StartWirtschaftMärkte & Finanzen"Eine Handvoll vieler Dollar": Fünf Familien prägen Indiens Konzernwirtschaft

„Eine Handvoll vieler Dollar“: Fünf Familien prägen Indiens Konzernwirtschaft

Indiens Wirtschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten wettbewerbsintensiver geworden. Dennoch behauptet eine kleine Zahl mächtiger Familienkonglomerate ihre herausragende Stellung. Eine neue Studie im World Bank Economic Review zeigt, wie Reliance, Adani, Birla, Jindal und Tata trotz Liberalisierung und wachsender Konkurrenz ihre Position behaupten konnten.

Quelle: Reproduced from Commander et al. (2026), Business Groups, Concentration and Market Power in India, The World Bank Economic Review, Fig. 7, doi:10.1093/wber/lhag026. © The Author(s) 2026. CC BY 4.0. Daten: CMIE PROWESS

Die Leser mögen den plakativen Titel in Anlehnung an den berühmten Italowestern verzeihen – aber selten passte er so gut. Denn hinter Indiens Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht steht nicht nur eine immer größere Zahl neuer Unternehmen. Einen erheblichen Teil des Geschäfts der großen indischen Familienkonglomerate teilen weiterhin einige wenige Namen unter sich.

Reliance, Adani, Birla, O. P. Jindal und Tata: Diese fünf Gruppen vereinten 2020 mehr als 60 Prozent der Umsätze der 25 größten familiengeführten Unternehmensgruppen auf sich. Bemerkenswert ist dabei weniger, dass sie groß sind, als wie hartnäckig sich ihre Stellung über zwei Jahrzehnte gehalten hat. Die einzelnen Anteile der fünf Gruppen blieben vergleichsweise stabil; ihr gemeinsamer Anteil ging über den Untersuchungszeitraum sogar leicht zurück.

Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie Business Groups, Concentration and Market Power in India. Die Autoren untersuchen anhand von Unternehmensdaten aus CMIE PROWESS, wie sich Indiens große Familienkonglomerate zwischen 2001 und 2020 entwickelt haben.

Groß – aber nicht 60 Prozent der indischen Wirtschaft

Eine Zahl verlangt dabei besondere Vorsicht: Die fünf Konzerngruppen kontrollieren nicht 60 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung. Die Zahl bezieht sich auf ihren Anteil an den Umsätzen der 25 untersuchten großen Familiengruppen.

Wie groß deren wirtschaftliches Gewicht dennoch ist, zeigt eine andere Rechnung der Autoren. Die Umsätze der 25 größten Familiengruppen entsprachen 2020 zusammen rund 15 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts. 2001 waren es rund elf Prozent. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2012 entsprach ihr Umsatz sogar rund 20 Prozent des BIP.

Umsatz und Bruttoinlandsprodukt sind allerdings unterschiedliche volkswirtschaftliche Größen. Die Zahlen sagen daher nicht, dass die Konzerne 15 oder 20 Prozent des indischen BIP „erwirtschafteten“. Sie dienen den Autoren vielmehr als Maßstab für die Größenordnung der Unternehmensgruppen im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft.

Mehr Wettbewerb – und trotzdem dieselben Giganten

Genau hier liegt das eigentlich interessante Paradox der Studie.

Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung Indiens ist die Konzentration in vielen einzelnen Branchen zurückgegangen. Der Rückzug staatlicher Unternehmen und ein intensiverer Wettbewerb im Privatsektor haben dazu beigetragen. Gleichzeitig ist die Spitze der indischen Konzernlandschaft erstaunlich stabil geblieben.

Die Liberalisierung hat also Wettbewerb geschaffen, ohne die großen Familiengruppen aus ihrer zentralen Stellung zu verdrängen.

Wie ist das möglich?

Eine Erklärung liegt in der Diversifizierung. Die großen Gruppen sind nicht zwangsläufig deshalb so mächtig, weil sie einen einzelnen Markt beherrschen. Vielmehr sind sie gleichzeitig in zahlreichen Wirtschaftszweigen aktiv.

Vor allem zwischen 2000 und 2010 expandierten die großen Familiengruppen stark in neue Sektoren. Die Studie stellt fest, dass diese Diversifizierung überwiegend zwischen verschiedenen Branchen und nicht lediglich innerhalb bestehender Geschäftsfelder stattfand.

Damit verändert sich auch die Perspektive auf wirtschaftliche Konzentration. Ein Telekommunikationsmarkt kann wettbewerbsintensiver werden, ebenso ein Energie-, Stahl- oder Einzelhandelsmarkt. Wenn dieselben Unternehmensgruppen gleichzeitig in vielen dieser Märkte vertreten sind, kann ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung trotzdem hoch bleiben.

Seit 2013 steigen die Preisaufschläge

Die Autoren untersuchen deshalb auch die Frage, ob sich diese Stellung in größerer Marktmacht niederschlägt.

Als Näherungswert verwenden sie das Verhältnis von Umsätzen zu variablen Kosten. Dieses sogenannte Markup entwickelte sich zunächst unspektakulär: Zwischen 2001 und 2013 ging es tendenziell leicht zurück. Danach änderte sich das Bild deutlich.

