
Mit der Abfahrt änderte sich die Stimmung schlagartig. Plötzlich entstand jene merkwürdige Vertrautheit, die es wohl nur unter übermüdeten Bahnreisenden gibt.
Ein Mann hatte seinen gesamten Hausstand auf einer vierrädrigen Karre verstaut.
„Können Sie mich in Düsseldorf Hauptbahnhof wecken?“
„Ich fahre nur bis zum Flughafen“, antwortete ich.
Eine andere Reisende lächelte.
„Ich mache das.“
Dann fragte sie mich:
„Wohin fliegen Sie?“
„Nach Teneriffa.“
„O je“, sagte sie freundlich. „Ich gönne es Ihnen.“
Ich musste lachen.
„Falls ich einschlafe, wecken Sie mich bitte am Flughafen.“
„Natürlich.“
Es war früher Morgen.
Fast der ganze Wagen nickte ein.
Auch ich konnte meine Augen nicht mehr offen halten.
Halbschlafend hörte ich plötzlich Stimmen.
Ich öffnete die Augen.
Die beiden Bahnmitarbeiter gingen durch den Wagen und kontrollierten Fahrkarten.
Ich sah sie an und musste unwillkürlich lächeln.
Nach ihrer ersten Auskunft hätte sich unser Zug längst in einer Abstellung befinden müssen.
Stattdessen rollte er ruhig und zuverlässig dem Düsseldorfer Flughafen entgegen.
Vielleicht, dachte ich, ist die Deutsche Bahn kein gewöhnliches Verkehrsunternehmen.
Vielleicht ist sie eine Schule der Geduld.
Wer sich auf sie einlässt, lernt etwas über Hoffnung, Enttäuschung, Zufälle und die stille Solidarität wildfremder Menschen.
Am Ende kam ich tatsächlich rechtzeitig am Flughafen an.
Nicht der Fahrplan hatte mich dorthin gebracht.
Sondern ein Geisterzug, ein halbes Stück süßes Gebäck und die Freundlichkeit einiger Menschen, die ich wahrscheinlich nie wiedersehen werde.
Über den Autor: Anant Kumar, geboren 1969 im indischen Bundesstaat Bihar, lebt seit 1991 in Deutschland und zählt zu den profiliertesten deutschsprachigen Autoren indischer Herkunft. Der Germanist und vielfach ausgezeichnete Schriftsteller verbindet in seinen Erzählungen, Essays und Satiren mit feinem Humor und großer Menschenkenntnis die indische und die deutsche Kultur – stets mit einem wachen Blick für das Absurde und zutiefst Menschliche. Er lebt und arbeitet in Kassel, veröffentlicht seit fast drei Jahrzehnten erfolgreich auf Deutsch und wurde jüngst mit dem GIBC Award geehrt.