Vom Tiefpunkt 2013 bis 2020 stieg das Verhältnis um rund 16 Prozent. Über den gesamten Zeitraum von 2001 bis 2020 betrug der Anstieg rund 14 Prozent.

Noch interessanter ist der Zusammenhang mit der Konzentration innerhalb einzelner Branchen. Für den Zeitraum 2013 bis 2020 finden die Autoren einen statistisch signifikanten positiven Zusammenhang zwischen Markups und Marktkonzentration.

Das ist kein Beweis dafür, dass große Unternehmensgruppen automatisch höhere Preise durchsetzen oder dass Konzentration allein die Ursache steigender Margen ist. Es ist aber ein Hinweis darauf, dass Wettbewerbspolitik nicht nur darauf schauen sollte, wie viele Unternehmen in einem einzelnen Markt miteinander konkurrieren.

Die Frage nach den „National Champions“

Damit wird die Studie politisch interessant.

Indiens Wirtschaftspolitik hat große Unternehmensgruppen über lange Zeit nicht nur toleriert, sondern teilweise bewusst gefördert. Dahinter steht eine auch aus anderen Ländern bekannte Vorstellung: Große heimische Konzerne können als „National Champions“ die nötige Größe entwickeln, um international mit amerikanischen, europäischen oder chinesischen Unternehmen zu konkurrieren.

Das kann wirtschaftspolitisch durchaus Vorteile haben. Große Konglomerate verfügen über Kapital, Managementstrukturen und Zugang zu Finanzierung, mit denen sich Infrastrukturprojekte oder neue Industrien schneller aufbauen lassen.

Doch die Kehrseite ist offensichtlich: Je breiter solche Gruppen aufgestellt sind, desto schwieriger wird es, ihre wirtschaftliche Macht allein mit klassischen Instrumenten der Wettbewerbspolitik zu erfassen.

Die Autoren diskutieren in diesem Zusammenhang auch politische Verbindungen und mögliche politökonomische Vorteile großer Gruppen. Daraus sollte jedoch keine einfache Kausalgeschichte gemacht werden. Die Studie liefert keinen Beweis dafür, dass politische Nähe den wirtschaftlichen Erfolg einzelner Konzerne verursacht hat.

Ein Problem für die klassische Wettbewerbspolitik

Damit führt die Untersuchung zu einer ungewöhnlichen Frage: Was genau bedeutet wirtschaftliche Konzentration in einem Land, dessen einzelne Märkte wettbewerbsintensiver werden, während dieselben Konglomerate gleichzeitig in immer mehr dieser Märkte vertreten sind?

Die klassische Wettbewerbspolitik betrachtet vor allem einzelne Branchen, Unternehmenszusammenschlüsse und marktbeherrschende Stellungen. Die indische Entwicklung zeigt jedoch, dass daneben eine zweite Ebene existiert: die wirtschaftliche Macht diversifizierter Unternehmensgruppen.

Die Autoren gehen deshalb ungewöhnlich weit und diskutieren sogar Obergrenzen für Marktanteile von Unternehmensgruppen. Ein solcher Ansatz würde weit über die traditionelle Fusions- und Missbrauchskontrolle hinausgehen.

Ob ein derartiger Eingriff sinnvoll oder überhaupt praktikabel wäre, ist eine andere Frage. Schon die Definition eines gruppenweiten Marktanteils über völlig unterschiedliche Branchen hinweg ist kompliziert.

Doch genau darin liegt der Wert der Studie. Sie erzählt nicht die einfache Geschichte eines immer stärker monopolisierten Indiens. Ihr Befund ist interessanter:

Indiens Märkte sind in vielen Bereichen wettbewerbsintensiver geworden. Die wirtschaftliche Bedeutung der größten Familienkonglomerate ist deshalb aber keineswegs verschwunden.

Reliance, Adani, Birla, Jindal und Tata stehen exemplarisch für dieses scheinbare Paradox. Der Wettbewerb nimmt zu – und die Giganten bleiben.

Link zur Studie: Business Groups, Concentration and Market Power in India | The World Bank Economic Review | Oxford Academic

Bijon Chatterji
Bijon Chatterji
Dr. Bijon Chatterji ist Mitbegründer und Chefredakteur von theinder.net. Nach Studium, Promotion und Forschung in Braunschweig und Hannover wechselte er in die Biotechnologiebranche, wo er seit über einem Jahrzehnt internationale strategische Führungsaufgaben mit Schwerpunkt Indien wahrnimmt. Von 2012 bis 2016 gehörte er der Auswahlkommission des Programms „Deutsch-Indisches Klassenzimmer“ der Robert Bosch Stiftung und des Goethe-Instituts Neu-Delhi an. Seit 2018 ist er Mitorganisator des „Hanseatic India Colloquium“ in Hamburg, referierte unter anderem am IIT Bombay und nimmt seit 2023 auf Einladung der Bundesintegrationsbeauftragten an Dialoggesprächen im Bundeskanzleramt teil. Seit 2026 ist er Mitglied des Indo-German Media Network.

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